Er bezeichnet sich selbst als „anatolischen Schwaben“ und schwäbelt sehr gerne. Jetzt sieht es so aus, als würde Cem Özdemir Nachfolger von Winfried Kretschmann als Ministerpräsident von Baden-Württemberg.
Cem Özdemir hat nun alle Chancen, Ministerpräsident zu werden.
Als Cem Özdemir noch Bundeslandwirtschaftsminister in Berlin war, hörte man seinen Dialekt nur selten. Vor der baden-württembergischen Landtagswahl wurde der Spitzenkandidat der Grünen nicht müde zu betonen, er wolle „Minischterpräsident“ werden. Nach dem Wahlsieg der Grünen könnte der 60-Jährige nun an die Spitze der Landesregierung rücken.
Özdemirs Wahl stellt ein Novum in Deutschland dar: Er wird damit voraussichtlich der erste „Landesvater“ mit türkischen Wurzeln. Am 21. Dezember 1965 im schwäbischen Urach (heute Bad Urach) als Sohn türkischer Gastarbeiter geboren, wuchs er in einem muslimischen Elternhaus auf. Er bezeichnet sich inzwischen aber als säkularen, nicht praktizierenden Muslim und war 2018 Mitbegründer einer Initiative für liberale Muslime.
Als Schüler saß er im Religionsunterricht
Berührungsängste mit den Kirchen hat Özdemir nicht. Bereits in der Grundschule schickte ihn seine Mutter mit der Begründung, der Unterricht werde ihm nicht schaden, in den evangelischen Religionsunterricht. Wie Özdemir in einem Interview erzählte, habe ihn der Unterricht tatsächlich fasziniert. Auch in einer christlichen Jugendgruppe war er lange aktiv. Seinen Kindern versucht Özdemir, Islam und Christentum nahezubringen. Der gelernte Erzieher studierte Sozialpädagogik an der Evangelischen Fachhochschule für Sozialwesen in Reutlingen. Bei einem Besuch der Vesperkirche für Bedürftige in Stuttgart sagte Özdemir: „Für mich ist das gelebtes Christentum, was hier den Menschen angeboten wird.“ Und fügte hinzu: „Meine Eltern haben mir beigebracht: Wenn‘s deinem Nachbarn nicht gutgeht, dann kann es dir auch nicht gutgehen.“ Wie der Katholik Kretschmann ist also auch Özdemir religiös geprägt. Kretschmann: „Cem Özdemir hat bewiesen, dass er Rückgrat hat und auch vor schwierigen Herausforderungen nicht zurückschreckt“.
Bei den Grünen machte Özdemir schnell Karriere: Bereits mit 16 Jahren trat er der Partei bei. 1994 schaffte er – der innerhalb der Partei dem Realo-Flügel zugeordnet wird – erstmals den Sprung in den Bundestag, um diesen dann 2002 abrupt zu verlassen, unter anderem weil bekannt wurde, dass er dienstlich erworbene Bonusmeilen privat verflogen haben soll. Sein Weg führte dann in das EU-Parlament, schließlich bis 2018 an die Parteispitze der Grünen.
2021 wurde der Vegetarier Özdemir schließlich Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft. Und zeigte dabei, wie man medienwirksam Themen setzt. Etwa, als er im April 2024 das Cafe „Raupe Immersatt“ in Stuttgart besuchte. Das einst bundesweit erste Foodsharing-Cafe engagiert sich seit 2019 gegen die Verschwendung von Lebensmitteln. Besonders nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 auf Israel äußerte sich Özdemir kritisch gegenüber traditionellen Islamverbänden. Als er bereits vor Jahren für härtere Regeln in der Asyl- und Migrationspraxis eintrat, werteten das viele schon als eine Bewerbung für die Spitzenposition in Baden-Württemberg, wo die Grünen traditionell konservativ sind.