Selenskyj lehnt Friedens-Vermittlung des Papstes ab
14.05.2023 |
Der Papst und der ukrainische Präsident Selenskyj haben offenbar unterschiedliche Ideen vom Weg zum Frieden in der Ukraine. Der eine will zwischen den Kriegsparteien vermitteln, der andere setzt auf den Sieg über Russland.
Übereinstimmung zwischen beiden Seiten gab es offenbar bei der Frage einer humanitären Vermittlung des Heiligen Stuhls bezüglich der nach Russland deportierten ukrainischen Kinder.
Nach dem Rom-Besuch des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj am Samstag überwiegen mit Blick auf eine mögliche Vermittlung im russisch-ukrainischen Krieg die Differenzen zwischen Kiew und dem Vatikan. Übereinstimmung besteht lediglich mit Blick auf humanitäre Bemühungen, etwa beim Gefangenenaustausch oder bei der Rückführung von entführten ukrainischen Kindern aus Russland.
Der Vatikan teilte nach dem 40 Minuten langen Gespräch Selenskyjs mit Papst Franziskus mit, darin sei es um die durch den Krieg bedingte "humanitäre und politische Situation der Ukraine" gegangen. Beide Seiten sähen übereinstimmend die Notwendigkeit humanitärer Bemühungen. Der Papst habe von der Notwendigkeit "humanitärer Gesten" gegenüber den unschuldigen Opfern des Konflikts gesprochen.
Deutliche Differenzen zwischen Kiew und dem Vatikan
Über die anschließende Unterredung des Präsidenten mit dem vatikanischen Außenminister Paul Gallagher teilte der Heilige Stuhl mit: "Während der herzlichen Gespräche wurde vor allem über den gegenwärtigen Krieg gesprochen und über die damit verbundenen Dringlichkeiten, insbesondere jene humanitärer Natur, und über die Notwendigkeit, die Bemühungen um den Frieden fortzusetzen."
Selenskyj machte anschließend in mehreren Äußerungen deutlich, dass aus seiner Sicht eine Vermittlerrolle des Vatikans, wie sie der Papst wiederholt ins Gespräch gebracht hat, nicht sinnvoll ist. Am Samstagabend sagte er im italienischen Fernsehen: „Es war für mich eine Ehre, Seine Heiligkeit zu treffen, aber er kennt meine Position.
Der Krieg ist in der Ukraine und der Friedensplan muss ukrainisch sein. Wir sind sehr interessiert daran, den Vatikan für unsere Friedensformel zu gewinnen.“
Weiter sagte Selenskyj: «Bei allem Respekt für Seine Heiligkeit, wir brauchen keine Vermittler. Wir brauchen einen gerechten Frieden. Wir laden den Papst ebenso wie alle anderen Führer ein, für einen gerechten Frieden einzutreten, aber vorher müssen wir alles Übrige erledigen.“ Mit Blick auf einen möglichen Verhandlungsfrieden sagte Selenskyj: «Mit Putin kann man nicht verhandeln, kein Staat der Welt kann das machen.“
In einer Videobotschaft an die Ukrainer betonte Selenskyj später:
«Ich glaube, dass der Wille und die Aufrichtigkeit Seiner Heiligkeit die Umsetzung unserer Friedensformel näher bringen kann, einen gerechten und ehrlichen Frieden näher bringen kann.“ Auf Twitter kritisierte der ukrainische Präsident die bisherige Neutralität des Vatikans gegenüber den Kriegsparteien. Bei der Begegnung habe er Franziskus gebeten, «die russischen Verbrechen in der Ukraine zu verurteilen“. Selenskyj weiter: «Denn man kann Opfer und Aggressor nicht gleichsetzen“.
Der Papst vermied bisher stets, den russischen Präsidenten Wladimir Putin als Schuldigen an dem Krieg zu benennen und erwähnte in Ansprachen neben den ukrainischen Opfern wiederholt auch die am Krieg leidenden Menschen in Russland.