Lieb, teuer ...

29.07.2025 |

... und gleichberechtigt: Bildung kennt die Kategorie Geschlecht

„Bildung macht Mädchen stark.“ Der Werbespruch einer bekannten Organisation der Entwicklungszusammenarbeit illustriert, was in unseren Breiten oft aus dem Blick gerät: Es ist längst noch nicht so, dass Mädchen und Jungen weltweit die gleichen Rechte und Chancen haben und ihre Zukunft aktiv gestalten können. Auch in den deutschen Ländern etablierte sich ein höheres Mädchenschulwesen für breitere Schichten erst seit Ende des 19. Jahrhunderts – und zwar unter dem Druck der Frauenbewegung. Heute ist – nicht zuletzt durch die Einführung der Koedukation – die rechtliche Gleichstellung der Mädchenbildung erreicht. Die faktische Gleichstellung wird jedoch weiterhin eingefordert. Ob dies eher durch die bewusste Rückkehr zu spezifischen Einrichtungen oder mädchenfördernde Differenzierungsmaßnahmen innerhalb eines koedukativen Systems erreicht werden kann, ist umstritten.

Jetzt schlägt eine traditionsreiche Mädchenschule des Erzbistums Freiburg ein neues Kapitel auf: Das St.-Dominikus-Gymnasium in Karlsruhe öffnet sich ab 2026/27 für alle Geschlechter und wird damit koedukativ. Auch werde „das pädagogische Profil weiterentwickelt“, heißt es seitens der Schulstiftung. Ziel sei, „allen jungen Menschen eine moderne und werteorientierte Bildung auf dem Fundament des christlichen Glaubens zu ermöglichen“.

Eine Entscheidung, die seitens der davon Betroffenen begrüßt wurde, aber auch auf Unverständnis stößt und Kritik erntet. Weil über den Weg zum Ziel gleicher Bildungschancen durchaus gestritten werden darf. Beide Konzepte haben Argumente für sich; in einem Klassenzimmer, in dem Mädchen und Jungen sitzen, läuft der Unterricht anders ab als da, wo Mädchen unter sich sind. Aus verschiedenen Gründen.

In die Entscheidung über das Dominikusgymnasium spielt auch die demografische Entwicklung hinein; die Anmeldezahlen liegen laut Schulstiftung „unter dem langfristig notwendigen Niveau“. Mädchenspezifische Bildung gehöre weiterhin zum Selbstverständnis des Gymnasiums, heißt es seitens der Schulleitung: durch Jahrzehnte lange Erfahrung und einen eigenen „Mädchenzug“. Jungen Leuten unabhängig vom Geschlecht gleiche Chancen zu geben, bedeutet aber auch: Die Kategorie Geschlecht wird auf allen Ebenen der Bildung bedacht und bewusst verhandelt. Sollte ein Mädchengymnasium nicht auch „lieb und teuer“ sein dürfen?    
 
Brigitte Böttner