„Die Autorität des Vatikans kann auch eine Chance sein“
23.09.2025 |
Der CDU-Politiker Philipp Amthor über gesellschaftlichen Zusammenhalt, die Rolle von Staat und Kirche und seinen Entschluss, sich taufen zu lassen
Philipp Amthor, geboren am 10. November 1992 in Ueckermünde, ist seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages und seit 2025 Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung.
Philipp Amthor ist schon seit 2017 Mitglied im Bundestag, er zählt mit 32 Jahren zu den bekanntesten Gesichtern im Parlament. Seit 2019 gehört er der katholischen Kirche an, nun wird er bei der Jahrestagung der Görres-Gesellschaft in Mannheim einen Eröffnungsvortrag halten. Anlass für Klaus Gaßner, den Parlamentarischen Staatssekretär im Ministerium für Digitalisierung über die Herausforderungen in der Politik und seinen katholischen Glauben zu befragen.
Sie sind bei der Jahrestagung der Görres-Gesellschaft zu Gast, eine Gesellschaft, die den Diskurs vor christlichem Wertehintergrund befördern möchte – ein auch Ihnen wichtiges Ziel?
Philipp Amthor: Absolut. Ich bin sehr dankbar, dass ich bei der diesjährigen Jahrestagung der Görres-Gesellschaft in der rechts- und staatswissenschaftlichen Sektion einen Eröffnungsvortrag halten darf. Auch darin werde ich natürlich die aufgeworfene Frage des christlichen Wertefundaments in den Blick nehmen. Für mich als gläubiger Katholik und auch als Christdemokrat ist jedenfalls klar: Das christliche Menschenbild als zentrales Wertefundament unserer Verfassungsordnung ist politischer Kompass und Auftrag zugleich. Jeder Mensch ist in seiner Würde unantastbar, unverfügbar und frei. Aus dieser Freiheit erwächst Verantwortung für die Gemeinschaft, Solidarität und Nächstenliebe. Diese Werte sind für mich bleibende Werte – auch in einer sich stark wandelnden Welt. Sie tragen unsere Verfassungsordnung, sichern gesellschaftlichen Zusammenhalt und können zugleich immer auch brückenbauende Wirkung zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft entfalten. Die Bewahrung und Verteidigung unserer christlichen Werte ist mir auch deshalb ein persönliches Anliegen.
Wir bemerken eine Zersplitterung der Gesellschaft, neue Medien haben eine neue Kommunikations- und Informationsdynamik ausgelöst. Blasenbildung und Polarisierungen sind spürbar, vielen macht dies Angst: Was hält die Gesellschaft zusammen?
Ihre Beobachtung der Probleme ist gleichermaßen zutreffend wie besorgniserregend. Ich bin deshalb davon überzeugt, dass wir als Antwort auf die zunehmende Fragmentierung unserer Gesellschaft auch eine stärkere Debatte über ihren gemeinsamen Wertehorizont brauchen, den man durchaus auch als Leitkultur beschreiben kann. Dazu gehören für mich jedenfalls die Achtung der Würde jedes einzelnen Menschen und die daraus folgenden Grund- und Menschenrechte, unser Rechtsstaat und die demokratischen Prinzipien, Respekt und Toleranz, aber ebenso das Bewusstsein von Heimat und Zugehörigkeit, die Kenntnis unserer Sprache und Geschichte sowie die Anerkennung des Existenzrechts Israels. Eine solche Leitkultur ist kein Gegensatz zu Offenheit, sondern für mich die Grundlage für Integration, Zusammenhalt und Vertrauen. Gerade in unruhigen Zeiten kann sie Orientierung stiften. Das sollten wir stärker kultivieren.
Welche Rolle können und müssen die christlichen Kirchen im Staat spielen?
Den christlichen Kirchen kommt aus meiner Sicht eine herausragende und zugleich unverzichtbare Rolle für unser Gemeinwesen zu. Sie sind nicht nur Orte des Glaubens, sondern auch gesellschaftspolitische Stabilitätsanker, die Orientierung geben, Sinn stiften und Seelsorge leisten. Mit ihren Wohlfahrtsverbänden und Einrichtungen tragen sie wesentlich zur öffentlichen Daseinsvorsorge bei – von Kindertagesstätten und Schulen über Pflege und Krankenhäuser bis hin zu Wohnungslosenhilfe oder Seniorenarbeit. Und auch jenseits dessen dürfen wir nicht vergessen: Christliche Symbole und Traditionen gehören zum kulturellen Fundament unseres Landes. Sie müssen im öffentlichen Raum sichtbar bleiben. Der Sonntagsschutz und ein Wachhalten der Begründungen christlicher Feiertage ist daher ebenso relevant wie auch die generelle Anerkennung der Kirchen als wichtige Partner für eine freie, solidarische und verantwortungsbewusste Gesellschaft.
Zu den Aufgaben Ihres Ministeriums zählt auch die Modernisierung des Staates, der mit vielen Reglementierungen aufwartet: Wie sieht in Ihren Augen der ideale moderne Staat aus, wieviel Freiheit muss er gewähren, wie viele Vorgaben darf er machen?
Ein moderner Staat ist kein Selbstzweck, sondern muss einem Zielbild dienen – dem Zielbild eines handlungsfähigen Staates als Rückgrat unserer Demokratie und unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Das Vertrauen in die aktuelle Wirksamkeit des Staates in dieser Rolle steht derzeit unter starken Druck. Gesetze und Verfahren sind oft viel zu komplex, die Verwaltung erlebt Nachwuchsmangel, das Vertrauen der Bürger wird strapaziert. Staatsmodernisierung bedeutet daher nicht nur Digitalisierung und Entbürokratisierung, sondern erfordert auch generell neues Denken und einen Kulturwandel in der Verwaltung. Prozesse müssen bürgernaher, verständlicher und effizienter gestaltet werden. Zuständigkeiten müssen klarer geordnet und Verfahren konsequent beschleunigt werden. KI und digitale Lösungen können uns dabei helfen, Routineaufgaben zu vereinfachen, damit sich die Verwaltung besser auf die tatsächlichen Problemlösungen konzentrieren kann. Gleichzeitig gilt: Der Staat ist kein Allheilmittel, sondern muss sich immer des Grundsatzes gewahr sein, dass er im Ausgangspunkt seines Handelns regelhaft Freiheit gewähren und die Reglementierung von Bürgern und Unternehmen nicht als zwangsläufigen Automatismus verstehen sollte. Regelungen und Vorgaben müssen immer wieder überprüft werden: Vereinfachen sie das Leben der Bürger und machen sie es tatsächlich besser – oder verkomplizieren sie es unnötig? Von einem solchen Geist getragen, können und werden wir einen handlungsfähigen und bürgernahen Staat gestalten, der verlorengegangenes Vertrauen der Bürger zurückgewinnt und daneben auch wieder neue Kräfte für Innovationen freisetzen kann.
Sie haben sich 2019 zur Taufe entschlossen und sind katholisch geworden. Alles andere als selbstverständlich in einer Zeit, in der mehr Menschen der Kirchen den Rücken kehren.
In meiner Familie und dem gesellschaftlichen Umfeld meiner Jugend in Vorpommern spielte der christliche Glaube kaum eine Rolle. Gemeinsam mit mir war der absolute Großteil meiner Klassenkameraden nicht getauft und hatte kaum Berührungspunkte mit gelebtem Glauben – was freilich aber auch nicht bedeutet, dass es in unseren Familien nicht gleichwohl auch ein Aufwachsen mit einem gefestigten Wertefundament gab. In meiner Familie war das jedenfalls sehr wichtig, wofür ich auch bis heute dankbar bin. Gesellschaftliche Werte und Tugenden, Freiheit, Solidarität, Gerechtigkeit – das ja, aber eben nicht praktiziert auf der Folie praktischen Glaubens. Dazu fand ich persönlich – Sie sagten es – erst später auf einem langen und suchenden Weg, bei dem mich insbesondere fest im Glauben stehende Freunde immer wieder ermuntert und unterstützt haben. Die Entscheidung zur katholischen Taufe war dabei natürlich eine reiflich überlegte und – zumindest soweit man das für Glaubensfragen sagen kann – auch rationale Entscheidung.
Und was bereichert Ihr Leben seit der Taufe?
Insbesondere in der regelbasierten Gestalt der katholischen Kirche und im spiritualitätsöffnenden Raum der heiligen Messe finde ich immer wieder einen tragfähigen Rahmen für meinen persönlichen Glauben, aus dem ich auch viel Kraft schöpfe. In meiner Kirche erfahre ich festen Halt, für den ich auch als Politiker sehr dankbar bin. Mein Glaube, das christliche Menschenbild und Vertrauen in Gott sind wichtige Koordinaten, die Orientierung geben. Gerade in unseren Zeiten verbreiteter politischer Schnelllebigkeit und gesellschaftlicher Rastlosigkeit ist innere Verankerung besonders wertvoll. Das zeigt sich ja auch immer wieder in unseren lokalen Gemeinden, als auch im Zusammenhalt unserer Weltkirche, für den wir dankbar sein können.
Wie schauen Sie auf die katholische Kirche, die ja von vielen Reformdebatten beherrscht wird?
Sowohl als Christ als auch als genuin politischer Mensch verfolge ich die Reformdebatten natürlich aufmerksam. Und mit dem Grundverständnis, dass Kirche für mich auch kein statisches Gebilde ist, sondern – das zeigt ja die lange Geschichte unserer katholischen Kirche – immer auch ein lebendiger Organismus sein sollte, der sich gelegentlich auch weiterentwickeln muss. Reformprozesse hat es in der Geschichte unserer Kirche deshalb ja auch immer wieder gegeben und wird es sicher auch in unseren Tagen geben. Aus meiner Sicht entscheidend ist jedoch, dass dabei das große Ganze nicht aus den Augen verloren wird: unser Glaube und die christliche Botschaft, die eben größer ist als die oft zeitgeistige Opportunität politischer und gesellschaftlicher Beliebigkeit. Das sollten wir nicht vergessen – und auch nicht die Begrenzungen von nationalen Reformdiskussionen. Das Prinzip der Weltkirche, das Papstprimat und die Autorität des Vatikans sollte man nicht nur als Spielverderber, sondern auch als Chance sehen.