Vertrocknete Zweige blühen auf

01.12.2023 |

Ach, wenn doch 
unser Vertrauen 
ein wenig größer wäre
und unsere Furcht
nur ein kleines bisschen
geringer …
 
An einem Adventsmittag gehe ich mit der Enkelin Lilly zum neu gestalteten Spielplatz in der Nähe: Ein großes Piratenschiff, viele Klettermöglichkeiten, ein Hexenhäuschen. Aber der kleine „Urwald“ hinter dem Spielplatz interessiert Lilly viel mehr. Dort entdeckt sie ein Zelt aus Ästen. Als Waldkindergarten-Kind ist sie in ihrem Element. Am Boden will sie eine „Feuerstelle“ vorbereiten. Dazu braucht sie einen Ring aus Steinen – aber es sind zu wenige Steine da. Also gehen wir los, um im „Urwald“ nach weiteren Steinen zu suchen. Hier entdeckt sie einen schmalen Pfad, der zwischen einem Bach und einem Zaun durchs Gebüsch führt. „Jeder Weg ist ein Abenteuer, sagt Pit“ (ihre Erzieherin), erklärt sie mir, und schon stürmt sie voran. Bald kommt ein Dornengestrüpp. Ich will umkehren. Aber Lilly will weiter: „Den Weg bis zum Ende gehen, sagt Pit.“ 
Sie zeigt mir, wie man durch Dornengestrüpp geht: Seitwärts, ganz kleine Schritte, mit den Händen vorsichtig die Dornen auf die Seite schieben. „Wie bei Dornröschen“, sagt Lilly, „da hat es ein Prinz geschafft zum Schloss vorzudringen.“ Er musste sich nicht abkämpfen wie viele vor ihm, die dann doch im Gestrüpp hängen geblieben sind. Er war eben zum rechten Zeitpunkt da und die Dornen begannen zu blühen und machten den Weg frei. 
 
Es ist gut, voller Vertrauen auch Ungewisses zu wagen
 
Was Pit den Kindern mit auf den Weg gegeben hat, gilt nicht nur für Waldwege. Auch für Lebenswege. Das Leben ist ein Abenteuer, mit Überraschungen ist zu rechnen. Gut, sich von einer scheinbar undurchdringlichen Dornenhecke nicht abschrecken zu lassen. Gut, voller Vertrauen auch Ungewisses zu wagen, allen Risiken zum Trotz. Und gut, den eigenen Weg Schritt für Schritt bis zum Ende zu gehen, auch wenn es Widerstände gibt. 

So wie bei scheinbar vertrockneten Zweigen, die auf einmal wieder aufblühen und auf denen gar wieder Vögel singen, so geht es manchmal auch auf unseren Lebenswegen.
Eine Melodie geht mir bei der Expedition mit Lilly nicht aus dem Kopf: „Maria durch ein Dornwald ging“, mein Lieblings-Adventslied. Ich summe sie beim Gehen vor mich hin und stelle mir vor, wie Maria damals verwirrt und ratlos war. Schon verrückt, wie ihre Schwangerschaft losging. Wie soll sie das schaffen als unverheiratetes Mädchen? Was werden die Leute sagen? Ob sie wohl ahnt, was nach der Geburt mit diesem Kind noch alles auf sie zukommen wird? Gut, eine Zeit lang aus der eigenen Umgebung zu verschwinden. 
In der Bibel wird erwähnt, dass Maria vor der Geburt ihres Kindes ihre ältere Verwandte, Elisabeth, die im Bergland wohnt, besucht (Lukas 1, 39). Elisabeth ist schon alt, sie galt als unfruchtbar, dennoch ist sie bereits im sechsten Monat. Auch ihre Schwangerschaft hatte einen höchst eigenartigen Beginn. Vielleicht können die ältere und die jüngere Frau einander verstehen, trösten und ermutigen? 
 
Das Lied „Maria durch ein Dornwald ging“ besingt eine Legende von diesem Weg in die Berge. Ein dichter Dornenwald ist im Weg. Er hat schon seit sieben Jahren kein Laub getragen, nur undurchdringliche, abweisende, verletzende Stacheln. Ein ausgetrocknetes, riesiges Gestrüpp. Ein Durchkommen scheint unmöglich. Maria resigniert nicht, sie geht weiter. Auch hier geschieht das Wunder: „Als das Kindlein durch den Wald getragen, da haben die Dornen Rosen getragen.“  An den scheinbar abgestorbenen Zweigen blühen Rosen auf. In scheinbar auswegloser Lage öffnet sich ein Weg. Ein kleines, noch nicht mal geborenes, Kind genügte als Auslöser. Das Leben blüht wieder auf und es tauchen neue Möglichkeiten auf. So wie auf manchem Lebensweg, wo uns der Mut zum Weitergehen zu verlassen droht. 

Was verbindet die kleine Lilly auf ihrem Urwaldpfad mit dem Held von Dornröschen und mit Maria auf ihrem Weg durch den Dornenwald? Vielleicht die Ermutigung, oder auch Zu-Mutung, die ein Engel Maria am Beginn ihrer Schwangerschaft zugesprochen hat: „Fürchte dich nicht!“ Oder frei nach Lillys Erzieherin Pit: „Jeder Weg ist ein Abenteuer mit überraschenden Wendungen. Hab’ Mut und gehe deinen Weg bis zum Ende!“
 
Von Bernhard Kraus