Machtgefälle
04.10.2023 |
Menschen lernen Glauben, wie sie lernen, sich im Dasein zurechtzufinden; in Gemeinschaft und unter kundiger Anleitung. Und ähnlich, wie sie ihre Kinder ins Leben begleiten, bringen viele Eltern ihre Kinder in Kontakt mit der Vorstellung von Gott und seiner Beziehung zu uns Menschen. Eine Lernbeziehung mit Machtgefälle. Das gilt für die Familie, in der Seelsorge, im Religionsunterricht und geistlicher Begleitung. Und Macht kann missbraucht werden.
Die neue Aufmerksamkeit für spirituellen Missbrauch seitens der Bischöfe ist unbedingt zu begrüßen, das Tabu muss dringend auf die Tagesordnung. Geistlicher Missbrauch ist ja nicht auf christliche Kreise begrenzt; in jedem religiösen Zusammenhang mit ungleichen Machtstrukturen, in dem es um Beratung, Begleitung, Erziehung und Reifung im Glauben an Gott geht, kann das damit einhergehende Autoritätsgefälle verzerrt und missbraucht werden. Die Machtfrage ist gestellt. Und auch sie geht uns unbedingt an.
Höchste Zeit, dass die Bischöfe geistlichen Missbrauch bekämpfen
Gott ist das, was uns unbedingt angeht: Die prägnante Formulierung des Theologen Paul Tillich (1886-1965) macht deutlich, wie sensibel das menschliche Erleben ist, wenn es um Glaube, Religion und geistliche Erfahrung geht. Eine Glaubenserfahrung im Sinne der Begegnung mit „etwas“, das die persönlichen Lebenswelt und -zeit überschreitet, ist existenziell: eine Frage von Leben und Tod.
Menschen lernen Glauben, wie sie lernen, sich im Dasein zurechtzufinden; in Gemeinschaft und unter kundiger Anleitung. Und ähnlich, wie sie ihre Kinder ins Leben begleiten, bringen viele Eltern ihre Kinder in Kontakt mit der Vorstellung von Gott und seiner Beziehung zu uns Menschen. Eine Lernbeziehung mit Machtgefälle. Das gilt für die Familie, in der Seelsorge, im Religionsunterricht und geistlicher Begleitung. Und Macht kann missbraucht werden.
Kurz nach Beginn des Bekanntwerdens der tausendfachen Fälle von sexuellem Missbrauch in Institutionen und Zusammenhängen der Kirchen stand auch der Begriff „geistlicher Missbrauch“ im (Kirchen-)Raum: als Geschehen von Manipulation, Unterdrückung und Ausnutzung „im Namen Gottes“, wenn Ratsuchende etwa von Geistlichen für eigene Zwecke und Ziele gefügig gemacht wurden. Christliche Lehren, Werte und Begriffe werden entstellt und missbraucht, um sie zur Untermauerung der Machtansprüche einzusetzen.
Nach der schrittweisen Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs wollen die katholischen Bischöfe in Deutschland nun verstärkt auch den Missbrauch geistlicher Autorität in den Blick nehmen, bekämpfen und bestrafen. Weil „die bisweilen lebenslang wirkenden Verwundungen solchen Missbrauchs denen des sexuellen Missbrauchs vergleichbar sind“, wie der Bischof von Dresden-Meißen, Heinrich Timmerevers, auf der Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz in Wiesbaden erläuterte.
Die neue Aufmerksamkeit für spirituellen Missbrauch seitens der Bischöfe ist unbedingt zu begrüßen, das Tabu muss dringend auf die Tagesordnung. Geistlicher Missbrauch ist ja nicht auf christliche Kreise begrenzt; in jedem religiösen Zusammenhang mit ungleichen Machtstrukturen, in dem es um Beratung, Begleitung, Erziehung und Reifung im Glauben an Gott geht, kann das damit einhergehende Autoritätsgefälle verzerrt und missbraucht werden. Die Machtfrage ist gestellt. Und auch sie geht uns unbedingt an.
Von Brigitte Böttner