Machtlos
17.10.2023 |
Der Krieg in Israel könnte auch den Libanon beschädigen
Von Klaus Gaßner
Sie kamen voller Hoffnung und voller Elan, und ihre Augen strahlten, wenn sie von ihrer Heimat erzählten: Der libanesischen Delegation aus Bischöfen und Ordensleuten, die derzeit Deutschland bereist, ist der Feuereifer für den Dienst an ihrem Zuhause anzumerken.
Wie furchtbar, dass sie nun ausgerechnet auf ihrer gut geplanten Mission, die Interesse und Vertrauen fürs eigene Land gewinnen soll, von der gnadenlosen Realität eingeholt werden. Als Bischof Hannah Rahmé mit seinem Team Ende September den Libanon verlassen hatte, rechnete keiner mit den entsetzlichen Bildern, die mittlerweile weltweit für Schrecken sorgen. Wenn die Libanesen nun wieder ins Flugzeug zurück nach Beirut steigen, sind ihre Gefühle ganz anders. Voller Bestürzung und Sorge über das, was im Nachbarland Israel passiert und womöglich weiterschwappt.
Der Libanon, ein Land, das von einem langen Bürgerkrieg, einer katastrophalen Wirtschaftskrise aber auch einer korrupten Regierung gezeichnet ist, droht in den Krieg gegen Israel hineingezogen zu werden. Es ist ein verheerendes Signal, wenn selbst der Ministerpräsident in der Öffentlichkeit seine Machtlosigkeit bekennt und einräumen muss, dass die Frage nach Krieg oder Frieden nicht an seinem Schreibtisch entschieden werde: Mehr noch, dass die ausgetüftelte Regierungsarithmetik in Beirut keine eigentliche politische Macht besitzt, Libanon ist ein Spielball größerer Kräfte, es wird wesentlich dominiert von der Hisbollah, der islamistisch-schiitischen Miliz, die beträchliche Teile des Landes kontrolliert. Und die mächtige Unterstützer im Iran weiß.
Das alles ist nicht neu, aber gewinnt durch den nun entbrannten Konflikt mit Israel eine furchtbare Dramatik: Just zum Sonntag der Weltmission, wenn in Deutschland zur Hilfe aufgerufen wird für Christen in Syrien und im Libanon, droht dort wieder ein Inferno. Man mag sich kaum vorstellen, was aus dem geschwächten Land wird, wenn eine Kriegsmaschinerie darüber hinwegzieht.
Gerade christliche Gemeinden haben im Libanon in den vergangenen Jahren viel dazu beigetragen, große Not zu lindern; sie haben Netzwerke der Hilfe und Zentren der Unterstützung aufgebaut. Das sind fragile Systeme, in einem militärischen Konflikt könnten sie kaum bestehen. Weit schlimmer aber als der materielle Schaden: Der Dämpfer für die Hoffnung, die im Land gerade aufkeimt.
Gerade christliche Gemeinden haben im Libanon in den vergangenen Jahren viel dazu beigetragen, große Not zu lindern; sie haben Netzwerke der Hilfe und Zentren der Unterstützung aufgebaut. Das sind fragile Systeme, in einem militärischen Konflikt könnten sie kaum bestehen. Weit schlimmer aber als der materielle Schaden: Der Dämpfer für die Hoffnung, die im Land gerade aufkeimt.