... damit die Geschichte weitergeht, anders weitergeht. Einer wollte den Prozess beschleunigen, wenn auch nicht den der Hinrichtung seines Hoffnungsträgers. Jesus und Judas gehören zusammen, der Verräter liegt im Werkzeugkasten des Heils – meint Brigitte Böttner.

Die Steine feinden
Fenster grinst Verrat
Äste würgen
Berge Sträucher blättern raschlig
Gellen
Tod
Fenster grinst Verrat
Äste würgen
Berge Sträucher blättern raschlig
Gellen
Tod
Patrouille (1915) von August Stramm
Der Dichter August Stramm (1874-1915) beginnt mit den Steinen. Das passt: mit Steinen wird seit frühester Zeit gefeindet. Die findige Konstruktion der Schleuder katapultiert das Urgestein menschlicher Gewalttätigkeit. Als vermutlich einzige Spezies unseres Planeten betreibt der Mensch seine eigene Massenausrottung, führt Krieg gegen sein eigen Fleisch und Blut. Wie es dazu kommen konnte, gehört wohl zu den größten Rätseln der Evolution. Theologisch wird man einen Zusammenhang mit dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies vermuten.
Eine Legende um Leonardo da Vincis Abendmahl, aus der immer wieder zitiert wird, findet sich in der Künstlerbiografie von Giorgio Vasari: Als der Maler Ende des 15. Jahrhunderts sein berühmtes Abendmahl an die Wand der Mailänder Kirche Santa Maria delle Grazie malt, sucht er sich dreizehn Gesichter, die Jesus mit seinen zwölf Gefährten darstellen könnten. Inspiration findet er in der Mailänder Bürgerschaft, den Männern auf den Straßen der Stadt. So entstehen die Porträts von Petrus über Andreas, Jakobus und Johannes und so weiter. Bis schließlich nur noch zwei Gesichter fehlen: Jesus und Judas. Die Charakterköpfe bleiben zunächst gesichtslos: der Heiland und der Verräter, die Protagonisten der Passion.
Zurück bleibt Judas als Fehlstelle im Abendmahlsfresko ...
Für das Antlitz Jesu findet da Vinci noch ein Modell; einen jungen Mann, den er als todgeweihten Christus in Szene setzt. Zurück bleibt Judas, als Fehlstelle im Abendmahlsfresko, über Jahre hinweg. Vasari zitiert den Maler: „Ihm scheine es unmöglich, passende Gesichtszüge für jenen zu erfinden, dessen trotziger Geist nach so vielfach empfangenen Wohltaten des Entschlusses fähig gewesen wäre, seinen Meister, den Erretter der Welt, zu verraten; nach diesem letzteren indes wolle er suchen ...“
Was unterscheidet einen Verräter optisch von den anderen Männern seiner Zeit? Was verraten seine Gesichtszüge? Kaltblütige Verschlagenheit oder enttäuschte Liebe? Die Kunst- und Filmgeschichte hat unzählige Judas-Varianten hervorgebracht; einige davon kann man heute nicht mehr unkommentiert stehen oder hängen lassen im öffentlichen Raum.
Eines Tages stößt da Vinci auf seinen Judas: Es ist ein Mailänder mittleren Alters mit zerquälten Zügen und Augen, die nichts mehr erwarten. Auch dieser Mann sitzt dem Künstler bereitwillig Modell. Und der malt ihn hinein in den Kreis der aufgeschreckten Elf, denen der Meister mitten ins Essen hinein die ungeheuerliche Botschaft eröffnet: „Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich ausliefern“ (Matthäus 26, 21f.).
Da Vinci malt einen Judas mit abgewandtem Gesicht. „Der die Hand mit mir in die Schüssel eintunkt, wird mich ausliefern“, sagt Jesus noch. Und dann: „Weh dem Menschen, durch den der Menschensohn ausgeliefert wird! Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.“ Nach dieser Ansage (soll man es Fluch nennen?) fragt Judas: „Bin ich es etwa, Rabbi?“ Als könne er sich gar nicht mehr vorstellen, seinen Plan auszuführen. Aber Jesus weiß es besser, er bestätigt die Frage: „Du sagst es.“
Vasaris Legende zum Abendmahlsfresko mündet in einem Clou: Als sein Porträt fertig ist, sagt „Judas“ zum Künstler: „Du hast mich nicht zum ersten Mal gemalt, ich habe dir vor langer Zeit schon einmal Modell gesessen.“ Und er zeigt auf die lichte Gestalt Jesu in der Tischgruppe ...
Womit klar ist, dass hier keine Werkgeschichte erzählt wird. Hier geht es nicht um Charaktere, nach denen ein Künstler sucht, um sein inneres Bild auszudrücken – zumindest nicht nur darum. Der Prozess wühlt in tieferen Schichten. Bei den Grabungsarbeiten da Vincis kommen zwei Personen zum Vorschein, die keine Zwillinge sein müssen, um Anteil zu haben an ein und derselben Herausforderung: wahrhaftig Mensch zu werden, Bild vom göttlichen Bilde. Judas wie Jesus haben eine innere Landschaft, in der Kämpfe ausgetragen werden und Kompromisse geschlossen. Wo Gut und Böse eng beieinander liegen, vielleicht zwei Seiten eines Spiegels sind. Es geht um die Ambivalenz der Seele, um Psychodynamik. Ein Leben lang, ein Ringen mit Abwehr und um Erkenntnis. Der eine fehlt und verfehlt sich – und wird schuldig. Der andere widersteht und wird gefunden – um den Preis seines Lebens.
Die Bildsprache des vielleicht berühmtesten Verrats der Weltgeschichte erzählt vom Erleuchteten und von seinem finsteren Bruder. Vom Andächtigen und vom Abgekehrten. Leonardos berühmtes Gemälde erzählt von zwei Antipoden, Gegnern mit entgegengesetzten Anschauungen und unvereinbaren Auffassungen. Von zwei Gegenspielern. Das Abendmahl als Bild vom Menschen.
Ohne den Verrat hätte es das Christentum nie gegeben
Man könnte sich fragen, was Judas hier bewusst tut; und was eher unbewusst. Sein Verrat als Aktion des Eiferers, um Jesus zu einer Entscheidung zu zwingen, dürfte eine bewusste Handlung sein. Die Jünger könnte man (zumindest tun das manche) als Geschwistergruppe sehen. Dann wäre die nächste Frage: Ist Jesus auch eines der Geschwister oder eher die Elternfigur? Geht es um Konkurrenz? Um Geschwisterliebe? Intime Männerfreundschaft? In psychoanalytischer Perspektive stecken im Verrat am Gründonnerstag eine Vielzahl von Strebungen und das Bemühen um ihre Unterdrückung. Wie die Betreffenden damit umgehen, erzählt der Evangelientext – und das Bild von Leonardo da Vinci.
Was wäre aus Jesus geworden ohne den Skeptiker, den Eiferer, den Ungeduldigen, den Aussteiger Judas? Wohl kein Auferstandener. Vielleicht bloß ein verrenteter Zimmermann, wie Walter Jens einmal formulierte, „nicht gekreuzigt, sondern am Kreuze schnitzend: ein unter seinesgleichen geachteter Mann, dem die Sprüche längst verziehen waren, die er gemacht hatte, als er jung gewesen war“.
Ohne Judas hätte es das Christentum nie gegeben. Erst durch den Verrat wird Jesus zum auferstandenen Messias, werden die Jünger zu Aposteln. Der Verrat liegt im Werkzeugkasten des Heils. Jesus und Judas gehören zusammen, einer ist des anderen Schicksal, sie sind Brüder, wie Kain und Abel. Verwandt in Fleisch und Blut. Bis in den Tod. Der eine wird aufgehängt am Stamm des Kreuzes, der andere hängt am Baum. Und die Äste würgen.
Steh auf, Abel, heißt es in einem Gedicht von Hilde Domin, damit die Geschichte vom ersten Brudermord anders ausgeht, weiter erzählt wird. Jesus steht auf.
Die Geschichte geht weiter, anders.
Brigitte Böttner