Er hat ein Kinderbuch veröffentlicht und zuletzt die Satire „Elternabend“ – doch bekannt ist Sebastian Fitzek vor allem für seine Psychothriller. Als Botschafter engagiert sich der Bestseller-Autor für Familien mit Frühchen, die Opferschutz-Organisation Weißer Ring und die Alfa-Selbsthilfe. Im Interview spricht der Schriftsteller über die Lage der gut sechs Millionen Menschen, die in Deutschland nicht richtig lesen und schreiben können.
Bekannt ist er hauptsächlich für seine Psychothriller: Sebastian Fitzek. Er befasst sich aber auch mit Themen, mit denen man „nicht gerade offene Türen einrennt“ – nämlich mit Analphabetismus.
KNA: Herr Fitzek, wie kam es zu Ihrem Einsatz für die Alfa-Selbsthilfe?
Fitzek: Ich bin über die Frankfurter Buchmesse gelaufen und habe einen Stand von ehemaligen Analphabeten entdeckt, der auf das Thema aufmerksam machte. Im ersten Moment dachte ich, was macht der auf der Buchmesse, hier geht es ja um die Schriftwelt. Als ich dann aber mitbekommen habe, wie viele Menschen allein hierzulande funktionale Analphabeten sind, hat es mir die Sprache verschlagen.
6,2 Millionen Menschen in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben, das entspricht gut zwölf Prozent der Bevölkerung ...
... und die Lebensgeschichten von vielen Betroffenen machen sie zu Heldinnen und Helden des Alltags. Den als Analphabet zu bewältigen, ist eine echte Herausforderung. Nach solchen Menschen suche ich als Romanautor.
Gab es einen Aha-Moment, der Ihnen das klargemacht hat?
Einerseits die große Anzahl der Betroffenen. Über einen anderen Aspekt hatte ich vorher nie nachgedacht: Wir alle jammern darüber, dass immer weniger Menschen Bücher kaufen; die Buchbranche versucht, Menschen wieder zum Lesen zu bringen. Aber niemand macht sich Gedanken darüber, wie Menschen, die lesen wollen, dazu in die Lage versetzt werden können. Das ist eine unsichtbare Gruppe - auch, weil viele Betroffene versuchen, im Verborgenen zu bleiben, weil sie sich schämen und Vermeidungsstrategien entwickeln.
Wie muss man sich das vorstellen?
Betroffene werden in vielen Fällen völlig zu Unrecht stigmatisiert. Wenn sich beispielsweise ein Lagerarbeiter jede einzelne Lagernummer einprägt, ist das eine viel höhere kognitive Leistung, als im Computer nachzusehen, wo die entsprechende Schraube liegt. Oder: Sie können nie auf einem Einkaufszettel oder in Notizen nachsehen - das fasziniert mich.
Sehen Sie sich als Schriftsteller in einer besonderen Verantwortung für diese Gruppe?
Mittlerweile ja. Mich wundert, dass man mit diesem Thema nicht gerade offene Türen einrennt. Immer wieder hört man Reaktionen wie: Selbst Schuld, hätten die mal in der Schule besser aufgepasst. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Wir leben in einer Welt, in der man schnell durchs Raster fallen kann.
Wie lässt sich das vermeiden?
Ein Betroffener hat sich jahrelang Geschichten ausgedacht und behauptete, dass er die er in der Zeitung gelesen habe, weil bei der Arbeit alle darüber gesprochen haben. Das ist aufgeflogen, weil er allzu kreativ war. Wenn diese kognitive Kraft kanalisiert wird, kann Großartiges entstehen. Dieses Potenzial, ein riesiges Gedächtnistraining, hat kaum jemand im Blick. Wir halten uns für die Guten, wenn wir anderen helfen, und unser Gegenüber für die Hilfsbedürftigen. Was von ihnen zurückkommt, was wir umgekehrt lernen können, wird meist völlig übersehen.
Was müsste sich ändern?
Die wichtigsten Ressourcen sind nach meinem Dafürhalten die Familie und die Bildungspolitik. Alles, was in der Familie falsch läuft, können die Schulen später kaum auffangen. Zugleich zahlen wir als Gesellschaft einen immer höheren Preis für die langfristigen Folgen. Das heißt, es braucht an den Schulen mehr und besser geschultes Personal. Womit ich nicht sagen will, dass wir jetzt schlechtes Personal hätten, aber oft sind die Lehrer eben überlastet. Wenn ein Lehrer vor einer viel zu großen Klasse steht, übersieht er vielleicht den Förderbedarf bei Lese- und Rechtschreibschwächen. Daran dürfen wir nicht sparen.
Sie haben das veränderte Leseverhalten angesprochen. Vor allem unter jüngeren Menschen stehen statt Büchern oft Blogs oder Social-Media-Beiträge hoch in Kurs ...
Das muss man differenzierter betrachten. Auf der einen Seite: ja, ein Viertel der Menschen in Deutschland kaufen Bücher - der Anteil war mal wesentlich höher. Andererseits gibt es BookToker, die via TikTok dafür sorgen, dass noch völlig unbekannte oder schon vergessene Autorinnen und Autoren auf der Bestseller-Liste landen. Dass die sozialen Medien die Literatur für sich entdecken, führt zu einem gewissen Boom - der aber nicht in eine Zeit zurückführt, in der es noch keine Handys und kein Streaming gab.
Was gewinnt derjenige, der Bücher liest?
Ein Buch hat eine unglaubliche Kraft, man taucht ab in eine andere Welt. Für dieses Abtauchen braucht man Zeit. Die meisten Menschen, die früher gelesen, inzwischen aber damit aufgehört haben, erklären das damit, dass sie keine Zeit mehr haben. Vielleicht deshalb, weil man erstmal das Handy weglegen muss, um sich darauf einzulassen.
Klingt nach Anstrengung.
Lesen ist fast ein meditativer Prozess. Im Gegensatz zur Hypnose starrt man nicht auf ein Pendel, sondern auf Buchstaben, und wenn die richtig zusammengesetzt schwingen, gelangt man in eine andere Welt. Man kann sie sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen - aber dafür braucht es etwas Zeit. Dieses Erlebnis beschreiben vor allem junge Mensch als Gegenpol zur reizüberfluteten Alltagswelt. Wichtig ist, die anfängliche Hürde zu überwinden, den Fernseher und das Handy auszuschalten, und zu schauen, was dann passiert.