Christus aber ging durch die Straßen einer großen Stadt und setzte sich schließlich in ein kleines Restaurant, denn die Erdluft ermüdete ihn. Es waren viele Menschen in dem rauchigen Raum, und es dauerte eine Weile, bis seine Augen sich an das Halbdunkel gewöhnt hatten ...
Wie wäre es, wenn ER einfach wiederkäme ... das haben wir die sogenannte „Künstliche Intelligenz“ gefragt. Und sie hat uns dieses Foto geliefert.
Weihnachten, das Fest der Gratifikationen, der kostbaren Geschenke und der immer größeren Erwartungen, war vorüber. Zwar leuchteten noch auf manchen Plätzen und vor Kaufhäusern die elektrischen Kerzen auf den dunklen Tannenriesen, aber das Janusgesicht dieses Feierns wurde erschreckend deutlich; ja, es betrachtete mit unverhohlener Freude das ernüchterte Hasten des Menschenstroms, der sich durch die Straßen schob, begierig nach Neuem in die Fenster starrte, wo die prunkvolle Weihnachtsdekoration bereits entfernt war, obwohl die heiligen Drei aus dem Morgenland sich immer noch auf ihrem beschwerlichen Weg befanden. Sie würden auch kaum, trotz unseres rasend gewordenen Zeittempos, vor dem 6. Januar an der Krippe zu Bethlehem ankommen. Aber wen in der großen Stadt kümmerte das schon? Luftschlangen, Knallbonbons, Sekt und Tanz hieß jetzt die Parole, und sie faszinierte. Faszinierte eine ganze Stadt – alle Städte. Es funkte in allen Gehirnen, und die Herzen waren angefüllt mit glimmerndem Lebenshunger, während die heiligen Drei auf ihrem beschwerlichen Weg dem Stern folgten.
Zu derselben Zeit fand einer der größten Atombombenversuche statt. Die Steppe brüllte, und die Wölfe flohen wie brodelnde Schatten westwärts, als der dampfende Pilz aufzusteigen begann. Immer gewaltiger breitete sich die tödliche Wolke im Spiegel des Himmels aus. Rote Flammen schossen aus ihr hervor. Der Horizont blutete.
Im sicher abgeschirmten Unterstand fing der Mensch das Geschehnis, das er vollbracht, mit der Kamera ein. Die Stille stand wie ein Fabelwesen auf, das jeden Laut im weiten Umkreis verschluckte. Nur der Mensch im tiefen Unterstand blieb seiner Stimme mächtig. Er zählte und maß mit den ausgeklügelten Apparaten jede, auch die kleinste, Wirkung und Erscheinung dieses ungeheuren Vorgangs. Dann begann das Wüten der Natur. In den Wäldern tobte es zuerst. Sie schrien und ächzten, als habe die Weltaxt sie getroffen. Die Erde brach aus sich heraus und zeigte klaffende Wunden. Immer höher stieg der giftige Riesenpilz, von Stürmen gepeitscht, die ihn schließlich auseinanderbogen und um die ganze Erde jagten, bis er sich, zerteilt in Myriaden kleiner und kleinster Flocken, in die Wolken des Himmels hing, die, überbeladen, sich in stürzenden Regengüssen auflösten. Überschwemmungen töteten Menschen und Tiere, während in kundiger Hand Geigerzähler tickten, die Zahl der Ionen festzustellen. Aber je fortschrittlicher der Menschengeist das Wesen des Weltenraumes anzurühren begann, umso angstvoller schlugen die Herzen.
Zu dieser Zeit beschloss Christus, erneut auf die Erde niederzusteigen, um seinen Versöhnungsversuch zu wiederholen. Er setzte seinen Fuß auf eine Wolke und ließ sich abwärts tragen. Sein Atem trug blaue und rosenfarbene Lichter vor ihm her, und er spürte, wie sehr er die Menschen liebte. Als er in die Erdsphäre gelangte, sah er gewaltige Rohre auf sich gerichtet, und in ihren glänzenden Spiegeln brannte sein Leuchten wie Feuer. Geigerzähler tickten, Pendel schlugen aus, und Christus sah sein Bild im Riesenteleskop bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Er weinte. Er deckte sein Gesicht mit seinen Tränen ab und mit dem Schatten der Enttäuschung; in ihrem Schutz glitt er zur Erde hinab.
Die Hohlspiegel glotzten mit leeren Augen wie Löcher in den Horizont, von dem das schwebende Licht verschwunden und trotz präzisester Einstellung nicht mehr aufzufinden war. „Verdammt nochmal“, sagte der Atomforscher, „und ich hätte gewettet, dass wir den Leuchtkörper einfangen und ausmessen könnten, so nahe schien er zu sein.“ Christus aber ging durch die Straßen einer großen Stadt und setzte sich schließlich in ein kleines Restaurant, denn die Erdluft ermüdete ihn. Es waren viele Menschen in dem rauchigen Raum, und es dauerte eine Weile, bis seine Augen sich an das Halbdunkel der schäbigen Beleuchtung gewöhnt hatten. Dann erkannte er, dass am Nebentisch junge Männer zusammensaßen, die sich an ihren Gesprächen entzündeten.
„Merkwürdig“, dachte Christus, „sie tragen Bärte, wie ich einen trug, damals, bevor sie mich schlugen“ – und er hörte sie vom Horizont sprechen, so als hätten sie ihn in der Tasche und brauchten ihn nur herauszunehmen, um mit dem Zeigefinger alle Möglichkeiten in ihn einzuzeichnen. „Hallo“, hörte Christus sich plötzlich angerufen, „du scheinst ein Existenzialist wie wir zu sein – hoffentlich nicht nur mit dem Bart –, setze dich zu uns und sprich deine Meinung aus; was zum Beispiel hältst von Gott?“ „Merkwürdig“, dachte Christus, „dass ihr mich gleich erkannt habt – ja, ich bin ein Existenzialist, aber außer euch hat das noch niemand bemerkt –; was aber soll ich euch von Gott sagen, wenn nicht das Einfachste: Alles Existente existiert, so auch Gott; oder könnt ihr seine Nicht-Existenz beweisen? Allein im Bemühen, seine Nichtexistenz klarstellen zu wollen, liegt der Beweis seiner Existenz.“ Er schwieg.
„Mein Freund, du gefällst mir“, sagte jetzt ein anderer der jungen Männer, „uns soll’s recht sein, wenn du öfter hierherkommen willst, wir treffen uns täglich; übrigens, ich habe ein so seltsames Gefühl, wenn ich dich ansehe, ich kann es weder definieren noch in Form fassen – bitte, komm wieder zu uns.“ – Er streckte wie bekräftigend seine Hand aus, und sie blieb einen Augenblick lang in der Luft stehen. Christus nickte nur, um seine Bewegung zu verbergen. „Wie ist dein Name“, fuhr der andere fort, „ich wüsste ihn gern.“ – „Ich heiße Jesus“, sagte Christus und schaute die Männer der Reihe nach an, als wollte er die Wirkung der Namensnennung sehen. „Jesus“, wiederholte der andere, „so heißen viele in den romanischen Ländern, sogar in Afrika heißen sie so – aber zu dir passt dieser Name.“ – „Na ja“, fing ein anderer an, „wirst den Namen hinter dem Bart tragen können; übrigens – Jesus – Mensch – du siehst wirklich aus wie der vor zweitausend Jahren.“ – Alle lachten. Auch Christus lächelte. Er war glücklich. „Ich muss das Versöhnungswerk im Kleinen anfangen“, dachte er, „ganz im Kleinen.“
Und als er dann allein durch die Straßen der Stadt ging, wiederholte er für sich die Worte: „Jesus – Mensch“, und sie waren die schönsten aus Menschenmund, die er seit damals gehört hat. Dann aber dröhnten die Lautsprecher die neueste Nachricht über die belebten Straßen: „Die leuchtende Wolke, die heute früh von allen Sternwarten gesichtet worden war“, sei „einwandfrei als Zusammenballung der Ionen in der F2-Zone der Ionosphäre erkannt, wahrscheinlich durch den bei der letzten und größten Atomexplosion hervorgerufenen Luftwirbel.“