Keine Zeit
15.10.2024 |
Michael Winter
Die Corona-Aufarbeitung ist bis auf Weiteres verschoben
Corona ist nicht vorbei. Das Virus bleibt und wird auch nicht wieder verschwinden. Allerdings: Corona als pandemische Bedrohung und als eine gesundheitliche Gefahr, der Wissenschaftler, Mediziner und Politiker zunächst ratlos und planlos gegenüberstanden, ist tatsächlich vorbei. Glücklicherweise.
Aber es ist keine Geschichte, die weit zurückliegt, sondern jüngste Vergangenheit. Und die Wunden, die nicht nur das Virus selbst, sondern auch der Umgang mit dieser Bedrohung geschlagen hat, sind noch nicht verheilt. Nach wie vor steht die Frage im Raum, welche Fehler vor allem in der Anfangsphase der Pandemie gemacht wurden. Ob die Einschränkungen der persönlichen Freiheit zu weit gingen und mehr Leid als Nutzen mit sich brachten. Und vor allem: ob die langen Schließungen von Schulen und Kindergärten gerechtfertigt waren. Eher nicht, wie sich im Nachhinein sagen lässt.
Darüber hinaus halten sich freilich auch Theorien, nach denen diese Entscheidungen Teil einer insgeheim geplanten umfassenden Strategie waren, um die Interessen einer weltweit agierenden politischen und wirtschaftlichen Elite durchzusetzen. Es gehört zu den verblüffendsten Erkenntnissen aus der Zeit der Pandemie, dass fast jeder und jede in seinem näheren oder weiteren Bekannten- und Freundeskreis Personen benennen kann, die solchen Verschwörungsgedanken anhängen. Und viel zu oft sind darüber auch ursprünglich gute Beziehungen, ja sogar Freundschaften zerbrochen.
Umso wichtiger wäre es jetzt, so zeitnah wie möglich, einen Prozess der offenen und unaufgeregten Aufarbeitung in Gang zu setzen. Und eben dies war eigentlich auch die Absicht der Regierungsparteien. Allein: Im Blick auf die Methode dieser Aufarbeitung und hinsichtlich der Frage, wer auf welche Weise daran beteiligt sein sollte, präsentierte sich die Ampel genau so uneinig wie bei anderen Themen. Der Konsens, der schließlich verkündet wurde, beschränkte sich auf die Feststellung, dass in der laufenden Wahlperiode die Zeit für eine angemessene Aufarbeitung der Krise zu knapp sei. Ehrlicher wäre folgender ergänzender Hinweis gewesen: Der Wahlkampf hat begonnen und wird in den nächsten Monaten so viel Energie und Zeit absorbieren, dass für einen solchen Prozess, der viel Detailarbeit und Reflexionsbereitschaft erfordert, keine Ressourcen mehr übrig sind. Das ist traurig, Und vielleicht liegt in einem solchen Vorgang auch einer der Gründe für den Hang zur Politikverdrossenheit.
Michael Winter