Grenzübergang Rafah unter israelischer Kontrolle

07.05.2024 |

Israel ist in der Nacht weiter in die Stadt Rafah im Süden des Gazastreifens vorgedrungen. Dort halten sich mehr als eine Million Vertriebene auf. International wächst die Sorge vor einer israelischen Offensive.

Einschussloch in einer Fensterscheibe im Kibbuz in Nir Oz (Israel) im November 2023. 
 
Die israelische Armee hat in der Nacht Ziele in der Stadt Rafah im Süden des Gazastreifens angegriffen. Nach eigenen Angaben von Dienstagmorgen übernahm sie dabei „die operative Kontrolle über die Gaza-Seite“ des Grenzübergangs Rafah nach Ägypten.
Zuvor hatte das Kriegskabinett einstimmig beschlossen, seine Operation in Rafah fortzusetzen.
 
Damit soll laut einer Mitteilung aus dem Büro des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu von Montagnacht militärischer Druck auf die Hamas ausgeübt werden, „um die Freilassung unserer Geiseln voranzutreiben und die anderen Ziele des Krieges zu erreichen“. Israel kündigte ferner an, eine hochrangige Delegation zu den Verhandlungen um ein Geiselabkommen nach Ägypten zu senden, „obwohl der Vorschlag der Hamas weit davon entfernt ist, Israels Kernforderungen zu erfüllen“.
 
Israelischen Medienberichten von Montagabend zufolge hat die Hamas einem ägyptisch-katarischen Vorschlag für eine Waffenruhe zugestimmt. Hamas-Führer Ismael Hanija habe die beiden Vermittlerstaaten darüber informiert. Was der Vorschlag im Einzelnen beinhaltet, wurde zunächst nicht bekannt.
 
Nach palästinensischen Berichten kam die Lieferung von Hilfsgütern am Grenzübergang Rafah zum Erliegen. In Jerusalem kam es unterdessen laut Mitteilung der israelischen Polizei (Dienstag) zu Protesten rechter Aktivisten, die versuchten, Hilfslieferungen in den Gazastreifen zu blockieren und LKWs zu beschädigen. Sechs Tatverdächtige wurden festgenommen.
 
Der jordanische König Abdullah II. warnte laut der staatlichen jordanischen Nachrichtenagentur Petra in der Nacht bei einem Treffen mit US-Präsident Joe Biden in Washington, die israelischen Angriffe auf Rafah könnten „zu einem neuen Massaker“ führen. Auch der jordanische Außenminister Ayman Safadi kritisierte Israel. Netanjahu gefährde mit seiner „Bombardierung von Rafah“ die Verhandlungen über die Freilassung der Geiseln und einen Waffenstillstand, schrieb er am Montagabend auf der Plattform „X“.
 
Die israelische Armee hatte nach eigenen Angaben am Montagmorgen Menschen in Teilen Rafahs zur Evakuierung in eine ausgewiesene humanitäre Zone im Gebiet Al-Mawasi südwestlich von Khan Junis aufgefordert. Damit hatte das Land international scharfe Kritik ausgelöst. EU-Außenbeauftragter Josep Borrell warnte auf „X“, Israels Evakuierungsbefehl für die Zivilbevölkerung in Rafah lasse „das Schlimmste befürchten: mehr Krieg und Hungersnot“. EU und internationale Gemeinschaft müssten „ein solches Szenario“ verhindern. Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) hatte eine Bodenoffensive in Rafah bereits früher als „eine humanitäre Katastrophe mit Ansage“ bezeichnet.
 
In Rafah halten sich derzeit mehr als eine Million binnenvertriebene palästinensische Zivilisten auf, die den nördlichen Teil des Gazastreifens auf Aufforderung der israelischen Armee verlassen haben, sowie vor den Kampfhandlungen geflohen sind.
 
Andrea Krogmann