Das marode Gedenken

15.07.2024 |

Die Erinnerung an das Hitler-Attentat wird vereinnahmt

80 Jahre 20. Juli 1944: Mitten in einer Demokratiekrise, die in Thüringen, Sachsen und Brandenburg im Herbst schnell zur Staatskrise werden könnte, wird die Erinnerung an die Hitler-Attentäter – so steht zu befüchten – erneut aus ihrem historischen Kontext gerissen und als moralische Legitimationsressource für die Gegenwart funktionalisiert werden. Und nicht nur in Berlin wird es zum Anlass viel gesprochenes und geblasenes Blech zu hören geben.

Dabei zeigt unsere Zeit so drastisch wie noch nie seit 1945: Der 20. Juli 1944 hat uns wenig bis nichts für den heute nötigen Kampf um den Erhalt der Demokratie zu sagen. Die mutigen Männer und Frauen im Umfeld des 20. Juli wollten Hitler und eine totalitäre Diktatur beseitigen. Wir dagegen müssen eine Demokratie verteidigen. Das hat mit der Spätphase der Weimarer Republik zu tun, aber nicht mit Stauffenberg und Umfeld.

Aber der Kreisauer Kreis! Die Überkonfessionalität und Überparteilichkeit des Widerstands!, heißt es dann. Aber das ist eine Idealisierung. Sie soll den Eindruck erwecken, als sei der deutsche Widerstand eine Art sinnstiftendes Vorparlament zum Parlamentarischen Rat gewesen. Aber die von den Vätern und Müttern des Grundgesetzes konzipierte Grundrechtsordnung lässt sich auf zwei Formeln bringen: „Nie wieder Weimar!“ und „Nie wieder Auschwitz!“. Die Erfahrung des Verlustes der Demokratie sollte die Entstehung von Unrecht verhindern; eine wehrhafte Demokratie schaffen, damit Widerstand nicht nötig wird.
Diese Einsicht der „Eltern des Grundgesetzes“ lässt sich nicht mit dem historischen Widerstand gegen Hitler in einer totalitären Diktatur zusammenbringen – jedenfalls nicht, ohne dieses Ereignis für eigene Zwecke zu instrumentalisieren. Bei der historischen Motivation des Demokratieerhalts geht es um anderes als bei den einsamen Taten des Widerstands. Die Akteure des 20. Juli verdienen nicht, vereinnahmt zu werden. 

Wer als Historiker so mit dem 20. Juli umgeht, betreibt willentlich oder unwillentlich Geschichtsentsorgung. Das ist ahistorisch, und vor allem unwürdig und unmoralisch. Stauffenberg ist nicht für uns gestorben.

Prof. Dr. Rolf-Ulrich Kunze,
Jahrgang 1968, lehrt Neuere und neueste Geschichte am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).