Verstehen, was passiert
01.07.2024 |
Erkenntnisse zum sexuellen Missbrauch an Ordensfrauen
„Sexuelles Fehlverhalten in Beziehungen im Rahmen der Seelsorge oder der pastoralen Zusammenarbeit innerhalb der Kirche in Afrika, südlich der Sahara, ist Realität. Es manifestiert sich in sexuellem Missbrauch, Machtmissbrauch, Missbrauch von Vertrauen und in anderer sexueller Gewalt zwischen Priestern und Ordensfrauen oder jungen Frauen in der Ausbildung zum Ordensleben.“ Ein schreckliches Thema, wenn nicht gleich zum Weglaufen, so doch zum Wegschauen. Nicht wahrhaben wollen. Nicht so Mary Lembo: Sie hat das Tabu gebrochen, sich das Schmuddelkind zu eigen gemacht in ihrer Forschungsarbeit „zur Erlangung der Doktorwürde“, wie das so schön heißt.
Was die Dozentin für Psychologie an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom allerdings in ihrer Studie bearbeitet hat, ist das Gegenteil von schön. Es handelt von Demütigung, Schmerz, Scham, Selbstabwertung und Suizidgedanken der Betroffenen, bis hin zum Glaubensverlust. Was das für Ordensfrauen bedeutet, wird sich die Katharinenschwester Mary nur zu gut vorstellen können.
Schwester Mary sprach mit betroffenen Ordensfrauen in fünf Ländern in Subsahara-Afrika sowie mit Mitarbeitenden der Kirche. Eine wertvolle Pionierarbeit auf einem weithin unerforschten, gesellschaftlich und kirchlich tabuisierten Feld. Sie arbeitete heraus, wie die Täter vorgehen, welche kulturellen Risikofaktoren den Missbrauch begünstigen, wie der Alltag in Ausbildung und Seelsorge gestaltet werden muss, um Missbrauch zu verhindern – folglich die zentrale Forderung von Schwester Mary Lembo, wenn es darum geht, künftig besser zu sehen, zu verstehen und zu verändern, wie der Untertitel ihrer Studie zum sexuellen Missbrauch von Ordensfrauen in Afrika lautet.
„Um handeln zu können, müssen wir verstehen, was passiert, wie es passiert und auch, warum es solche Haltungen und Verhaltensweisen zwischen Priestern und Ordensfrauen in der Kirche gibt, der Familie Gottes.“ Spätestens bei dieser Ansage wird deutlich, was auf dem Spiel steht. Nämlich alles: das Zeugnis der Kirche in der Welt, vor Ort und bei uns. Was in der Studie über die Länder der Subsahara in feinen Scheiben aufgedröselt wird, hat den Effekt eines Spiegels für alle anderen. Sexueller, geistlicher und Machtmissbrauch sind allgegenwärtig in der Familie Gottes. Weltweit. Mary Lembos bahnbrechende Puzzlearbeit hat ein Stück Weg bereitet, auch für uns.
Von Brigitte Böttner