Begabt im Geiste

21.03.2025 |

„Glauben ist nicht Wissen“, so heißt es gerne. Aber womöglich gibt es eine andere Art des Wissens ...

„Glaub mir, ich liebe dich!“ – „Das ist ja unglaublich!“– „Glaub ja nicht, dass ich dir helfe!“ – „Ich glaub es einfach nicht!“ – „Wir werden es schon schaffen, glaub mir!“ – Diese und ähnliche Aussagen sind wie bunte Kieselsteine am Strand menschlicher Kommunikation, vom Leben selbst geschliffen.
 
Glaube kann so viel bewirken, wenn wir ihn zulassen
 
„Ich glaube nur an das, was ich auch sehen kann.“ Ein häufig zitierter Satz, bei dem der Dichter Matthias Claudius lächeln würde, wenn er meint: „So sind so manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsere Augen sie nicht sehen.“ Selbst hartgesottene Naturwissenschaftler würden ihm hier beipflichten, weil sie ohne Zweifel herausgefunden haben, dass all das, was wir „sehen“ können, nur ein winziger Bruchteil von dem ist, was wirklich sichtbar sein kann. Ich muss hier an ein Wort Jesu denken: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“, heißt es im Johannesevangelium (20, 29).
 
„Glauben heißt, die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang aushalten.“ (Karl Rahner)
 
Wenn ich etwas für „wahr“, richtig, real oder zumindest für wahrscheinlich halte, ohne es methodisch nachweisen oder beweisen zu können, dann spreche ich von „glauben“. Glauben ist nicht Wissen, beides muss sich aber nicht ausschließen, Glauben ist gewissermaßen ein „anderes“ Wissen, eine innere Gewissheit. „Ich glaube, damit ich erkennen kann“, so eine Kurzformulierung des Theologen und Philosophen Anselm von Canterbury, mit dem er den Glauben rational begründen möchte, ohne dabei diese Begründung zur Bedingung für den Glauben zu machen. Glaube kann so unendlich viel in unserem Leben bewirken, wenn wir ihn zulassen. Er lässt uns wachsen und ermöglicht uns, Dinge zu tun, von denen wir nie gedacht hätten, dass wir dazu überhaupt in der Lage wären. Er lässt uns erahnen, dass „mit Gott alles möglich ist“ (Matthäus 19, 26).
 
Wenn unser Glaube etwas so Kostbares ist, dass wir ihn an unsere Kinder weitergeben möchten, dann ist es so wie mit allem Kostbaren in unserem Leben, es kann immer durch ein „Zuviel“ oder ein „Zuwenig“ zerstört werden. Deshalb hat der Glaube auch einen verlässlichen „Bruder“: den „Zweifel“. Nur in einer gewissenhaften Balance zueinander gewährleisten beide menschenwürdiges Leben. Während der Glaube Geborgenheit verschafft, müht sich der Zweifel darum, dass uns Vertrauen und Sicherheit nicht entzogen und wir nicht enttäuscht oder hintergangen werden können. Man soll nämlich nicht alles glauben, was man glauben „soll“. Denn was manche Menschen glauben, ist manchmal „unglaublich“ schädlich und irreführend.
 
Wer nicht glaubt ... der wird dran glauben!
 
Christlicher Glaube bedeutet für mich, auf der Basis dessen zu denken und zu handeln, was ich von Gott weiß, das heißt: zu vertrauen, dass er mich liebt, nicht im Stich lässt, dass ich weiß, woher ich komme, wo es jetzt lang geht und was mich einmal erwartet. Zu meinem, unserem Gott kann ich nur in Kontakt treten in meinem Glauben, ich kann ihn nicht „beweisen“, denn wenn es Gott gibt, dann ist er der Schöpfer aller Dinge, kann also selbst kein Ding sein, „über“ das wir „objektiv“ reden könnten. Er ist auch kein „Faktor“ in irgendeiner langen und komplizierten Formel. Gott ist auch kein „Begriff“, denn alle unsere Begriffe stammen ja aus dem „Weltlichen“, und wir können sie nicht einfach so auf Gott übertragen.
 
Aussagen über Gott sind eher so etwas wie „Metaphern“, bildliche Übersetzungen, Übertragungen, um einen schwer vorstellbaren oder unbekannten Sachverhalt durch den Vergleich mit etwas Bekanntem zuzuordnen. Wenn wir also über Gott sprechen, dann nur in einer Sprache, die versuchen muss, das Nicht-Sagbare ins Sagbare, das Nicht-Aussprechbare ins Aussprechbare, das schwer Vermittelbare ins Vermittelbare, das Unsichtbare in das Sichtbare und das Unbegreifliche ins Begriffliche zu „übersetzen“.
 
Ich glaube, dass der Mensch von Gott aus geistbegabter Materie und aus materiegebundenem Geist erschaffen wurde. Ich glaube an Jesus Christus, der mir die Welt Gottes so nahegebracht, der so überzeugend von ihm gesprochen, mein Bild von ihm so radikal geprägt und dabei solch eine Liebe zu den Menschen gezeigt hat wie er. Dabei hat er seine Lebensaufgabe so konsequent erfüllt, dass keine Gewalt, keine Versuchung und selbst nicht ein gewaltsamer Tod ihn davon hätte abbringen können. Er ist für mich überzeugend „wahrer Gott und wahrer Mensch“, weil er die Kraft und die Vollmacht hat, mich von meinen Verfehlungen und meiner Todesangst zu befreien.

Ich glaube an den Geist Gottes, der uns in der Gemeinschaft aller Glaubenden führt, stärkt und bewahren wird. Diese Glaubenssätze sollen meine Hoffnung aufrechterhalten und die Liebe in meinem Handeln wachsen lassen.
 
Wer voll Hochmut und Überheblichkeit den Glauben eines anderen gering schätzt, sich über ihn lustig macht oder sogar bekämpft, dem gibt der Journalist Walter Ludin zu bedenken: „Wer nicht glaubt, der wird dran glauben!“ Nagarjuna, ein buddhistischer Philosoph des zweiten Jahrhunderts, hält allen Religionen, die selbst unter ihresgleichen wenig Toleranz zeigen und immer meinen, dass der Glaube und die Sichtweise der anderen Seite falsch sei, mit Entschiedenheit entgegen: „Es gibt nur eine falsche Sicht der Dinge: der Glaube, meine Sicht sei die einzig richtige.“
 
Möge jeder den Glauben finden, der ihn am Leben hält, der ihm Halt gibt und ihn auf stabilem Fundament stehen lässt, der ihm Kraft gibt, sich zu entscheiden, der ihm immer wieder den Rücken stärkt, von neuem aufzubrechen, durchatmen lässt, der ihm Geborgenheit, Zuversicht und Hoffnung schenkt, der ihn „glaubhaft“ erfahren lässt, sich selbst und andere zu lieben. Wenn ihn dabei manche Zweifel einmal zu stark in ihren Bann ziehen wollen, sollte er sich an jenen Vater erinnern, der seinen kranken Sohn zu Jesus brachte. Als dieser ihm sagte: „Wenn du glauben kannst, ist dem, der glaubt, alles möglich!“, soll er unter Tränen geantwortet haben: „Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben!“ und sein Sohn wurde geheilt (Markus 9, 24). „Glauben heißt, die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang aushalten“, so Karl Rahner. Das ist möglich – in der Hoffnung und in der Liebe.
 
Stanislaus Klemm, Diplom-Psychologe und Diplom-Theologe, lebt in Wadgassen.