Zeitansage
24.10.2023 |
Botschaft des Wandels: Warum wir auf junge Leute hören sollten
Was ist eigentlich aus der „Zeitenwende“ geworden, die Bundeskanzler Olaf Scholz vor eineinhalb Jahren ausgerufen hat – im Anschluss und als erste Reaktion an die Invasion Russlands in die Ukraine? Im politischen Geschäft mag sich „die Wende“ schwerlich ausfindig machen lassen, als Beschreibung der Gegenwart passt der Begriff schon eher: Die Welt fährt im Krisenmodus.
Häufig wird die Besonderheit hervorgehoben, die unsere Zeit ausmache, eine Weltlage „wie nie zuvor“. Diese Einschätzung dürfte, psychologisch betrachtet, allerdings auch damit zusammenhängen, dass der Vergleich mit anderen Epochen fehlt – schlicht, weil man nicht dabei war, frühere Zeiten nicht miterlebt hat.
Interessant ist vor diesem Hintergrund ein epochaler Song, der vor ziemlich genau 60 Jahren genau dieses beschrieben hat: eine Zeitenwende. „The Times They Are a-Changin’“, sang der junge Bob Dylan damals, ohne Band, begleitet nur von seiner Mundharmonika. Die Zeiten ändern sich, befand Dylan, der 2016 „für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition“ als erster Musiker mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Die Lieder des gleichnamigen Albums handeln von Militarismus, Rassismusproblemen und sozialer Ungerechtigkeit in der US-amerikanischen Gesellschaft – aktuelle Probleme auch heute.
Nicht von ungefähr wurde der Folkmusiker (erst später wandte er sich der Rockmusik zu) als Prediger bezeichnet, der den biblischen Vorgängern ähnlich Zeitansage machte; gerade die frühen Lieder schöpfen aus dem Bilderreichtum der Heiligen Schrift, es finden sich vielfach biblische Bezüge.
Wichtig bei Bob Dylans „The Times They Are a-Changin’“ ist die Botschaft, die dieser junge Mensch in die Welt der 1960er-Jahre singt: Es wird sich etwas ändern – zum Guten. Die prophetische Zeitansage ist von Hoffnung getragen.
Auch die Prophetie unserer Tage benennt Missstände, sie reichen von gesellschaftlichen bis hin zu weltweiten Problemen wie dem des unaufhaltsamen Klimawandels. Jetzt wurde eine Prophetin der Gegenwart ausgezeichnet: Luisa Neubauer, Gesicht und Stimme der deutschen „Fridays for Future“-Bewegung, erhält den ökumenischen Predigtpreis „für ihr Lebenswerk“. Und das in jungen Jahren ... Es lohnt sich hinzuhören, was uns „die Jugend“ sagt, auf ihre Botschaft des Wandels.
Brigitte Böttner