Allenthalben ist zu spüren, dass die religiöse Luft in der Gesellschaft dünn geworden ist. An die Stelle der existentiellen Frage nach Gott und nach dem Sinn des Lebens tritt vielfach eine Haltung religiöser Gleichgültigkeit. Sie ist drastisch vom Pastoraltheologen Jan Loffeld thematisiert und analysiert worden: eine epochale Herausforderung für die Kirche.
Ist das noch wichtig oder kann das weg? Wo Gott fehlt, bleibt eine Leerstelle, die allerdings von vielen Zeitgenossen nicht mehr als solche wahrgenommen wird.
Im Blick der neuen kirchlichen Strukturen im Erzbistum Freiburg waren alle 36 künftigen Pfarreien aufgefordert, ihre Visionen, Werte, Ziele und Schwerpunkte zu formulieren. Natürlich weisen die Gründungsvereinbarungen ortsgebundene Unterschiede auf. Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten. Ein Beispiel: Immer wieder wird ausdrücklich an eine Haltung der Offenheit gegenüber allen Menschen appelliert, die sich im Umfeld der neuen Pfarrei bewegen, einschließlich derjenigen, die in keiner besonderen Beziehung zur Pfarrei und zur Kirche stehen. Menschen, die auf der Suche sind nach Sinn und Spiritualität, Menschen mit vielfältigen Bedürfnissen, denen die neuen Pfarreien vorbehaltlos begegnen und mit entsprechenden Angeboten entgegenkommen wollen.
Solche Textpassagen sind Ausdruck eines positiv veränderten Selbstverständnisses engagierter Katholiken. Sie wollen, anders als vielfach in der Vergangenheit, nicht mehr als diejenigen daherkommen, die sich im Besitz einer religiösen Wahrheit wähnen, um diese dann zwar freundlich, aber eben doch von oben herab zu vermitteln. Sie wollen „auf Augenhöhe“ agieren – gerade mit den Skeptischen und Abständigen, die aber doch suchend und fragend unterwegs sind.
Allerdings: In den Papieren, Konzepten, Gesprächen und synodalen Prozessen der letzten Jahre bleibt eine Erkenntnis unterbelichtet, die das kirchliche Selbstverständnis und die kirchliche Praxis auf neue Weise in Frage stellt. Immerhin befassen sich die deutschen Bischöfe in dieser Woche im Rahmen ihrer Herbstvollversammlung in Fulda ausführlich mit aktuelleren Umfragen und Studien zur Situation des Glaubens und der Religion in der Gesellschaft. Allen voran mit der überkonfessionellen Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU VI) von 2023, die zeigt, dass hierzulande inzwischen eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung den sogenannten „Säkularen“ zuzuordnen ist.
Hinter diesem Begriff verbergen sich jene Zeitgenossen, die mit Religion jedweder Art nichts mehr anfangen können und wollen – und dementsprechend auch weder spirituelle Bedürfnisse noch irgendwelche Fragen an die kirchlichen Akteure haben. Sie machen sich keine Gedanken über Gott, nicht einmal über den Sinn ihrer eigenen Existenz. Kurzum: Sie scheinen ohne Gott glücklich und zufrieden zu sein. Es fehlt ihnen nichts, wenn Gott fehlt.
„Religiöse Indifferenz“ so nennen Experten diese Haltung der Gleichgültigkeit. Während gerade im Kernbereich der Kirchengemeinden immer wieder intensiv darüber diskutiert wird, was sich in der Kirche ändern muss, damit die Menschen wieder auf den christlichen Glauben aufmerksam werden, werfen diese neueren Untersuchungen die Frage auf, ob diese Menschen in Sachen Religion überhaupt noch ansprechbar sind. Die Experten sprechen in diesem Zusammenhang von einer für das Christentum geradezu epochalen Herausforderung und verweisen darauf, dass der christliche Glaube auch mehr und mehr aus dem kulturellen Gedächtnis der Gesellschaft zu verschwinden scheint. Bezüge in der Sprache, in der Kunst und in der Musik drohen unverständlich zu werden. Immer mehr Menschen nehmen die Kirche offenbar als eine „fremde“ Größe wahr.
Auslöser der Debatte war ein 2024 erschienenes Buch von Jan Loffeld, Priester des Bistums Münster und Professor für Praktische Theologie im niederländischen Utrecht. „Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt“, so lautet der provokante Titel dieses Buches, das auf viel Zustimmung, aber vereinzelt auch auf kritische Reaktionen stieß. Wobei Loffeld selbst darauf hinweist, dass es im deutschen Katholizismus aktuell zwei unterschiedliche Sichtweisen auf die Krise des kirchlichen Lebens gibt.
Auf der einen Seite steht ein „Optimierungsparadigma“ – sprich: die Überzeugung, dass der Krise des Glaubens und der Kirche mit einer qualitativen Verbesserung des kirchlichen Handelns begegnet werden kann – einschließlich der Umsetzung der viel diskutierten kirchenpolitischen Reformforderungen. Die Krise ist aus dieser Perspektive vor allem eine Krise der „Institution“, der „Amtskirche“, die dringend neue, besser funktionierende Strukturen als Grundlage für eine erfolgreiche und glaubwürdige pastorale Praxis braucht. Diesem aus seiner Sicht unzureichenden „Optimierungsparadigma“ stellt Loffeld die These von einer fundamentalen gesellschaftlichen „Transformation“, einer wirklichen Umwälzung gegenüber. Er macht sie über die erwähnten Studien und Umfragen hinaus auch an Gesprächen mit Seelsorgern und Seelsorgerinnen fest, die sich der Erkenntnis stellen müssen, dass bei sehr vielen Menschen keine Bereitschaft vorhanden ist, sich mit den Angeboten des Glaubens wie auch mit den Provokationen der christlichen Botschaft auseinanderzusetzen. Dementsprechend, so Loffeld, sei bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Pastoral auch die Hoffnung gesunken, eine schlüssige Konzeption für das jeweilige pastorale Umfeld könnte eine Wende zum Besseren hin bewirken.
Die grundsätzliche Notwendigkeit kirchlicher Reformen stellt Loffeld nicht in Frage. Aber er bezweifelt, dass diese Reformen den Megatrend der Säkularisierung und die rasante Entwicklung der einstigen Volkskirche zu einer Minderheitenkirche einschließlich des Bedeutungsverlustes der Religion aufhalten können. Gute Predigten, anspruchsvolle liturgische Feiern, ein modernes und weltoffenes Auftreten der Verantwortlichen und eine angemessene Öffentlichkeitsarbeit – kurzum: pastorale Qualität – bleibt aus Sicht des Autors wichtig, ist aber kein Garant für pastoralen Erfolg. Die Annahme, die Adressaten der christlichen Botschaft seien eigentlich immer auf Empfang geschaltet und es gehe lediglich darum, die richtige Frequenz zu finden, um diese Botschaft an den Mann oder die Frau zu bringen, lässt sich Loffeld zufolge nicht mehr halten.
Genauso wenig wie die These, dass die Kirchenbindung zwar radikal nachlässt, daneben aber ein neues Interesse, ja sogar ein „Boom“ an Spiritualität entsteht. Denn die Ergebnisse der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung zeigen: Glaube und Spiritualität sind inzwischen in hohem Maße an die Kirchen gebunden. Wer keiner Kirche angehört oder austritt, glaubt nicht einfach außerhalb der Institution weiter – nach dem Motto: „Ich gehe zum Beten in den Wald.“ Er wendet sich auch nur sehr selten einer anderen Konfession zu, beispielsweise der alt-katholischen Kirche, die eigentlich boomen müsste angesichts der vielen Austritte aus der katholischen Kirche und des Frustes so vieler Katholiken wegen ausbleibender Reformen. Dem ist nicht so. Und anders als des Öfteren gemutmaßt wird, erfolgt meist auch keine Annäherung an die Freikirchen, die ebenfalls mit dem Trend der Säkularisierung zu kämpfen haben. Kurzum: Wer austritt, bewegt sich meistens in Richtung religiöses Niemandsland. Und das oft ganz bewusst.
Strohfeuer oder erste Anzeichen einer Trendwende? Die mit jungen Menschen voll besetzte Kathedrale von Amiens in Frankreich am Aschermittwoch 2025.
In der Diskussion über Loffelds Ausführungen wird der von ihm dargestellte Trend der Säkularisierung und der religiösen Gleichgültigkeit kaum in Frage gestellt. Von einer „ehrlichen Bestandsaufnahme, die es auch wirklich braucht“, spricht beispielsweise der Freiburger Pastoraltheologe Bernhard Spielberg. Es gehöre inzwischen zur alltäglichen Erfahrung, dass viele Menschen mit Religion nichts mehr anfangen könnten. Anders als früher, als die Kirche noch eine dominante Rolle spielte, seien die Menschen heute „frei, das zu tun und zu glauben, was sie wollen“, so Spielberg. Dazu komme die Tatsache, „dass wir in einer Kultur der Ablenkung leben“. Dadurch würden tiefe Emotionen ebenso verdrängt wie Enttäuschungen und existenzielle Fragen nach der eigenen Endlichkeit.
Im Blick auf das Verständnis und die Deutung der religiösen Gleichgültigkeit werden in der Diskussion allerdings auch kritische Fragen an Jan Loffeld laut: Ist der Sog einer radikal säkularisierten Welt mit all ihren Ablenkungen langfristig wirklich so stark, dass er die über die Welt und die eigene Existenz hinausgreifende Sehnsucht des Menschen nach einem letzten Sinn dauerhaft eliminieren kann? Könnten beispielsweise die vielen tausend Taufen von jungen Erwachsenen und die mit jungen Menschen voll besetzten Kathedralen am Aschermittwoch in Frankreich nicht als Anzeichen für eine Trendumkehr gedeutet werden und dafür, dass Gott eben doch fehlt? Ist da nicht im Sinne von Teresa von Avila in jedem Menschen eine „innere Seelenburg“, die für Gott offen ist? Und ist an die Stelle der Anbetung Gottes nicht die „Vergötzung“ anderer Ideen oder fragwürdiger Idole getreten, die aber auch wieder als eine dem Menschen innewohnende Suchbewegung gedeutet werden kann? Sind nicht auch Körperkult, extreme sportliche Unternehmungen oder pseudoreligiöse Rituale Zeichen für eine schmerzhafte Leerstelle – dort, wo Gott einmal seinen Platz hatte? Und umgekehrt: Hat Gott selbst nicht die unerschütterliche „Sehnsucht“, diese Leerstelle zu füllen? Wo bleibt er und was „macht“ er, wenn der Mensch diese Realität nicht einmal mehr in Betracht zieht?
Letztere Frage geht freilich von einem personalen Gottesbild aus. Von einem Gott, mit dem Menschen in Beziehung treten können und der selbst immer schon mit ihnen in Beziehung treten will. Es ist das biblische Gottesbild, aus dem sich dann eben auch die zentralen Inhalte des christlichen Glaubens ergeben. Und es gehört zu den problematischsten Erkenntnissen der besagten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, dass nicht nur in der Gesellschaft insgesamt, sondern offenbar auch unter den Katholiken eine Mehrheit von der fundamentalen Krise dieses personalen Gottesbildes betroffen ist. Nur noch etwa ein Drittel der Kirchenmitglieder, so heißt es, bekennt sich umfänglich zu den zentralen Inhalten des christlichen Glaubens.
Zuzugestehen ist, dass diese Inhalte anspruchsvoll sind und dass es anstrengend sein kann, sich ernsthaft mit ihnen auseinanderzusetzen. Glauben im christlichen Sinn heißt, darauf zu vertrauen, dass es einen Gott gibt, der die Welt und alle Geschöpfe bis hin zum Menschen als dem göttlichen Ebenbild gewollt und ins Leben gerufen hat. Dass dieser Gott sich in der Geschichte des Volkes Israel geoffenbart hat. Dass dieser eine und einzige Gott seinen Willen immer wieder vermittelt hat durch die Propheten und dass er zuletzt sichtbar und erfahrbar wurde in Jesus Christus, der mit seinem ganzen Wesen Gott entsprach. Ganz zu schweigen davon, dass dieser Glaube mit einem ebenfalls anspruchsvollen Ethos, mit Geboten und einer konkreten Lebenspraxis verbunden ist.
Mit diesem Glauben in der Atmosphäre einer dem Religiösen insgesamt abgewandten Gesellschaft durchzudringen, erscheint auf den ersten Blick tatsächlich schwierig. Gegenüber vermeintlichen Patentrezepten und ausgeklügelten pastoralen Strategien ist, wie Jan Loffeld anmerkt, Skepsis, zumindest Zurückhaltung angebracht.
Andererseits neigt der Autor zuweilen dazu, das Kind mit dem Bade auszuschütten – etwa wenn er unterschiedliche Versuche, das Bild und die Gestalt der Kirche auf die Moderne mit ihren Herausforderungen hin zu öffnen, allzu pauschal als gescheitert beurteilt. Mag sein, dass die stark gemeinschafts- und gemeindebezogenen Kirchenbilder des Konzils, der Würzburger Synode oder der Communio-Theologie der 1990er-Jahre von heute aus betrachtet als begrenzt erscheinen. Allerdings sind diese Kirchenbilder biblisch geprägt und damit auch in veränderten Zeiten relevant. Zudem verweist Loffeld selbst auf die bleibende Bedeutung von Gemeinschaftserfahrungen, beispielsweise beim Pilgern oder bei christlichen Events. Wie überhaupt die Antworten der Experten auf die Frage, wie es gelingen könnte, die religiöse Gleichgültigkeit aufzubrechen oder zu öffnen, insgesamt noch unsicher, allgemein gehalten und mitunter auch widersprüchlich erscheinen. Wie sollte es auch anders sein?
Da ist es vielleicht naheliegender, zunächst vor Antworten und Reaktionen zu warnen, die gerade nicht weiterführen. Vor Versuchungen, denen die engagierten Gläubigen und die pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerade nicht erliegen sollten. Dazu gehört sicher der Hang zur Resignation oder zum Rückzug. Als wäre alles Bemühen um die Vermittlung des Glaubens gerade an junge Menschen ohnehin zum Scheitern verurteilt. Aber eine solche Haltung würde weder den Menschen gerecht, noch dem neutestamentlichen Auftrag, das Evangelium in Wort und Tat zu verkünden, ob gelegen oder ungelegen. Überdies lässt es dieser Auftrag nicht zu, in der Pastoral einfach nur auf der Basis von Statistiken und Umfrageergebnissen zu agieren. Die Halbwertszeit solcher Ergebnisse kann auch recht kurz sein. Oftmals spiegeln sie zwar einen Trend, aber nicht in exakter, unhintergehbarer Weise sämtliche Facetten der Realität.
Ein weitere Versuchung könnte darin liegen, den Anspruch des christlichen Glaubens herunterzuschrauben, zu relativieren, anzupassen an die gesellschaftlichen Trends und an ganz unterschiedliche, immer speziellere Zielgruppen. Natürlich mit der guten Absicht, mehr Menschen anzusprechen. Aber verbunden mit der Gefahr, dass dabei das inhaltliche Profil, das Herausfordernde und – vor allem – der Mehrwert des Evangeliums und des Glaubens für das persönliche und alltägliche Leben nicht genügend zum Tragen kommt.
Für die Minderheit derjenigen, die sich nach wie vor bewusst als Christen beziehungsweise Katholiken verstehen, bleibt der Auftrag, gemeinschaftlich wie auch persönlich die wesentlichen Vollzüge der Kirche regelmäßig mitzuvollziehen – vom Umgang und der Vertrautheit mit den biblischen Texten über die Feier des Sonntagsgottesdienstes bis hin zum Gebet, zum Gespräch und zum Erzählen über den Glauben und darüber, wie dieser Glaube das eigene Leben prägt. Dass dazu auch die stete Zuwendung zum Nächsten gehört, vor allem zu den Hilfsbedürftigen, versteht sich von selbst.
Möglicherweise kann die Begegnung mit Menschen und Gemeinschaften, die ihr Leben auf diese selbstverständliche Weise an ihrem Glauben ausrichten, religiös indifferente Zeitgenossen doch zum Nachdenken und Nachfragen bringen. Und spätestens an diesem Punkt kommt auch die Offenheit und Zugewandtheit gegenüber diesen Zeitgenossen ins Spiel, wie sie in den Gründungsvereinbarungen der neuen Pfarreien zurecht als Vorsatz formuliert wird.
Der Freiburger Pastoraltheologe Bernhard Spielberg plädiert in diesem Zusammenhang für eine „ehrliche Kreativität“. Also dafür, das, was ist, ungeschönt wahrzunehmen, aber konstruktiv damit umzugehen. Zum Beispiel durch die Schaffung von Orten und Gelegenheiten, an denen Menschen über ihren Glauben und die damit verbundenen Erfahrungen ins Gespräch kommen können.
Die Entwicklung der Kirche hin zu einer noch kleineren Minderheit, wird das wohl nicht aufhalten können. Aber es kommt nicht nur auf die Zahl an, sondern darauf, wie diese Minderheit sich versteht und wie sie ihren Auftrag wahrnimmt. Jan Loffeld formuliert es so: „Wichtiger als die Tatsache, dass alle glauben, ist die Präsenz des Evangeliums an allen Orten, damit alle glauben könnten, wenn sie es wollten.“
Michael Winter
Info
Zur Diskussion um die Ausführungen Jan Loffelds siehe auch die Beiträge namhafter Autoren wie Tomáš Halik, Paul Michael Zulehner, Detlev Pollack oder Thomas Söding auf der Internetseite der Zeitschrift Communio: communio.de