Nach vorne schauen

07.04.2025 |

Ein Pfarrer zwischen Kritik und Solidarität

„Es hilft jetzt nicht, aufzurechnen und abzurechnen“. Das sagte Pfarrer Matthias Koffler in seiner Ansprache beim zurückliegenden dritten „Abendgebet in Solidarität“, zu dem sich einmal mehr viele Gläubige aus den sieben Gemeinden der von Koffler bis dato geleiteten Seelsorgeeinheit Baden-Baden versammelt hatten. Tatsächlich ein beeindruckendes Zeichen der Solidarität mit dem Pfarrer, der vom Erzbischöflichen Ordinariat als Leiter der Seelsorgeeinheit Baden-Baden abgesetzt wurde.
 
Allerdings: Auch Koffler selbst gelang es nicht, in seiner Ansprache ohne dieses Auf- und Abrechnen auszukommen. Verschiedene Leute hätten versucht, „mit Halbwahrheiten und Falschaussagen“ die Deutungshoheit über das Geschehen zu gewinnen, betonte er und kritisierte seine Gegner in Baden-Baden ebenso wie den Dekan und den Generalvikar. Bis hin zu der Aussage, man habe ihn und seine Gemeinden „in die Katastrophe geschickt“. Die eigentlich ausgleichend gemeinte Formulierung von Generalvikar Christoph Neubrand im Interview mit dem Konradsblatt, dass es nicht nur Schwarz und Weiß gebe, sondern auch Grautöne, griff er auf, um sie negativ zu deuten: „Ich habe immer gedacht, es gibt Farbe in unserer Kirche.“ An seiner eigenen Rolle als Opfer und der Beschreibung der anderen Seite als Schuldige ließ er nicht den Hauch eines Zweifels: „Für mich wird es in diesem Jahr wohl kein Ostern geben“, stellte er fest, ließ aber immerhin auch seine Hoffnung auf „Heilung für alle“ anklingen.
 
„Heilung für alle“. Diese Hoffnung von Matthias Koffler erscheint angesichts der Verwerfungen, die dieser Konflikt in der Seelsorgeeinheit Baden-Baden mit sich brachte, geradezu utopisch. Der jetzige Dekan und künftige Leiter der neuen Pfarrei Baden-Baden, Lorenz Seiser, muss sich auf einen kühlen Empfang gefasst machen und wird einen langen Atem brauchen, um zusammen mit dem verantwortlichen Leitungsteam und den anderen Priestern und Hauptamtlichen ein gewisses Maß an pastoraler Normalität herzustellen. Möglicherweise werden Mitglieder der Baden-Badener Gemeinden sonntags zu Autobahnkirche pilgern, um dort mit ihrem ehemaligen Pfarrer den Gottesdienst zu feiern. Als Rektor dieser Kirche, losgelöst von der rechtlichen Struktur der neuen Pfarrei und ihren Leitungspersonen, wird es Matthias Koffler nicht an Freiraum fehlen, um diesen besonderen pastoralen Ort mit seinen eigenen Farben zu gestalten.  
 
Ansonsten gilt es tatsächlich, das Auf- und Abrechnen zu beenden und nach vorne zu schauen. Denn wenn das erstaunliche mediale Echo, das der Konflikt um Matthias Koffler auslöste, verklungen ist – und das wird sehr bald der Fall sein – wird wieder das unspektakuläre, ganz alltägliche kirchliche Leben in den Vordergrund rücken und zu gestalten sein. Der Pfarrer ist dabei sicherlich wichtig, aber doch nur einer von vielen Menschen, auf die es an vielen unterschiedlichen Orten ankommt.
 
Michael Winter