Widersacher am Kuchentisch, Werkzeug von Gott und Kammerjäger
29.08.2023 |
Wespen sind gelb-schwarz geringelt und tun nichts, als einem die Torte vom Teller zu fressen? Von wegen! Wespen sehen oft ganz anders aus und sind dem Menschen nützlich. Manchmal isst man sie übrigens unbewusst auf.
Momentan stören sie wieder vermehrt den gemütlichen Kaffeeklatsch: Wespen. Aber schon im Herbst wird es wieder ruhiger, denn zwischen August und Oktober stirbt der ganze Wespenstaat.
Nein, bloß nicht wegpusten! Wer Wespen mit dem eigenen Atem verscheuchen will, erreicht das Gegenteil. Denn Kohlendioxid ist für die Tiere ein Alarmsignal, das sie aggressiv macht. Was also tun, wenn am Kuchentisch wieder gelb-schwarze Quälgeister kreuchen und fleuchen? Experten raten zum Wasserspritzen: einfach eine Sprühflasche hernehmen, fix für etwas Nebel sorgen – und zack, ziehen die Wespen sich ins Nest zurück, weil sie Regen fürchten.
Mit Wespen derart pfleglich umzugehen, empfiehlt sich nicht nur aus moralischen Gründen und weil sie unter Naturschutz stehen. Vielmehr hat der Mensch den Insekten einiges zu verdanken.
So hieße ohne sie der berühmte Roller nicht „Vespa“, eine Anlehnung an Form und Brummgeräusche des Insekts. Vor allem aber vertilgen Wespen allerlei Wesen, die der Mensch gemeinhin nicht gerade als Nützlinge betrachtet. Sie füttern ihren Nachwuchs mit gefräßigen Raupen und Blattläusen, sirrenden Mücken und blutdürstigen Bremsen. Außerdem bestäuben Wespen Pflanzen. Zum Beispiel die Echte Feige. Und jetzt wird's hart für alle Vegetarier.
Denn den Bestäuber dieses Strauchs – die nur rund zwei Millimeter kleine Feigengallwespe – isst man mit jeder Feige mit. Das liegt daran, dass der Sechsbeiner zur Befruchtung in die Feige hinein krabbelt, dabei aber durch die Enge Teile seiner Gliedmaßen verliert, deshalb zugrunde geht und zersetzt wird. Die Larven können sich später in der Feige gut geschützt entwickeln und nehmen in ihr bereits den Pollen für die nächste Bestäubung auf.
Wespennester an der Hauswand oder im Rollladenkasten machen vielen Menschen Angst – viele Arten sind jedoch harmlos.
Der Spätsommer ist die Hochzeit der Wespen
In Deutschland gibt es die Feigengallwespe nicht, aber Tausende anderer Wespenarten. Darunter sind Singles wie Staatenbildende, Geflügelte wie Flügellose. Und Winzlinge wie die Erzwespen, die es gerade mal auf 0,2 Millimeter bringen. Deutlich auffälliger erscheinen die farbenfrohen Goldwespen, die rot, grün, blau schillern, stets grundiert vom Leuchtton des namensgebenden Edelmetalls. Die markanteste heimische Wespenart ist aber die größte: die Hornisse. Ihre Königin wird bis zu 3,5 Zentimeter groß.
Und dann sind da natürlich die schon angesprochenen Plagegeister vom Pflaumenkuchen. Von all den zig Arten sind es allerdings bloß zwei, die dem Menschen hierzulande unangenehm nahekommen: die Gemeine und die Deutsche Wespe. Beide sehen so aus, wie sich wohl die meisten Leute eine Wespe vorstellen: gelb-schwarz geringelt.
Besonders jetzt im Spätsommer tummeln sie sich gern auf Tortentellern. Warum, erklärt Tarja Richter, Wespenfachfrau des bayerischen Naturschutzverband LBV aus dem fränkischen Hilpoltstein: „Ungefähr im August wird die letzte Brut dieser Arten selbstständig. Die Alttiere können dann ihr eigenes restliches Leben bis zum Herbst genießen – dazu gönnen sie sich gerne Süßes.“
Wie Richter ergänzt, müssen wir Menschen uns für die Zukunft auf zunehmendes Wespen-Generve einstellen: „Der Klimawandel bringt wärmere und längere Sommer. Das erhöht die Aktivität der Wespen und lässt sie später als bisher sterben.“
Wespen stürzen sich erst dann auf Süßes, wenn die Jungtiere ausreichend versorgt sind. Während der Brutpflege ist ihr Bedarf an Fleisch sehr hoch.
Apropos Tod: Wespenstiche können höchstens Allergikern gefährlich werden. Dass drei Hornissenstöße einen Mann und sieben ein Pferd umbrächten, wie es landläufig heißt, ist Kokolores. Wer weiß, womöglich wurzelt diese Mär in der Bibel. Denn dem wissenschaftlichen Internet-Bibellexikon WiBiLex zufolge steht im Alten Testament gleich dreimal, Gott werde Wespen oder Hornissen zur Vertreibung und Vernichtung feindlicher Völker senden. Allerdings sei umstritten, ob der entsprechende hebräische Begriff nicht eher so viel wie „Panik“ bedeute.
Das Wort „Wespe“ selbst wiederum heißt laut Duden ursprünglich „die Webende“. Der Name leite sich vom gewebeartig-papiernen Nest der bekanntesten Arten ab. Damit passt er längst nicht zu allen Spezies.
Ohne Nest vermehren sich zum Beispiel Schlupfwespen. Schädlingsbekämpfer setzen sie etwa gegen den Holzwurm ein: Die Wespen legen ihre Eier an diese Tiere, später fressen die Larven sie auf. Solche Einsätze gibt es beispielsweise in alten Kirchen immer wieder. Wespen sind also vieles: Widersacher am Kuchentisch ebenso wie Werkzeug von Gott und Kammerjäger.
Christopher Beschnitt
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