Wie kann ich mein Leben neu ordnen?

18.02.2026 |

Kaum eine Gestalt hat in der Spiritualitätsgeschichte eine so ambivalente Wirkung hinterlassen wie Ignatius von Loyola (1491-1556), der Gründer des Jesuitenordens und Verfasser der sogenannten „Geistlichen Übungen“, die uns als Exerzitienbuch überliefert sind. Das Konradsblatt stellt diese in der vorösterlichen Bußzeit mit einer Beitragsreihe vor.

Ignatius von Loyola, Gründer des Jesuitenordens, wurde besonders durch seine „Geistlichen Übungen“ prägend für das spirituelle Leben in der Kirche. 
 
Wer war dieser Mann, der von den einen verehrt und geliebt, von anderen kritisch gesehen oder abgelehnt bis hin zu bekämpft wird? Was macht seine Spiritualität aus und was hat er uns heute noch zu sagen? Wie prägt seine Haltung „Gott suchen und finden in allen Dingen“ seine „Geistlichen Übungen“? Seine Exerzitien dienen dazu, das eigene Leben zu ordnen, sich neu auf Gott auszurichten und zu fragen, wie der Alltag und das konkrete Leben durch diese Ausrichtung gestaltet werden will. Fast ein halbes Jahrtausend nach ihrer Entstehung werden uns Menschen von heute Übungen vorgeschlagen, die immer noch wegweisend und hilfreich sein können – besonders jetzt in der Fastenzeit.

Alle Jahre wieder, je nachdem, wie und wann das Osterfest datiert ist, kommt sie: die Vorbereitungszeit auf Ostern, auch „Fastenzeit“ genannt. Eine Zeit, die uns aufruft, unser Leben neu auf Gott auszurichten. Eine Zeit, die uns ermutigt dem, was Leben fördert und stärkt, mehr Raum zu geben und sich von dem zu trennen, was lebenshinderlich ist oder Leben gar zerstört. So wie der Frühjahrsputz für viele Menschen eine wichtige Rolle spielt, geht es in diesen 40 Tagen um eine innere und äußere Entrümpelung von Dingen, Gewohnheiten und Zielrichtungen, die ein Leben in Fülle verhindern oder boykottieren.

Für manche Menschen ist es dabei hilfreich, bewusst auf bestimmte Nahrungsmittel und Konsumgüter zu verzichten, etwa Alkohol oder Fernsehen, andere nehmen sich mehr Zeit für ihre Mitmenschen, die in Not sind. Fasten und Beten gehören in der christlichen Tradition untrennbar zusammen und so gibt es in dieser Zeit vielerorts zusätzliche Angebote, die der Besinnung und dem Gebet dienen, wie Frühschichten, Bibelabende, Glaubenskurse oder „Exerzitien im Alltag“.

Letztere gehen auf die Geistlichen Übungen des Ignatius zurück. Dabei nimmt man sich für einen Zeitraum von vier bis sechs Wochen täglich Zeit für eine geistliche Übung, die ganz unterschiedlich aussehen kann. Biblische Impulse, Bilder, Wahrnehmungsübungen mit allen Sinnen und Reflexionen zu alltäglichen Themen prägen diese Alltagsexerzitien. Dazu geben etliche Diözesen Materialien heraus.

In den nächsten Ausgaben werden unterschiedliche Aspekte der ignatianischen Spiritualität und konkrete Übungen erläutert und vorgestellt. Doch zuvor einige lebensgeschichtliche Eckdaten und persönliche Entwicklungen des Ignatius:
Der baskische Edelmann Inigo wurde 1491 geboren. Bis er 30 Jahre alt war, so heißt es später in seiner Autobiografie, dem „Bericht des Pilgers“, war er den Eitelkeiten der Welt verfallen. Besonders ausgelassen galt er in Spiel- und Frauenabenteuern. 1521 wurde dieses Leben samt seiner geplanten Karriere jäh beendet: Am Pfingstmontag, in der Schlacht von Pamplona, zerschmetterte eine Kanonenkugel sein Bein. Er rang mit dem Tod und wurde von seinen Landsleuten zurück in seine Heimat auf das Schloss Loyola gebracht.

In dieser Zeit vollzog sich auf dem Krankenlager eine innere Veränderung, die als Bekehrung bezeichnet wird. Da es im Hause Loyola an Lesestoff und vor allem den von ihm bevorzugten Ritterromanen mangelte, las er Heiligenlegenden und das Leben Jesu Christi aus der Feder des Karthäusers Ludolf von Sachsen. Das Leben der Heiligen, besonders das von Franziskus und von Dominikus, faszinierte ihn und er beschloss fortan sein Leben in den Dienst Jesus Christi zu stellen. Wie die Heiligen wollte er große Heldentaten für diesen neuen Herrn vollbringen: in Armut leben, fasten, auf verschwenderisches Leben verzichten und wie Jesus im Heiligen Land das Gottesreich verkünden. Das war es, was er nach seiner Genesung tun wollte.

So macht sich Ignatius 1522 auf den Weg nach Jerusalem zum Montserrat, einem bis heute zentralen katalonischen Wallfahrtsort und ein Benediktinerkloster etwas westlich von Barcelona. Dort legte er eine Generalbeichte ab und tauschte seine Ritterrüstung gegen ein Pilgergewand ein. In dem kleinen Städtchen Manresa, kurz vor Barcelona, machte er Station und blieb dort fast ein Jahr, bis zu seiner Überfahrt 1523 von Barcelona nach Venedig und schließlich ins Heilige Land. Doch dort wird sein Tatendrang jäh gestoppt: der Franziskanerobere von Jerusalem befiehlt ihm unter Androhung der Exkommunikation das Land wieder zu verlassen.

Nach seiner Rückkehr aus Jerusalem, beschließt Ignatius im fortgeschrittenen Alter Theologie zu studieren. In Paris, dem letzten seiner Studienorte, übergibt er seinen ersten Studienkollegen Peter Faber und Franz Xaver die „Geistlichen Übungen“, die er während seiner Studienzeit ergänzt und korrigiert hatte. Am 15. August 1534 legt er mit sieben Gefährten auf dem Montmartre in Paris ein gemeinsames Gelübde ab. Darin wollten sie alle mit einem Leben in Armut den Nächsten dienen und gemeinsam nach Jerusalem reisen. Sollte dies nach einem Jahr Wartezeit nicht möglich sein, würden sie zum Papst nach Rom gehen, um sich ihm zur Verfügung zu stellen.

Ignatius hatte also seinen alten Wunsch, im Heiligen Land in der Nachfolge Jesu zu leben, noch nicht aufgegeben, aber dieses Mal hatte er einen Plan B. Da es ihm 1537 nicht möglich war, ins Heilige Land zu reisen, zogen die Gefährten nach Rom. Nach längeren Beratungen und intensivem Gebet entschieden sie, die „Gesellschaft Jesu“ zu gründen. 1540 wurde der Orden von Papst Paul III. anerkannt. Ignatius wurde 1541 der erste Generalobere und blieb in Rom bis zu seinem Tod am 31. Juli 1556; hier verfasste er die Satzungen der Jesuiten, führte und leitete den Orden in den ersten Jahren.

Zurück zu seiner Zeit in Manresa, die geprägt war von extremer Askese und intensivem Gebet, das in ihm immer mehr Skrupel auslöste, die ihn fast in den Suizid trieben. So viel er betete, so streng er fastete, so oft er auch beichtete, es wurde ihm nicht leichter im Inneren, bis er – so deutet er es später – durch verschiedene Visionen die Gnade Gottes am eigenen Leib erlebte. Ignatius erkennt, dass es allein die Gnade Gottes ist, die den Menschen leben lässt, ihm aufhilft und ihn erlöst.

Er hört auf, streng zu fasten und begreift nach verschiedenen Visionen, dass ihm die Gnade Gottes nicht aus eigenem Verdienst zukommt. Diese Urerfahrung des Ignatius in Manresa sollte man nicht aus den Augen verlieren, auch wenn Ignatius in den Beschreibungen seiner Übungen sehr genau und detailreich ist. Und dies ist auch für alle Praxis in der Fastenzeit zu bedenken: Der Mensch kann durch sein Gebet und sein Handeln die Gnade Gottes weder erzwingen noch sich das Seelenheil verdienen. Gott muss auch nicht durch Askese und Verzicht gnädig gestimmt oder besänftigt werden. Die Gnade Gottes kommt allem zuvor und wird uns Menschen geschenkt. Was der Mensch tut, hilft ihm, sich für die Gnade Gottes zu öffnen und ihr Raum zu geben. Durch mein Gebet, meinen Verzicht und meine Zuwendung zum Nächsten reagiere und antworte ich auf das, was Gott mir schenkt und schenken will.

Bereits in Manresa war Ignatius ohne Studium und Priesterweihe als Laie seelsorglich tätig. Da er öffentlich predigte und Menschen „Geistliche Übungen“ gab, ohne einer Ordensgemeinschaft anzugehören, geriet er regelmäßig mit der kirchlichen Obrigkeit und auch der Inquisition aneinander. „Seelsorge“ war und ist das Grundanliegen seiner Bewegung und seines Ordens. Dabei sind seine „Geistlichen Übungen“, mit deren Aufschrieb er in Manresa begonnen und die er während des Studiums fortgeschrieben hatte, ein zentrales Mittel.
Vorweg: Es ist wenig empfehlenswert die „Geistlichen Übungen“ des Ignatius zu lesen. Es geschieht nicht selten, dass Menschen dieses Buch nach einem ersten Kontakt enttäuscht ins Regal stellen. Wer Ignatius im Original kennenlernen will, dem sei sein Pilgerbericht, also seine Lebensbeschreibung empfohlen, bei dem man sich allerdings auf die Sprache des 16. Jahrhunderts einstellen muss. Das Exerzitienbuch dagegen ist eine Art „Manual“ für diejenigen, die Exerzitien begleiten. Gleich zu Beginn erläutert Ignatius, was er unter „Geistlichen Übungen“ versteht: „Unter diesem Namen (...) ist jede Weise, das Gewissen zu erforschen, sich zu besinnen, zu betrachten, mündlich und geistig zu beten, und andere geistliche Betätigungen zu verstehen.“

Ignatius sieht für seine Form der „Geistlichen Übungen“ 30 Tage, also vier Wochen vor. Er teilt seine Übungen in vier Teile ein. Gerne spricht man hier von Exerzitienphasen, die im zeitlichen Umfang je nach der Verfasstheit des Übenden länger oder kürzer sind. Die Exerzitien beginnen mit dem „Prinzip und Fundament“, eine Art Zielformulierung für die Übungen. Der Übende erlebt sich darin als Geschöpf in seiner Beziehung zu Gott, seinem Schöpfer, der ihm alles zum Leben Notwendige schenkt. Danach folgt die erste Phase der Exerzitien, die man als Umkehr- und Krisenphase bezeichnen kann: Der Mensch schaut auf sich und sein Leben. Er sieht, wie es neben dem Schönen und Guten auch das Böse und Heilungsbedürftige in der Welt und in seinem Leben gibt. All das kann er anschauen und zulassen, weil Gottes reiche Barmherzigkeit ihm entgegenkommt.

In der zweiten Phase, dem Zentrum der Übungen, betrachtet der Übende die Geheimnisse des Lebens Jesu und fragt nach seiner Form der Nachfolge, die sich in der sogenannten Wahl konkretisiert. In der nächsten Phase geht der Übende den Leidensweg Jesu mit, bis schließlich in der vierten Phase die Auferstehungsgeschichten und das Pfingstereignis die Übungen prägen. Die Exerzitien enden mit der sogenannten Betrachtung zur Erlangung der Liebe, die den Übergang in den Alltag schafft.

Die Übungen sind kein Selbstzweck; Sie können den Übenden in eine tiefere Gottesbeziehung führen, die sich in einer konkreten Glaubenspraxis zeigt. Diese ist so vielgestaltig und unterschiedlich wie die Menschen selbst. Heute finden neben den Großen Exerzitien von 30 Tagen häufig ignatianische Exerzitien von acht bis zehn Tagen statt. Daneben gibt es die bereits erwähnten Exerzitien im Alltag, die Ignatius für Menschen vorgesehen hat, die nicht die Möglichkeit haben, sich ganz aus ihren beruflichen und persönlichen Verpflichtungen zurückzuziehen und die Tage in Abgeschiedenheit zu verbringen.
 
Birgit Bronner 

Hinweis

Die Beiträge der Serie „Mit Ignatius durch die Fastenzeit“ erscheinen in den künftigen Ausgaben jeweils im Ressort „Glauben“ des Konradsblatts. Die erste Folge finden Sie auf den Seiten 18/19.