Deutungsoffen

14.06.2023 |

Gerade in Krisenzeiten sollte Fronleichnam nicht infrage stehen 

Von Michael Winter
 
Nach Jahren der Beschränkungen wurde das Fronleichnamsfest in der vergangenen Woche fast überall wieder in „gewohnter“ Weise gefeiert. Mit Gottesdiensten unter freiem Himmel und oft auch mit einer Prozession. Allen voran in Freiburg, wo die Bischöfe, das Domkapitel und die Gläubigen erstmals seit 2019 wieder mit dem Allerheiligsten durch die Straßen zogen. Begleitet sogar von einer Kameradrohne, die den Zuschauern der Livestream-Übertragung besondere Perspektiven lieferte. 

Ungeachtet vieler schöner Bilder wäre es aber nicht ehrlich, so zu tun, als wäre das Fest überall als „ungebrochene“ Fortsetzung der früheren Tradition empfunden worden. Im Vorfeld waren immer wieder auch kritische Anfragen zu vernehmen gewesen. Passt die barockartige Staffage mit „Himmel“, üppigen Stoffen, Fahnen und Blumenteppichen noch in die Zeit? Ist es angesichts der  Erkenntnisse über Missbrauch in der Kirche überhaupt vertretbar, dass sich Katholiken auf diese offensive Weise öffentlich präsentieren? Konterkariert dieses Fest mit seiner betont „katholischen“ Botschaft von der Realpräsenz Christi in der Hostie nicht die Ökumene? Und nicht zuletzt: Wie gehen wir damit um, dass die Schar der Gläubigen, die der Monstranz und dem „Himmel“ folgt, spürbar kleiner geworden ist? Und das keineswegs nur wegen der Pfingstferien?
Solche Bedenken müssen ernst genommen werden. Auf der anderen Seite lässt das Fronleichnamsfest wie kaum ein anderes großen Raum für unterschiedliche und zeitgemäße inhaltliche Schwerpunktsetzungen.
 
Die Feier des Gottesdienstes außerhalb des Kirchenraumes und die anschließende Prozession stehen ganz im Sinne des Konzils für das beständige Unterwegssein des pilgernden Gottesvolks. Die Rede vom „Leib Christi“ ist keineswegs nur auf die konsekrierte Hostie zu beziehen, sondern auch auf das Miteinander und die Zusammengehörigkeit der Gemeinde der Gläubigen, die beim gemeinsamen Gang durch die Straßen in besonderer Weise spürbar werden. Und die reale Gegenwart Christi in Brot und Wein steht gerade in diesen Krisenzeiten auch für die Zusage Jesu, zu allen Zeiten bei denen zu sein, die ihm nachfolgen. Und letztendlich gibt es auch keinen Grund, über die kleinere Zahl der Mitfeiernden beschämt zu sein. Vielmehr gilt es, die veränderte und sicher auch ernüchternde kirchliche Realität in ehrlicher Weise wahrzunehmen, auch nach außen hin nicht zu verbergen. Das zeugt von Demut ebenso wie von Selbstbewusstsein. Beides ist notwendig.