Erster grüner Ministerpräsident Deutschlands vor dem Abschied
28.04.2026 |
Er ist der am längsten regierende Regierungschef Baden-Württembergs. Am Mittwoch wird Ministerpräsident Kretschmann verabschiedet. Bis zum beliebten Landesvater war es für den bekennenden Katholiken ein langer Weg.
Abschied nach 15 Jahren: Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann wird im Neuen Schloss Stuttgart verabschiedet – sein Nachfolger Cem Özdemir steht bereits bereit.
Der erste grüne Ministerpräsident Deutschlands und am längsten regierende Regierungschef Baden-Württembergs ist nur noch kurz im Amt. Winfried Kretschmann, seit rund 15 Jahren amtierender Ministerpräsident, wird am Mittwoch (29. April) offiziell verabschiedet: Mit einem Festakt im Neuen Schloss in Stuttgart und einer anschließenden Serenade des Heeresmusikkorps Ulm.
Das Amt des Regierungschefs in Baden-Württemberg bleibt aller Wahrscheinlichkeit nach in der Hand der Grünen: Kretschmanns designierter Nachfolger Cem Özdemir soll voraussichtlich am 13. Mai vom Landtag zum neuen Ministerpräsidenten gewählt werden. Bei der Landtagswahl am 8. März trat Kretschmann nicht mehr an. Zuletzt sagte der 77-Jährige mehrfach ganz offen: «Ich bin froh, dass ich jetzt aufhören darf.»
«Ausschlafen»
Was wird er an seinem ersten freien Tag machen? Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) antwortete Kretschmann
spontan: «Ausschlafen.» Lange überlegte er hingegen bei der Frage, was er seinem «jüngeren Ich» raten würde: «Gelassene Demut», antwortete Kretschmann schließlich.
Denn das Gelingen hänge zu einem großen Teil «von Zufällen, von Kräften von außen, vom richtigen Zeitpunkt» ab. «Man nennt es Fortune oder den Segen Gottes. Es meint dasselbe», sagte der bekennende Katholik.
Sorge über Entchristlichungsschub
In seiner Amtszeit sprach er offen von seinem christlichen Glauben.
Warum tat er das? «Mein Glaube hat mich befreit», sagt Kretschmann und fügt hinzu: «Von Angst.» Besorgt äußerte er sich zuletzt hingegen über einen «gewaltigen Entchristlichungsschub» in der Gesellschaft.
Gerade weil die Gesellschaft säkularer werde, brauche sie aber engagierte Christen. Die Kirchen seien als Wertekompass unverzichtbar.
Die katholische Kirche mahnte er zugleich eindringlich zu Reformen.
Der Verfechter einer Politik des Gehörtwerdens forderte den Vatikan zu echtem Austausch mit den Gläubigen auf, anstelle von Ansagen und Dekreten. Auf die Frage, ob die katholische Kirche Diakonat und Priesteramt für Frauen öffnen sollte, sagte Kretschmann der KNA: «Ja, selbstverständlich!» Wenn die Kirche «die theologische Emanzipation der Frau nicht durchsetzt», werde sie bald «eine Kirche ohne die meisten Frauen sein».
Grüner Pragmatiker fuhr Daimler
Bis Kretschmann zum weithin geschätzten und beliebten Landesvater wurde, legte er einen weiten Weg zurück. In seiner Studentenzeit noch Mitarbeiter in maoistischen Gruppen, war er 1979/1980 Mitbegründer der Grünen Baden-Württemberg. Doch Kretschmann ist kein grüner Fundamentalist, sondern ein pragmatischer Realo - ähnlich wie Özdemir.
Kretschmann konnte gut mit der - zuletzt allerdings schwächelnden - Autoindustrie und prägte den Spruch: «Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg fährt Daimler. Basta.» Manchem war der Vorzeige-Grüne zu wirtschaftsfreundlich. Zugleich förderte der ehemalige Gymnasiallehrer für Biologie, Chemie und Ethik den Natur- und Umweltschutz, auch bei zahlreichen Terminen im Grünen.
Ob er als Elder Statesman wie der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore eine Stimme für Klimaschutz sein wird? Nur dann, wenn der Klimawandel auch in Deutschland bestritten werde, sagte er. Es gebe eine anti-wissenschaftliche Tendenz, die sich seit Corona-Zeiten auf der ganzen Welt ausbreite.
Kultfigur und Universalgelehrter
Kretschmann zeigte sich bodenständig, ließ sich aber zugleich inspirieren von den Ideen der deutsch-amerikanischen Philosophin und Publizistin Hannah Arendt (1906-1975). Auch wenn er bisweilen als etwas schrullig erschien und gern schwäbelte: Mit Kretschmann hatte Baden-Württemberg einen «Universalgelehrten» als Regierungschef, der Leuten wirklich zuhörte und auch im persönlichen Gespräch eine große Ruhe ausstrahlte.
In einer hektischen Zeit sorgte Kretschmann mit seiner bedächtigen Art für einen Kontrast. Zeitweise war Kretschmann sogar als Bundespräsident im Gespräch. «Kretschmann ist Kult» - sagte sein CDU-Vorgänger Günther Oettinger. Doch was macht so eine Kultfigur im Ruhestand? «Dass ich noch Vorträge halte und Führungen zu sakraler Kunst in Kirchen mache, kann ich mir schon vorstellen», sagt er.
Keine Fußnote in Geschichtsbüchern
Ob er stolz darauf sei, den 14 Jahre regierenden Erwin Teufel (86) zu übertreffen? Darauf sagte Kretschmann im Juli 2025 in der ihm eigenen Art, das treibe ihn nicht um. «Denn wenn ich irgendwann eine Fußnote in Geschichtsbüchern bin - bis die kommen, bin ich verfault in der Erde.» Im Übrigen wisse er ohnehin nicht, wie lange er noch lebe und fügte bibelsicher hinzu: «Wir wissen weder Tag noch Stunde, an dem der Herr uns ruft.»