Papst Franziskus’ Pontifikat war in vielem unkonventionell, sein Fremdeln mit der Kurie zeigt sich auch in der Wahl seiner letzten Ruhestätte. Gleichzeitig hat er wichtige Weichenstellungen getroffen, von denen sein Nachfolger profitieren kann.
Papst Franziskus spendet während der Corona-Pandemie auf dem leeren Petersplatz im Regen den Segen „Urbi et orbi“ – eines der einprägendsten Fotos dieses Pontifikats.
„Alle, alle, alle“ sollen kommen, so der Papst beim Weltjugendtag. Menschen um sich herum hat er geliebt, der Pontifex aus Südamerika. Er hat die Mengen bezaubern können, von seinem ersten „Buona sera“ an. Und dennoch bleibt ein Foto aus dem Pontifikat von Franziskus in Erinnerung, das niemanden zeigt außer ihn selbst: sein Segen „Urbi et orbi“ während der Corona-Pandemie, während einer Zeit, als Menschen verdammt dazu waren, zu Hause in ihren Wohnungen zu sein. Da hat Franziskus diese großartige Geste orchestriert: alleine, bei Regen, in der Dunkelheit auf dem Petersplatz, mit der Monstranz in den Händen.
Die Menge suchen, und doch in der Leere glänzen. Das Bild enthüllt ein Wesen von Franziskus, aber auch das Wesen von Religion und es enthüllt auch ein Stück der Wirkmacht des Papstamts, wie sie in diesen Tagen wieder sichtbar wird. Der Papst spendet Segen an alle, die Stadt und den Erdkreis – ob jemand zusieht oder nicht. Ja, ob jemand will oder nicht. Der Papst betet für die Menschen und er segnet sie. „Alle, alle, alle.“ Da gibt es kein Entrinnen.
„Wie viele Divisionen hat der Papst“, soll Russlands Diktator Stalin einmal gefragt haben. Eine Frage, die sich auch heute, aber anders stellt. Die Kirche erodiert in unseren Breiten, sie wächst in anderen. Weder hier noch da verfügt sie über feste Strukturen oder gar eine hörige Anhängerschaft, aber hier wie da ist sie Humus für Gesellschaften, die sich allzu gerne kurzsichtige Ziele setzen und die Belange der Menschen ausblenden. Wie relevant ist die katholische Kirche für die Entwicklung der Welt? Und was kann ein Pontifex dazu beitragen? Ausgerechnet der frühere amerikanische Präsident Barack Obama hat darauf eine klare Antwort: „Papst Franziskus war einer jener seltenen Anführer, die uns dazu bringen, bessere Menschen sein zu wollen.“ Immer wenn dem Papst das gelingt, hat seine Division einen Kämpfer, eine Kämpferin mehr für die Wahrheit und das Licht in der Welt.
Franziskus hat es mit Gesten verstanden, die Menschen zu bewegen und mit klugen Worten. Mit seinem unbedingten Ja zum sensiblen Umgang mit der Schöpfung. Mit seinen drastischen Mahnungen zum sozialen Miteinander. Den Kapitalismus hat er ebenso gebrandmarkt wie den Kommunismus. In einer Welt, die von vielen unberechenbaren, der Unvernunft huldigenden Staatsführern geprägt wird, ist der Kompass des Franziskus überzeugend einfach. Er hat sich „unermüdlich für die Geringsten und Ausgegrenzten“ eingesetzt, wie Kardinal Re im Requiem würdigte. Er hat Brücken verlangt statt Mauern. Und dabei waren ihm unkonventionelle Mittel am liebsten. Nach Ausbruch des Krieges zwischen Russland und der Ukraine ging er zu Fuß zur Botschaft Russlands – eindrücklicher Beleg, wie er dem gesunden Menschenverstand Vorrang gab vor verkopftem, von diplomatischen Finessen geleitetem Vorgehen.
Er bewahrte sich Frische in einem Amt, das den Inhaber völlig in Besitz zu nehmen droht
Franziskus war einer der mächtigsten Kirchenführer der Welt, Oberhaupt von 1,4 Milliarden Katholiken. Und dennoch, oder gerade deswegen setzte er auf Bescheidenheit: Er ließ den kleinen Fiat neben Luxuskarossen parken, er zog das Gästehaus dem Prunk des Apostolischen Palastes vor. „Er ist einer von uns“, so empfanden es viele Menschen – in seiner argentinischen Heimat wie in seiner neuen Heimat Rom. Mit seiner beständigen Forderung, „an die Ränder“ zu gehen, mit seiner Präferenz für „eine zerbeulte Kirche“ hat er der katholischen Kirche weltweit ein Image zurückgegeben, das sie in früheren Jahrhunderten auszeichnete. Je wohlhabender sie wurde, je ausgefuchster ihre Organisation, umso mehr ging auch ein Geist der Frische verloren. Franziskus ist es gelungen, diese Frische wiederzubeleben – ausgerechnet in einem Amt, das wie kaum ein zweites seinen Inhaber völlig in Besitz zu nehmen in der Lage ist. Freilich: Unkonventionell zu sein, das hat auch seinen Preis. Wer politisch freimütig das Herz auf der Zunge trägt, wer die eigene Authentizität geradezu zum Markenkern macht, der kann auch hier und da mit Äußerungen danebenliegen. Mehrmals mussten vatikanische Mitarbeiter Zitate des Papstes wieder einfangen und relativieren. Selbst vor dem amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf irritierte er mit einer Aussage, es gelte unter zwei Übeln das kleinere zu wählen. Ob er das später nochmals so gesagt hätte?
„Laut sollt Ihr sein“, das hat Jose Bergoglio schon als Erzbischof den Jugendlichen Argentiniens zugerufen. Laut sein, unbequem sein, sich äußern. So war ihm Jugend am liebsten. Freilich: Als der Synodale Weg allzu laut weitgehende Bitten äußerte, bat der Papst um Mäßigung und appellierte, Gehorsam und Kirchentreue nicht zu vergessen. Im kleinen Kreis ließ Franziskus schon mal anklingen, dass die Forderungen nach einem Diakonat der Frauen und einer Lockerung des Zölibats durchaus berechtigt seien. Doch er scheute davor zurück, solche weitreichenden Veränderungen auf den Weg zu bringen. Sei es vor den Folgen in der vielgestaltigen Weltkirche, sei es im Wissen vor dem gewaltig bremsenden Apparat der Kurie. Mit der Dynamik der Weltsynode und dem allmählichen Umbau der oft schwerfälligen Verwaltung hat er Mittel gewählt, die seinem Nachfolger nun dabei helfen könnten, in großen innerkirchlichen Fragen voranzukommen.
Doch welche Fragen werden sich drängend stellen? Den katholischen Zusammenhalt nicht zu riskieren, das wird eine Maxime auch des Nachfolgers sein müssen. Sich gleichzeitig den unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten stellen – das setzt voraus, dass der kommende Pontifex ein „Hörender“ ist, der die Befindlichkeiten seiner Katholiken kennt. Und dass es einer ist, der die Welt kennt und nicht nur die Kurie. Kardinal Re, mit seinen 91 Jahren einer der erfahrensten im Vatikan, hat in seiner warmherzigen Predigt auch das unkonventionelle Auftreten des verstorbenen Papstes gewürdigt, dessen soziales Empfinden. Möglicherweise tat er dies auch mit dem feinsinnigen Wunsch, „unkonventionell und mutig“ müsse auch der neue Papst sein. Eine deutliche Botschaft, die von Franziskus zurückbleibt, ist sein gründliches Misstrauen gegenüber der eigenen Behörde, die ihm oft Anlass bot, den „Klerikalismus“ zu geißeln. Franziskus blieb auf Distanz zur Kurie, mit seiner Wohnortwahl, am Ende auch mit der Wahl seiner Grabstätte. Obdachlose, Arme und transgender Personen waren an der Seite des Sarges, als der Papst seine letzte Ruhestätte fand. Auch sie sind Teil der vielen, die zur Kirche gehören. Oder, um mit Franziskus zu schließen: alle, alle, alle.