Fußball ist unser Leben(?)

11.06.2024 |

Im Blick auf die großen Turniere, wie die bevorstehende Europameisterschaft, wird immer wieder auch die religiöse Dimension des Fußballs thematisiert. Tatsächlich gibt es Parallelen. Sie sollten allerdings nicht überbewertet werden.

Der Ball ist rund und muss ins Eckige. So einfach ist Fußball. Die EM kann beginnen.
 
Es war am 8. Juli 1974, montags. Ein Tag nach dem die deutsche Nationalmannschaft in München das Finale der Fußballweltmeisterschaft gegen die Niederlande gewonnen hatte. „Wir“ waren Weltmeister. Unfassbar. Ich war damals zwölf und freute mich so sehr über diesen Sieg, dass ich das auf eigene Weise zum Ausdruck bringen wollte. Ich lief zum örtlichen Fernseh- und Radiohändler, der auch Schallplatten verkaufte und schon seit Wochen ein Album der besonderen Art im Schaufenster stehen hatte: Die gesamte Nationalmannschaft war darauf zu sehen, alle gekleidet in hellblauen Adidas-Trainingsanzügen. „Fußball ist unser Leben“, so hieß dieses Album.
 
Einstimmig eingesungen von den Mannen um Beckenbauer, Müller, Breitner und Maier. Auch Bundestrainer Helmut Schön sang mit. „Fußball ist unser Leben, der König Fußball regiert die Welt. Wir kämpfen und geben alles, bis dann ein Tor nach dem anderen fällt“, so hieß es im Refrain. Der endete dann mit dem lautstark skandierten Ruf: „Ha! Ho! Heja heja he!“ Aus heutiger Sicht ist dieser Text an Schlichtheit kaum zu überbieten. Und auch musikalisch war das Ganze eine Katastrophe Aber egal. In meiner Euphorie legte ich 15 Mark und 90 Pfennige auf den Tisch und nahm das Album mit nach Hause. 
 
Bricht sich die Sehnsucht nach Sinn im Fußball Bahn?

„Fußball ist unser Leben“ – dass dem nicht so ist, zeigte sich schon in den Tagen darauf, als das Leben wieder vornehmlich aus Schule, Klassenarbeiten und Hausaufgaben bestand. Und dass das Leben an sich auch für den leidenschaftlichsten Fan mitnichten im Fußball aufgehen kann, lag ohnehin schon immer auf der Hand. 

Trotzdem wird vor einem großen Turnier, zumal dann, wenn es vor der eigenen Haustür stattfindet, über die sportlichen Aspekte hinaus immer wieder auch die kulturelle, ja sogar die religiöse Dimension des Fußballs diskutiert. Heute vielleicht sogar mehr als früher. Denn die Kirchen als die Institutionen, die eigentlich für das Religiöse „zuständig“ sind, haben an Bedeutung verloren. Liegt es da nicht auf der Hand, dass sich die Sehnsucht nach Sinn, Zugehörigkeit und Gemeinschaft anderweitig Bahn bricht? Auch und gerade im Fußball? Gibt es nicht verblüffende Parallelen zwischen der Fußballkultur und dem kirchlichen Leben? So fragen Theologen, Philosophen und Sportjournalisten. 
 

Ökumenischer Gottesdienst zur EM

Vor dem Eröffnungsspiel der Fußball-Europameisterschaft der Männer am 14. Juni laden die Kirchen zu einem ökumenischen Gottesdienst in München ein. Er findet um 11 Uhr in der Kirche St. Michael statt und steht unter dem Motto „United“, wie die katholische Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ankündigten. Der Sportbeauftragte des EKD-Rates, Präses Thorsten Latzel, und der Sportbischof der Bischofskonferenz, Bischof Stefan Oster, leiten den Gottesdienst.
 
Auf den ersten Blick ist da etwas dran. So lässt sich der Ablauf eines großen Fußballspiels durchaus mit der Liturgie vergleichen. Das Stadion ist die Kirche. Der Weg dorthin so etwas wie eine Pilgerwanderung. Das traditionelle Vereinslied der Eröffnungsgesang, auf den dann der feierliche Einzug der Akteure folgt  –  in der Kirche mit Orgelklängen, im Stadion meist mit kämpferisch anmutender Musik vom Band. 

Im Laufe des Spiels gibt es zahlreiche Gesänge und Sprechchöre, oft auch im Wechsel. Bis dahin, dass der Stadionsprecher wie ein Pfarrer die Vornamen der Spieler skandiert und die Gemeinde der Fans mit den Nachnamen antwortet. Bei der Nennung eines Torschützen geschieht das sogar dreimal hintereinander. Die Predigt fehlt, aber eine Art Auslegung des Spiels folgt bei der anschließenden Pressekonferenz durch die Trainer. 

Und so wie die Kirche, zumindest in den früheren überschaubaren Strukturen, für die Gläubigen immer auch so etwas wie Heimat bedeutet hat, stehen auch die traditionellen Fußballclubs in hohem Maße für Identität, Zugehörigkeit und Beheimatung. Das Logo des Karlsruher Sportclubs, das auch auf vielen Straßenbahnen in der Stadt angebracht wurde, beinhaltet nicht nur die drei Buchstaben KSC, sondern auch den Zusatz „Meine Heimat“. Und wie bei aktiven Christen beschränkt sich das Engagement der Fans für diese Fußballheimat keineswegs auf die Feier, sprich: das Spiel am Samstag oder Sonntag, sondern es umfasst auch Treffen unter der Woche einschließlich der gemeinsamen Arbeit an Transparenten und mitunter sicher auch der einen oder anderen „Chorprobe“. 
 
Am augenfälligsten ist die Vermischung der Fankultur mit der religiösen Dimension in der Adventszeit. Dann, wenn in voll besetzten Arenen die Anhängerinnen und Anhänger der jeweilen Clubs zu einem Weihnachtssingen zusammenkommen. Auf das Vereinslied oder die aus England stammende legendäre Hymne „You’ll never walk alone“ folgen dann nahtlos „Stille Nacht“ und „O du fröhliche“. Inbrünstig mitgesungen von vielen tausend Fans, jeder und jede mit einer Kerze in der Hand. 
 
Auf diesem Hintergrund ist es dann auch zu erklären, dass es in einzelnen Stadien auch Kapellen gibt. Wie zum Beispiel auf Schalke. Gültig geweihte Kirchenräume, in denen Fan-Paare von „richtigen“ Pfarrern getraut werden und Fan-Eltern ihre Kinder taufen lassen können. Meistens sind diese Kinder schon Vereinsmitglied, bevor sie Glieder der Kirche werden. 
 
Mit vorschnellen Urteilen über solche Vorgänge und über die kirchliche Präsenz in den Stadien, in denen mitunter auch eigene Fan-Seelsorger agieren, sollte man allerdings zurückhaltend sein. Allein die Tatsache, dass solche kirchlichen Feiern in Stadionkapellen überhaupt nachgefragt werden, ist möglicherweise auch ein Zeichen dafür, dass nicht wenige Fans ein gewisses Gespür dafür haben, dass ihr Kind oder ihre Ehe über das Stadiondach hinaus auch auf den Himmel angewiesen ist. Dass die Fußball-Heimat bei aller Liebe zum Verein eben doch nur eine vorläufige Heimat ist. 
 
Die Fußball-Heimat kann immer nur eine vorläufige Heimat sein

Das gilt erst recht im Blick auf den Tod. Denn selbst die letzte Ruhestätte auf einem vereinseigenen Grabfeld, wie es zum Beispiel in Hamburg für Fans des HSV existiert, ist eben doch ein Grab. Egal ob es sich um die Ruhestätte „Einzelspieler“ (Einzelgrab), „Doppelpass“ (Doppelgrab) oder „Team“ (Urnengemeinschaftsgrab) handelt.  Kein Fußballgott kann daraus erretten. Nur der eine, wahre Gott. 

Insofern war sicher schon den Fußballfans von 1974 klar, dass der LP-Titel „Fußball ist unser Leben“ nicht den Kern des Daseins und den Sinn der Existenz trifft. Trotzdem passte er damals für einige Tage und Wochen zur Stimmung im Land. Genauso wie 1990, als Deutschland im Jahr nach dem Mauerfall zum dritten Mal Weltmeister wurde, 2006, als sich die Heim-WM zum „Sommermärchen“ entwickelte und natürlich 2014, als mit dem Titelgewinn in Rio de Janeiro der vierte Stern dazukam. Gut möglich, dass sich bei einer erfolgreichen Europameisterschaft wieder eine ähnliche Euphorie einstellt. Vielleicht sogar ein vorübergehendes Gefühl der Zusammengehörigkeit in einem gespaltenen Land: „Wir sind Europameister.“  

Die besagte LP steht übrigens immer noch im Regal. Und den Plattenspieler gibt es auch noch. Als die Kinder klein waren, fanden sie das Lied extrem lustig und wollten es immer wieder auflegen. Sie sind wild rumgehüpft und haben laut geschrien: „Ha! Ho! Heja heja he!“
 
Michael Winter