Zwischen Selbstvergewisserung und Befremdung

06.06.2023 |

Zu seinem Glauben stehen und sich öffentlich dazu zu bekennen – für Katholiken ist das längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Das zeigt sich auch an Fronleichnam.

An Fronleichnam demonstrieren Katholiken öffentlich ihren Glauben. Und sie zeigen, dass Gott in Brot und Wein mitten unter ihnen ist. Sichtbares Zeichen sind feierliche Prozessionen. Dabei wird eine reich verzierte Monstranz mit einer geweihten Hostie durch die Straßen getragen.
 
Hinter der Monstranz durch die Straßen zu ziehen, zu singen und zu beten – die Fronleichnamsprozession, diese Demonstration des katholischen Glaubens, wirkt auf manche Menschen wie aus der Zeit gefallen. Auch mancher Katholik mag inzwischen mit dieser Tradition fremdeln, fällt es doch auch angesichts der Missbrauchskrise, Stagnation auf dem Synodalen Weg und anderem Frust schwer, voller Überzeugung hinter der Kirche zu stehen.
 
Es gibt alle möglichen Demonstrationen – auch wir zeigen, was uns wichtig ist“, sagt selbstbewusst Marius Linnenborn – die Gegenwart Christi in der geweihten Hostie. Die Frage sei aber: Trauen wir uns, mit diesem Schatz in die Öffentlichkeit zu gehen?“ Für den Leiter des Deutschen Liturgischen Instituts in Trier zeigt sich an der Fronleichnamsprozession, wie lebendig der Glaube und das Gemeindeleben vor Ort sind und welchen Stellenwert überhaupt die Eucharistie hat.
 
Fronleichnam heißt offiziell „Hochfest des Leibes und Blutes Jesu Christi“. Es steht inhaltlich in engem Zusammenhang zum letzten Abendmahl am Gründonnerstag. Nach kirchlicher Lehre hat Jesus dabei das Sakrament der Eucharistie eingesetzt, als er den Jüngern Brot und Wein reichte und die Worte sprach „Das ist mein Leib“ und „Das ist mein Blut“.
 
Ist sie ein wichtiger Kern des Gemeindelebens? Gelingt über die Erstkommunionvorbereitung eine gute Verbindung zu jungen Familien?“, fragt Linnenborn. Wenn die Eucharistie auf Sparflamme gehalten wird, versteht man auch, warum Menschen keinen Bezug dazu haben – und dann natürlich auch nicht einsehen, warum sie bei der Prozession der Monstranz folgen sollen.“
 
Ob sich Menschen der Prozession gerne anschließen und in der Öffentlichkeit am Gottesdienst teilnehmen, kommt für den Theologen auch auf die Art der Durchführung an. Linnenborn verweist darauf, dass heute Fronleichnamsprozessionen meist nicht mehr wie in den 1970er Jahren aussehen. Prachtvolle Prozessionen, um die Macht und Stärke der katholischen Kirche darzustellen, seien nicht mehr angesagt. Heute sei die Botschaft: Die Kirche und das Volk Gottes sind auf dem Weg und in Bewegung“.
 
Prozessionen seien heute oft kürzer; neben der Monstranz werde mancherorts auch die Heilige Schrift mitgeführt, um die Bedeutung des Wortes Gottes zu unterstreichen. Einen größeren Stellenwert habe oft ein Gottesdienst auf einem zentralen Platz des Ortes. Änderungen gebe es auch durch die Zusammenlegung zu Pfarrverbünden, weil Seelsorger fehlen und sich Menschen zunehmend von der Kirche abwenden. Solche gemeinsamen Feiern bieten für Linnenborn die Chance, sich als größere Einheit zu erleben und überhaupt als glaubende Menschen kennenzulernen.
 
An Fronleichnam ziehen die Kommunionkinder in der Regel noch einmal ihre festlichen Kleider an und begleiten die Prozession.
 
Gleichwohl weiß der Theologe, dass sich viele Menschen mit neuen Wegen buchstäblich schwertun. Manche sagen: Ich nehme nur teil, wenn die Prozession durch unseren Stadtteil zieht.“ Abgenommen habe auch die Tradition, am Prozessionsweg vor Wohnhäusern kleine Altäre zu schmücken. Zugleich beobachtet Linnenborn ein Land-Stadt-Gefälle. In bayerischen Dörfern gehöre die Teilnahme noch mehr zum Brauchtum, da ist es üblich, dass die Freiwillige Feuerwehr und das Blasorchester mitgehen“. Der Theologe weiß, dass die Kirchenbindung abnimmt. Schon die Mitfeier des Gottesdienstes ist nicht selbstverständlich, noch weniger die Teilnahme an der Fronleichnamsprozession.
 
Der Münsteraner Religionssoziologe Detlev Pollack beobachtet, dass so eine Glaubensprozession kirchenferne Menschen irritieren mag: Christen sind mit Christus unterwegs, um Gott die Ehre zu geben.“ Daran müsse man nicht glauben, aber für diejenigen, die daran glauben, ergibt das Ritual Sinn. Und viele erleben das Ritual, das in einigen Gegenden zu einem volkstümlichen Brauch geworden ist, als etwas Schönes“.
 
In allen Religionen würden Rituale gepflegt, die auf den ersten Blick schwer verständlich seien, gibt Pollack zu bedenken. Auch wenn es vielen vielleicht altertümlich und fremdartig vorkomme, wenn Menschen einem Priester mit einer Monstranz folgten, wirbt der Religionssoziologe für Toleranz. Nicht nur die Religionen des globalen Südens verdienen Respekt, sondern auch das Christentum.“
 
In vielen Gemeinden werden die Prozessionswege besonders geschmückt mit Fahnen, kleinen Altären und Blumen – auch die Häuser und Fenster, an denen die Prozession vorbeizieht werden oft von den Bewohnerinnen und Bewohnern festlich geschmückt.
 
Glaubenswissen ist längst nicht mehr selbstverständlich. Ein öffentliches 'Be-Kennt-nis' setzt 'Kennen' voraus“, sagt der Theologe Manfred Becker-Huberti. Christus zu kennen und sich zu ihm zu bekennen, schließt für ihn ein bloßes Hinterherlaufen hinter der Monstranz aus. Die aktuelle Krise verlangt von mir eine Entscheidung: Will ich Christus nachfolgen oder nicht? Das stellt meine kritische Einschätzung bestimmter Ereignisse in der Kirche nicht in Frage“, erklärt der Brauchtumsforscher.
 
Für den ihn gibt es keine Alternative zur Öffentlichkeit: Verborgene Bekenntnisse nimmt niemand wahr.“ Hierzulande dürfe jeder legitim sein Bekenntnis ablegen – ob durch Aufdruck auf seinem T-Shirt, Plakaten oder eben einer demonstrativen Prozession über Straßen und Feldwege. Sie sollte aber zeitgemäß sein und nicht mehr wie früher selbstherrlich und in antiquierten Formen“ daherkommen.
 
Schließlich solle vermittelt werden: Christen folgen Christus nach.
Christus und sein Reich sind schon in dieser Welt präsent. Deshalb begleitet uns Christus auf all unseren Wegen.“ Prozessionen könnten auch mit dem Rad oder per Schiff, sternförmig oder mit modernen Liedern und Texten gestaltet werden. Denn, so Becker-Huberti, Gottes Wege lassen sich immer wieder neu und neuartig begehen.“
 

Anregungen für Fronleichnam

 
Der Theologe und Brauchtumsforscher Manfred Becker-Huberti hat ein paar Anregungen für eine modernere Gestaltung des Fronleichnamsfestes:
 
  • Nicht nur zu Fuß: Gläubige können auch per Schiff oder Fahrrad unterwegs sein.
  • Von mehreren Orten: Statt einer großen Gruppe können sich mehrere Gruppen gleichzeitig auf den Weg zu einem gemeinsamen Ziel machen, wo man dann miteinander Gottesdienst feiert und nachher feiernd zusammenbleibt. Warum dazu nicht auch evangelische und orthodoxe Mitchristen einladen?
  • Am Wegesrand: Beim Gang durch die Gemeinde können Wegkreuze, Bildstöcke und Kapellen einbezogen werden. Dort haben schon Menschen zu früheren Zeiten ihren Glauben bekundet und zu Gott gebetet.
  • Viele Schultern: Pfarrer haben immer mehr Aufgaben und Verpflichtungen. Sie können in die Vorbereitung der Fronleichnamsfeier auch Jugendgruppen, Eltern oder Senioren einbeziehen, die dann auch bei der Durchführung helfen können.
  • Frischer Wind: Becker-Huberti verweist darauf, dass bei dem Fest nicht nur altbackene Lieder gesungen und unverständliche, alte Texte vorgebetet werden müssen. An Fronleichnam dürfen auch moderne Lieder und Gebete einbezogen werden.
  • Gemeinsam unterwegs: Früher liefen Ordensleute, Kommunionkinder, Schützen und andere katholische Gruppen in einer bestimmten Reihenfolge bei der Prozession. So eine „Blockbildung“ muss heute nicht mehr sein, findet Becker-Huberti. Er schlägt vor, dass man auch mit seiner Familie und/oder befreundeten Familien und Nachbarn in der Prozession geht. Auch behinderte Menschen könne man so integrieren.
 
Angelika Prauß/KNA