Nach allen Seiten offen

28.08.2023 |

Selbstbestimmung: Wer bin ich? Und in welcher Haut?

Künftig soll jede volljährige Person ihre Geschlechtsidentität im Pass frei wählen und dann selbst zwischen den Einträgen „männlich“, „weiblich“, „divers“ oder „ohne Angabe“ entscheiden können. Ein großer gesetzlicher Wurf für eine vergleichsweise kleine Gruppe von Betroffenen – und eine ebenso große Herausforderung für alle anderen, die Mitmenschen. 

Es scheint, auf durchaus rätselhafte Weise, wichtig für uns, im täglichen Miteinander zu wissen, woran wir sind: Männlein oder Weiblein. Interessanterweise ist das in jungen Jahren nicht so: Wenn es um die Bedürfnisse des Lebens geht, reicht kleinen Kindern die schlichte Funktionsbeschreibung; aus der Anrede „Mama“ oder „Papa“ wird dann schon auch mal ein „Mapa“ oder „Pama“ – zum großen Amüsement aller Anwesenden. 

Nun hat die Sozialwissenschaft herausgefunden: Viele Menschen unterschiedlicher Lebensphasen fühlen sich nicht wohl in ihrer Haut; sie sind im gewohnten Umfeld der Familie oder jugendlichen Peergroup nicht heimisch geworden, konnten nirgends andocken. Häufig fehlt es wohl auch an notwendig offenen Begegnungen und damit attraktiven Rollenvorbildern, die eben gerade keine schnöde Unterscheidung daherbeten nach dem altbackenen Motto: „Mädchen, die pfeifen und Hühner, die krähen, den‘ soll man beizeiten ...“ Frau weiß, wie übel und vor allem, wie gewalttätig dieser schlechte Reim ausgeht.

Im Prinzip braucht es nicht viel Fantasie, um sich ausmalen zu können, dass es Menschen gibt, die unter ihrer sexuellen Zuordnung leiden. Mögen es auch wenige sein, unsere Gesellschaft sollte genug Toleranz im Rücken und Verfassungsrecht im Gepäck haben, um auch ihnen gerecht zu werden. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, mit diesem revolutionären Artikel eröffnet unser Grundgesetz – wie wir wissen, vor dem Hintergrund unvorstellbarer Verbrechen, die Menschen aneinander begangen haben.

Die Religionen, vornehmlich die im Alten Orient kultivierten, haben die Menschenwürde früh erkannt und benannt, der erste (aber zeitlich jüngere) Schöpfungsbericht des Volkes Israel fasst das in die fast unglaubliche göttliche Ansage: „Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!“ (Genesis 1, 26). Die christlichen Kirchen teilen dieses Menschenbild, eine Vorstellung von Personsein, die nach allen Seiten offen ist.                
 
Brigitte Böttner