Außerhalb vom Paradies: Die Zeit seines Lebens zerrinnt dem Menschen wie Sand durch seine Finger ...
Eine von der Bibel inspirierte Legende erzählt, dass die Zeit, diese unaufhaltsame Uhr allen Lebens, das größte Geschenk des Schöpfers in unsere Tag- und Nachtwelt gebracht hat: Als der Mensch aus dem Paradies seines Ursprungs vertrieben wurde (vielleicht war er auch daraus geflüchtet, weil der glückliche Zustand jede Entwicklung verhinderte), da war die Zeit noch nicht geschaffen. Der Mensch und die ganze Schöpfung waren im Paradies vom Schöpfer mit Ewigkeit ausgestattet, weil der Ewige und sein Geschöpf, der Mensch, den Tod, ein Ende, nicht kannten. Jetzt aber, außerhalb des Paradieses, da, wo dem Menschen Dornen und Disteln wuchsen, wo er im Schweiße seines Angesichtes sein Brot essen musste, wurde die Ewigkeit zur Hölle. Wurden Mensch, Tier oder Pflanzen krank, blieben sie es eine ganze Ewigkeit. Verlor der Mensch seine Beherrschung, verlor er sie eine ganze Ewigkeit.
Gerieten Menschen in Streit, waren sie damit bestraft eine ganze Ewigkeit zu streiten. Das Leben wurde immer chaotischer. Diesem Chaos aber haftete Ewigkeit an. Sogar der Schöpfer, der sich entschlossen hatte, dem Menschen und seiner ganzen Schöpfung auch außerhalb des Paradieses nahe zu sein, erlebte jetzt selbst die Konsequenzen, die das Exil so hart machten. Als er aber ahnte, wohin das alles führte, und als er die vielen Klagen der Menschen hörte, die immer lauter wurden und zum Geschrei in seinen Ohren anschwollen, da rührte ihn sein Erbarmen.
Gottes Weisheit legte die Zeit wie ein Netz über die Schöpfung
Und nachdem er sich den Rat der Engel, die die Menschen in dieser Welt begleiteten, eingeholt hatte, entschloss er sich, nachträglich der Welt die Zeit einzuschaffen, damit in ihr nichts mehr zeitlos ewig sein konnte. Er schuf Anfang und Ende, er schuf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das heißt, er schuf eigentlich nur Vergangenheit und Zukunft. Die Gegenwart war nicht mehr als der Hauch des Mundes, wenn die Vergangenheit in die Zukunft überführt wurde.
Wie ein Netz legte die göttliche Weisheit die Zeit über die ganze Schöpfung. Und nichts Geschaffenes lebte mehr außerhalb der Zeit. Alles und alle hatten einen Anfang und hatten ein Ende. Wurden Menschen von Krankheit befallen, wussten sie, dass die Krankheit auch ein Ende hatte. Damit wusste der Mensch aber auch, dass seine Glücksgefühle nicht mehr von ewiger Dauer sein konnten, sondern immer neu in der Zukunft errungen werden mussten. Das war der Preis für das Geschenk der Zeit, die alles und alle von der Ewigkeit erlöste und allem eine zeitliche Grenze setzte – vor allem Kriegen, Ungerechtigkeiten und Krankheiten.
So ist das Geschenk der Zeit die größte Gnade des Schöpfers geworden, die er seiner Schöpfung außerhalb des Paradieses noch dazugeschaffen hat – vor allem aber seinem Liebling, dem Menschen, der über all das nachdenken kann. Erst wenn der Schöpfer mit dem Menschen die Zeit in dieser Welt vollendet hat, betreten beide mit einer erneuerten Schöpfung wieder die Ewigkeit, in der die Zeit für immer draußen bleiben muss. Denn Krieg, Krankheit, Ungerechtigkeit und Tod haben in der neuen Welt Gottes keinen Platz mehr. Von Gott und der erneuerten Schöpfung abgeschnitten, sind sie vergangen. Aber auch die Zeit gibt es nicht mehr. Die erneuerte Welt Gottes ist zeitlos vollendet.
Wilhelm Bruners
Die Erzählung stammt aus: Wilhelm Bruners, „Bei Zeiten. Gedichte und Kurzgeschichten“, Tyrolia Verlagsanstalt, Innsbruck 2023.