Schismatisch

24.06.2024 |

Bösartige Giftpfeile machen dem Vatikan zu schaffen

Die Einheit der Christen ist ein so sehnlicher Wunsch, dass alle Berichte von Schismen wie böse Giftpfeile wirken. Nun muss man nicht allzu viel Gewicht beimessen, wenn eine Handvoll Nonnen in Spanien der katholischen Kirche den Rücken kehren will. In einer weltumspannenden Kirche mit 1,3 Milliarden Mitgliedern wird es immer und überall mal brennen. So wie es scheint, sind Macht- und Besitzfragen und eine ungeschickte Kommunikation für diesen schmerzlichen Schritt mitverantwortlich, womöglich lässt er sich noch einmal korrigieren. 
 
Dennoch lohnt ein Blick auf den Vorfall. Denn strukturell bedeutsam scheint zu sein, dass es sich um ein Frauenkloster handelt, das sich nun volltönend von Rom distanziert. Lange galten Nonnen als die gehorsamen Dienstleister, die sich demütig in die Pflicht von Mutter Kirche nehmen ließen. Weltweit ist indes festzustellen, dass Frauenorden sich ihrer Bedeutung bewusst werden und immer mehr an Selbstbewusstsein gewinnen. Ihre wirksame barmherzige Sozialarbeit gibt gerade in vielen armen Ländern der Kirche ein deutlicheres und präsenteres Gesicht in der Gesellschaft, als es Priester tun können. Dieser Bedeutungszuwachs wird merklich zu einer Emanzipation führen, die anders grundiert ist als die in westlichen Staaten geführte Teilhabedebatte, aber die gleiche Zielrichtung hat.
 
Darüber täuscht auch nicht hinweg, dass der aktuelle Fall in Spanien nun auf der traditionalistischen Seite angesiedelt ist, was zu einer zweiten strukturellen Beobachtung führt: Wieder einmal sorgen die wabernden Vorwürfe einer inkorrekten Papstwahl für Unruhe. 
 
Dazu passt, dass der Vatikan in diesen Tagen dem Dauerquerulanten Kardinal Viganò den Prozess zu machen versucht. Auch ihm werden schismatische Bestrebungen vorgeworfen. Immer wieder hat er seine Rechtsausleger-Theorien unterminiert mit Vorwürfen einer unrechtmäßigen Wahl Franziskus´. Die seit dem Rücktritt von Benedikt XVI. immer wieder gestreuten Töne sind nichts anderes als der hilflose Versuch, eine verlorene Debatte auf einem anderen Feld noch einmal auszutragen  – ein Vorgang, der die Kirchengeschichte durchzieht. Es wird mit dieser vermeintlichen Allzweckwaffe just jene Instanz attackiert, die eigentlich für die „Einheit der Katholiken“ sorgen soll. 
Diese Giftpfeile aus dem Dickicht sind wohl die Erklärung für so manches, was derzeit oft kaum nachvollziehbar aus dem Vatikan an die Öffentlichkeit dringt.                          
 
Von Klaus Gaßner