Wie schnell machen wir ein Geschenk zu etwas, das wir in der Hand halten!
Von Andreas Knapp
Vor ein paar Jahren habe ich mich zu stillen Tagen in die Berge bei Assisi zurückgezogen. Ich durfte Gast sein in einer „Einsiedelei“ meiner Gemeinschaft. Diese Eremitage, eine ehemalige Schäferhütte, lag ganz einsam auf einem Hügel. Alles war einfach und liebevoll eingerichtet: Ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett. Nur wenige Meter entfernt sprudelte eine Quelle mit frischem Wasser. An der Außenwand des Häuschens lud eine Bank zum Verweilen ein. Jeden Abend setzte ich mich dort hin und schaute auf die Lichter ferner Bergdörfer oder zum Sternenhimmel. Außer dem Zirpen der Grillen war kein Geräusch zu hören. Es lag ein großer Friede über diesem Ort.
Ein Mitbruder, Yves, hatte mir einen Hinweis mitgegeben: „Genieße alles wie ein großes Geschenk. Der Sinn der Einsiedelei ist: vivre la gratuité.“ Wir kennen im Deutschen kein entsprechendes Wort. Am ehesten könnte man übersetzen: Lebe, dass alles ein Geschenk ist, gratis, Gnade (gratia). Yves empfahl: „Entdecke, wie bezaubernd eine Blume blüht oder ein Baum sich dem Licht entgegenstreckt. Nimm wahr, wie gut der Schluck Wasser aus der Quelle schmeckt. Und weil die Eremitage kein elektrisches Licht hat: Schau, wie schön eine Kerze leuchtet. Für all das musst du nichts machen – es ist dir als Geschenk gegeben!“
Ich hatte wirklich alles, was ich brauchte und konnte die Schönheit der Natur, die Stille des Ortes in vollen Zügen genießen: Ich nahm mir Zeit, um einen Baum zu betrachten, einen Schmetterling, eine Blume, den Mond. Eine ganze Woche lang lebte ich die gratuité und entdeckte, wie reich ich beschenkt bin. Mir tat diese Atmosphäre so gut, dass ich beim Abschied plante, auch im kommenden Jahr ein paar Tage in dieser zauberhaften Einsiedelei zu verbringen.
Alles als Geschenk zu leben
Ein paar Wochen nach meiner Abreise wurde die Gegend von Assisi von einem schweren Erdbeben erschüttert. Als ich Monate später Yves traf, fragte ich: „Was ist denn aus dem Häuschen in den Bergen geworden?“ Yves berichtete mir, dass die Einsiedelei durch das Erdbeben völlig zerstört worden sei und auch nicht wieder aufgebaut werde. Ich war ziemlich enttäuscht, weil ich ja schon geplant hatte, dort wieder eine Woche zu verbringen. Da machte Yves mich auf etwas Wichtiges aufmerksam: „Erinnere dich an das, was ich dir in Italien gesagt hatte! Der Sinn einer Zeit in der Eremitage ist es, alles als Geschenk zu leben. Du aber hast das kleine Häuschen schon in Besitz genommen.“
Das hat mich sehr nachdenklich gemacht. Wir sagen ja oft: Das Leben, die Gesundheit, eine Freundin … ist ein Geschenk. Wie schnell jedoch verwandle ich die Dynamik eines Geschenks, das mir zufließt, in etwas Statisches, das ich fest in der Hand halte. Ich behandle das Geschenk, als gehörte es mir für immer. Ich will das Geschenkte kontrollieren oder sogar einfordern, wenn es nicht mehr gegeben ist. Und so hat sich das Geschenk in einen Besitz verwandelt, auf den ich einen Rechtsanspruch anmelde.
Besonders deutlich wurde mir das im Blick auf meine Beziehungen: Nehme ich eine Freundin, ein Familienmitglied oder einen mir anvertrauten Menschen in „Besitz“? Kontrolliere ich sie und fordere von ihnen Nähe, Hilfe oder Zuneigung ein? Behandle ich einen anderen, als ob er mir gehören würde – und bin beleidigt, wenn er sich anders verhält, als ich es erwarte?
Der Prophet Jeremia findet ein Bild für den Unterschied zwischen Geschenk und Besitz: Die Beziehung zu Gott ist wie eine Quelle, die jeden Augenblick neu aufsprudeln will. Wir dagegen wollen aus Zisternen leben. Doch diese sind rissig und können das Wasser nicht halten (vgl. Jeremia 2, 13).
Liebe dagegen ist eine lebendige Quelle
Zisternen dienen zum Speichern von Wasservorräten, über die man verfügt und die man kontrolliert. Liebe dagegen ist eine lebendige Quelle, die von Augenblick zu Augenblick neu aufsprudelt und mir zufließt. Ich kann nicht nach Gutdünken den Hahn auf- oder abdrehen, sondern nur die Hände unter das fließende Wasser halten – in der Hoffnung, dass sich diese Quelle nicht erschöpft. Übertragen auf menschliche Beziehungen: Ich kann Liebe nicht besitzen und wie einen Vorrat verwalten. Ich kann nur darauf vertrauen, dass mir die Liebe einer anderen Person immer wieder neu zufließt.
In den letzten Zeilen der Heiligen Schrift heiß es: „Komm! Wer durstig ist, der komme. Wer will, empfange umsonst das Wasser des Lebens“ (Offenbarung 22, 17b).
Im Tiefsten leben wir nicht von dem, was wir haben und festhalten können, sondern von dem, was uns geschenkt wird, nämlich von Gottes Liebe. Dieses Geschenk können und brauchen wir nicht festhalten oder absichern. Wir dürfen es vielmehr immer neu empfangen. Romano Guardini hat diese Wahrheit in einem wunderbaren Gebet zusammengefasst: „Immerfort empfange ich mich aus deiner Hand. Das ist meine Wahrheit und meine Freude. Immerfort blickt dein Auge mich an und ich lebe aus deinem Blick, du mein Schöpfer und mein Heil.“
Aus dem Beschenktsein leben
Ich lebe also nicht von dem, was ich habe und festhalte, sondern von jenem, was ich stets neu empfange und lebendig weiterstrahle. Erich Fromm machte darauf aufmerksam, dass ein buntes Fensterglas nicht durch das gekennzeichnet wird, was es festhält, sondern was es durchscheinen lässt. Ein blaues Glas erscheint blau, weil es alle Spektralfarben des einfallenden Lichtes verschluckt. Nur das Blau behält es nicht für sich. Ein Glas ist also deshalb blau, weil es das blaue Licht weiterfließen lässt. Ähnlich ist es auch mit unserer menschlichen Identität: Ich bin nicht, was ich habe und festhalte, sondern was ich empfange und lebendig weiterströmen lasse. Wer ich wirklich bin, liegt nicht in dem begründet, woran ich mich klammere, sondern was ich als Geschenk annehme und dann weiterschenke, teile und ausstrahle.
Die Bibel lädt ein, aus der gratuité, aus dem Beschenktsein zu leben. So heißt es in den letzten Zeilen der Heiligen Schrift: „Komm! Wer durstig ist, der komme. Wer will, empfange umsonst das Wasser des Lebens“ (Offenbarung 22, 17b).
Vielleicht finde ich ja immer wieder Orte, wo ich dieses „gratis“ spüren kann. Wo niemand etwas von mir will. Wo ich einfach da sein darf. Etwa in der Natur oder in einer Kirche. Oder bei Menschen, die mir wohl wollen, ohne etwas von mir zu wollen. Dort können wir bisweilen auch den Blick Gottes erahnen, der uns liebevoll anschaut. Und aus dessen Blick wir immerfort leben dürfen.
Autor Andreas Knapp ist Mitglied der Ordensgemeinschaft der „Kleinen Brüder vom Evangelium“ und lebt in Leipzig.