Mein Herz blutet

09.10.2023 |

Kommentar von Nahost-Korrespondentin Andrea Krogmann

Samstags laufe ich. Frühmorgens, außerhalb Jerusalems, wo man mit etwas Glück eine Gazelle oder ein paar Füchse trifft und dutzende Gleichgesinnte Wochenendstimmung verbreiten. Das Telefon bleibt dann im Auto. Heute nicht. Heute vibriert es im Sekundentakt. 16 Kilometer lang. Den ersten Raketenalarm verbrachten wir im Graben neben dem geteerten Spazierweg, damit uns bei einem eventuellen Einschlag keine Schrapnelle treffen. Eine Reihe von weiteren Alarmen neben unseren Autos, den Blick in den Himmel, wo sich Kondensstreifen abzeichnen, im Ohr den Klang von Explosionen. Irgendwann am Vormittag höre ich auf zu zählen. Irgendwann hören die Sirenen auf über Jerusalem. Das Handy vibriert weiter im raschen Takt.
Seit Monaten ist die Lage im Land angespannt, hat sich der israelisch-palästinensische Konflikt weiter zugespitzt. Jüdische Feiertage und Versuche von jüdischen Aktivisten, auf dem Tempelberg zu beten, Attentate und Gegenreaktionen von israelischen Siedlern: Die Zutaten für ein brenzliges Gemisch waren auf dem Tisch. Und trotzdem sind alle überrascht. Und ich weiß nicht, ob ich mehr überrascht bin über die Explosion der Gewalt, oder darüber, dass alle, einschließlich der israelischen Sicherheitskräfte, so überrascht sind. 

Manche sprechen vom 11. September Israels. In dreizehn Jahren im Heiligen Land und durch etliche Runden Gewalt zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen gab es keinen Tag wie diesen. Beunruhigend. Angst kommt keine auf. Wir sind in Jerusalem, relativ sicher also, nicht im Süden nahe am Gazastreifen. Ich denke an die Opfer, deren Zahl im Laufe des Tages dramatisch steigen wird und immer weiter steigt, zweistellig, dreistellig ... Und an die Opfer auf palästinensischer Seite, die die israelische Reaktion unweigerlich fordern wird. Die Tränen steigen mir in die Augen. Mein Herz blutet, ob der sinnlosen Gewalt und der Toten, ob der neuen Gräben, die sich auftun in diesem meinem Land, das so viel Potenzial hätte.

Andrea Krogmann lebt in Jerusalem und berichtet für die Katholische Nachrichten-Agentur aus Israel.