Zarte Hoffnung
09.12.2024 |
Noch ist zweifelhaft, ob der Nahe Osten zu mehr Ruhe kommt
Von Klaus Gaßner
An den Pulverdampf über dem Nahen Osten hat sich die Welt gewöhnt – zuletzt stand er dicht über Syrien und nun, nachdem er sich lüftet, gibt er Wundersames preis. Nach 54 Jahren gehört das Regime des Assad-Clans der Vergangenheit an, fast über Nacht gelang es Rebellen, diese drückende Erblast zu beseitigen, die für Terror gegen das eigene Volk stand, unfassbare Korruption und wirtschaftlichen Stillstand. Generationen haben sich an den Assads die Zähne ausgebissen und dann hält das Pulverfass Nahost urplötzlich eine positive Überraschung parat.
Für Überraschung steht aber auch die HTS, die neue starke Kraft in Syrien. Hervorgegangen ist sie aus radikal-islamistischen Kreisen, ihr aktuelles Auftreten aber verbreitet Hoffnung. Bislang gab es keine Übergriffe gegen Christen oder religiöse Minderheiten, der Vatikan-Botschafter fordert bereits ein Ende der Sanktionen gegen das Land. Sogar von einer „neuen politischen Phase“ ist die Rede und Migrationsforscher erkennen eine „historische Zäsur“. Die war auch im Südwesten spürbar, wo Syrer jubelnd auf die Straßen gegangen sind und nicht wenige von ihnen, die seit langem in Deutschland gut integriert sind, laut von einer Rückkehr träumen.
Syrien ist ein Land mit langer christlicher Tradition – überschattet von einer Entwicklung seit hundert Jahren, die den Anteil der Christen auf gerade mal zehn Prozent sinken ließ. Einige der Verbliebenen sprechen syrisch-aramäisch, eine ähnliche Sprache wie einst Jesus. Wie alle Minderheiten waren auch Christen zuletzt stets auf der Hut – vor der allmächtien Bedrohung durch islamistische Gruppen einerseits, der Unberechenbarkeit des eigenen Regimes auf der anderen.
Nun zeichnet sich in Syrien ein Wandel ab, aber auch im gesamten Nahen Osten könnte eine neue Ordnung entstehen. Der Iran, auch Russland, scheinen geschwächt, dagegen hat die Türkei an Einfluss gewonnen, Israel wiederum die Hamas und die den Libanon knechtende Hisbollah in die Schranken gewiesen.
Nun zeichnet sich in Syrien ein Wandel ab, aber auch im gesamten Nahen Osten könnte eine neue Ordnung entstehen. Der Iran, auch Russland, scheinen geschwächt, dagegen hat die Türkei an Einfluss gewonnen, Israel wiederum die Hamas und die den Libanon knechtende Hisbollah in die Schranken gewiesen.
Allerdings: In der Krisenregion hängt alles mit allem zusammen, religiöse Uneinigkeit, ideologiegetriebenes Sendungsbewusstsein, machtpolitische Egoismen und nicht zuletzt die Interessen der Weltmächte. Daher ist Zurückhaltung angesagt. Mit dem Wandel in Syrien ist ein verbrecherisches Regime beseitigt. Doch erstickten in dieser Region schon zu oft hochfliegende Hoffnungen in bösen Überraschungen.