Aus dem Volk
18.09.2023 |
Wer seinen Unmut offen kundtun und auf Straßen und Plätzen sichtbar machen will, hat hierzulande verbrieftes Recht dazu; das Grundgesetz schützt die Freiheit einer eigenen Meinung, sofern friedlich geäußert oder inszeniert. Wie großartig und alles andere als selbstverständlich dieser Umstand ist, dürfte den meisten von uns nur selten bewusst sein. Doch spätestens der nächste von Organisationen wie Amnesty international organisierte Briefmarathon für Inhaftierte und Opfer von Willkürjustiz macht klar, wie es weltweit steht um das Menschenrecht auf einen eigenen Kopf.
Doch die Kultur des Straßenprotests hat auch bedenkliche Seiten. Nicht nur die Energie, die eine Mobilisierung der Massen freisetzt, wenn Menschen in großer Zahl zusammenkommen; das Gefühl, „gemeinsam stark“ zu sein, kann Gewalt provozieren und freisetzen. Schwierig ist auch die Artikulation dessen, was bei einer Straßendemonstration oder Mahnwache auf dem Platz in die Öffentlichkeit gebracht werden soll. Je mehr Leute mit von der Partie, umso schwieriger die Verlautbarung: Parolen sind im Wortsinn plakativ – und damit immer auch einseitig, häufig schwarz-weiß statt bunt. Das Leben aber hat bekanntlich viele Farben und Nuancen ... Umso wichtiger ist die Arbeit an der Botschaft, das Abwägen der Worte, die bekanntlich entsprechende Taten nach sich ziehen. Deshalb will gut überlegt sein, unter welchem Motto man für eine Sache geht, woran sich Kritik entzündet, welcher Vorgang unsäglich erscheint und was nach eigener Überzeugung abgeschafft gehört. Eine eigene Meinung braucht nicht nur Überzeugung, sondern auch Mut.
Und was es immer bedarf: der Auseinandersetzung mit Andersmeinenden. Nur so kann aus Einzelmeinungen Politik werden: aus dem Volk, für das Volk.
Demos sind wichtig, aber das Hören auf Andersmeinende auch
Von Brigitte Böttner
Die großen Ferien sind vorbei, nicht nur in Büroräumen und Klassenzimmern. Auch auf der Straße ist wieder einiges los, das hat nicht zuletzt der bundesweite Klimastreiktag der Bewegung „Fridays for Future“ am 15. September gezeigt. Nicht nur in Deutschland, weltweit sind Menschen in Bewegung: anlässlich des ersten Todestages der iranischen Protestikone Mahsa Amini, mit Blick auf den drohenden Klimakollaps oder politische Maßnahmen wie etwa die geplante Justizreform in Israel. Und beim sogenannten „Marsch für das Leben“ dürften in Berlin und Köln unter den über 6000 Teilnehmern auch viele Christen mitgelaufen sein.
Wer seinen Unmut offen kundtun und auf Straßen und Plätzen sichtbar machen will, hat hierzulande verbrieftes Recht dazu; das Grundgesetz schützt die Freiheit einer eigenen Meinung, sofern friedlich geäußert oder inszeniert. Wie großartig und alles andere als selbstverständlich dieser Umstand ist, dürfte den meisten von uns nur selten bewusst sein. Doch spätestens der nächste von Organisationen wie Amnesty international organisierte Briefmarathon für Inhaftierte und Opfer von Willkürjustiz macht klar, wie es weltweit steht um das Menschenrecht auf einen eigenen Kopf.
Doch die Kultur des Straßenprotests hat auch bedenkliche Seiten. Nicht nur die Energie, die eine Mobilisierung der Massen freisetzt, wenn Menschen in großer Zahl zusammenkommen; das Gefühl, „gemeinsam stark“ zu sein, kann Gewalt provozieren und freisetzen. Schwierig ist auch die Artikulation dessen, was bei einer Straßendemonstration oder Mahnwache auf dem Platz in die Öffentlichkeit gebracht werden soll. Je mehr Leute mit von der Partie, umso schwieriger die Verlautbarung: Parolen sind im Wortsinn plakativ – und damit immer auch einseitig, häufig schwarz-weiß statt bunt. Das Leben aber hat bekanntlich viele Farben und Nuancen ... Umso wichtiger ist die Arbeit an der Botschaft, das Abwägen der Worte, die bekanntlich entsprechende Taten nach sich ziehen. Deshalb will gut überlegt sein, unter welchem Motto man für eine Sache geht, woran sich Kritik entzündet, welcher Vorgang unsäglich erscheint und was nach eigener Überzeugung abgeschafft gehört. Eine eigene Meinung braucht nicht nur Überzeugung, sondern auch Mut.
Und was es immer bedarf: der Auseinandersetzung mit Andersmeinenden. Nur so kann aus Einzelmeinungen Politik werden: aus dem Volk, für das Volk.