Zukunft hat der Mensch des Friedens

22.05.2024 |

Der Katholikentag findet dieses Jahr in Erfurt statt. Der gastgebende Bischof Ulrich Neymeyr schreibt für das Konradsblatt über das Leitwort des großen Glaubenstreffens.

Mit diesem Beitrag möchte ich Sie einladen, das Leitwort des Katholikentags zu einer persönlichen Reflexion zu nutzen. „Zukunft hat der Mensch des Friedens.“ So lautet das Leitwort des Katholikentags, der vom 29. Mai bis 2. Juni 2024 in Erfurt stattfindet. „Frieden“, „Mensch“, „Zukunft“, das sind drei Schlagworte, die viele Probleme unserer Zeit und unseres Lebens ansprechen. Mit diesem Beitrag möchte ich Sie einladen, unter den drei Schlagworten „Frieden“, „Mensch“, „Zukunft“ Ihr persönliches Leben zu bedenken:
 
Der Katholikentag soll auch ein Fest für den Frieden sein, wie 2008 in Osnabrück.
 
Beginnen wir mit dem Wort „Frieden“: In den Nachrichten hören wir vom Leid der Menschen in den Kriegs- und Krisengebieten unserer Erde. Da dürfen wir nicht aufhören, den Himmel zu bestürmen, dass die Menschen überall in Frieden und Sicherheit leben können. Zugleich dürfen wir aber auch nicht aufhören, die schwierigen Beziehungen unseres eigenen Lebens vor Gott hinzuhalten. Es können ja auch große Streitigkeiten oder Zerwürfnisse dazu gehören. Wenn wir solche schwierigen Beziehungen vor Gott bedenken, wird er uns einen Spiegel vorhalten, der uns zeigt, welchen Anteil wir daran haben. Vielleicht ergibt sich daraus die Gelegenheit zu einem klärenden Gespräch. Vielleicht ergibt sich daraus die Gelegenheit, um Vergebung zu bitten – oder die Gelegenheit, Vergebung zu gewähren. Manche Beziehungen zu unseren Mitmenschen sind ja auch nur deswegen schwierig, weil sie uns – wie wir sagen – auf die Nerven gehen. In unserem Bischöflichen Ordinariat beten wir vor unseren Sitzungen ein Gebet, in dem es unter anderem heißt: „Hilf uns, unsere eigenen Schwächen und die der anderen anzunehmen.“ Das ist auch ein schönes kurzes Gebet, um das friedliche Miteinander in der Fastenzeit einzuüben.
 
"Jeder Mensch ist ein einmaliges Geschenk Gottes"
 
„Zukunft hat der Mensch des Friedens.“ Das zweite Schlüsselwort ist das Wort „Mensch“. Wenn wir uns über den Menschen Gedanken machen, dann müssen wir immer wieder dankbar betrachten, dass jeder Mensch ein einmaliges Geschöpf Gottes ist. Wer sich selbst als Geschöpf Gottes begreift, für den bekommt der erste Satz aus dem Glaubensbekenntnis eine sehr persönliche Bedeutung „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde“ – der auch mein Schöpfer ist! Dieser Glaube an Gott als den Schöpfer jedes Menschen hat auch Konsequenzen: Wir müssen uns einsetzen für den Schutz des menschlichen Lebens von der Zeugung bis zum Tod. Wenn ein Mensch gezeugt ist, ist er ein Geschöpf Gottes, ein ungeborener Mensch. Er will leben und Gott will, dass er lebt. Das ist nicht nur eine wichtige Botschaft der Kirche in unsere Gesellschaft, das kann auch persönliche Konsequenzen haben: An einem Schwangerschaftsabbruch gibt es viele Beteiligte – in der Familie, im Betrieb, im Dorf. Da kann es sein, dass Großeltern gefordert sind, sich um ein Enkelkind zu kümmern, dessen Geburt nicht geplant war. Da kann es im Betrieb erforderlich sein, dass viele mithelfen, damit eine Mitarbeiterin Mutterschutz und Elternzeit nehmen kann. Jede Schwangerschaft sollte ein Grund zur Freude sein: Gott hat einen neuen Menschen geschaffen!
Der Glaube daran, dass Gott jeden Menschen geschaffen hat und dass er Anfang und Ende des Lebens bestimmt, mahnt uns auch, über unseren eigenen Tod nachzudenken. Wer Gott als den Herrn über Leben und Tod respektiert, für den ist der assistierte Suizid keine Lösung, auch wenn das Bundesverfassungsgericht die Möglichkeit dazu eröffnet hat. Der assistierte Suizid respektiert Gott nicht als Herrn über Leben und Tod. Die Alternative zum assistierten Suizid ist nicht ein qualvolles Sterben, sondern palliativmedizinische Betreuung. Sie setzt allerdings voraus, dass alle das Sterben akzeptieren: der todkranke Mensch und seine Angehörigen. Gerade die Fastenzeit und die Karwoche sind gute Gelegenheiten, über das eigene Sterben und den eigenen Tod nachzudenken. Wir können uns einüben, Gott als den Herrn über Leben und Tod zu respektieren und Jesus Christus zu danken, dass er uns durch seine Auferstehung das Tor des Himmels geöffnet hat. Dazu gehört auch, in der Familie über Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht zu sprechen.
Auch das dritte Wort des Leitworts zum Katholikentag regt zum Nachdenken an: „Zukunft“. Junge Menschen sorgen sich zu Recht um die Zukunft unseres Planeten. Jeder Einzelne kann und muss dazu beitragen, die Erderwärmung aufzuhalten, die die Schöpfung bedroht. Papst Franziskus hat in seinem neuesten Schreiben „Laudate Deum“ vom 4. Oktober 2023 sehr deutlich geschrieben: „Das Einhergehen der globalen Klimaphänomene mit dem beschleunigten Anstieg der Treibhausgasemissionen (…) lässt sich nicht verbergen. Eine überwältigende Mehrheit der Klimawissenschaftler sieht diesen Zusammenhang und nur ein winziger Prozentsatz von ihnen versucht, diese Evidenz zu bestreiten. (…) Ich sehe mich gezwungen, diese Klarstellung (…) aufgrund bestimmter abschätziger und wenig vernünftiger Meinungen vorzunehmen, die ich selbst innerhalb der katholischen Kirche vorfinde.“ (Nr. 13f.) Jeder Mensch kann durch sein Verhalten die Schöpfung schonen: weniger heizen, weniger Auto fahren, weniger Produkte kaufen, die um den halben Globus transportiert wurden, Lebensmittel der Saison essen usw.
Zum Wort „Zukunft“ fällt mir aber noch etwas Weiteres ein: Es scheint irgendwie zum Altwerden zu gehören, dass man die Vergangenheit verklärt und die Zukunft pessimistisch sieht – „Früher war alles besser.“ Da stirbt jede Freude am Leben. Und diejenigen, die die Zukunft gestalten wollen, wenden sich ab. Auch in der Kirche war früher nicht alles besser. Wir erleben jetzt, dass Vieles oberflächlich war und dass Schlimmes unter den Teppich gekehrt wurde. Wer heute am Leben der Kirche teilnimmt, sucht Halt im Glauben, möchte den Glauben mit anderen feiern und teilen und sein Leben in Berührung bringen mit dem Leben Gottes. Ältere und altgewordene gläubige Menschen sind heute wichtige Glaubenszeugen, gerade in der Welt der Jugend, nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit ihrem persönlichem Glaubenszeugnis. Erzählen Sie, wann der Glaube Sie getragen hat, wann die Hoffnung Ihnen Kraft gegeben hat, die Zukunft auch unter ganz schwierigen Bedingungen anzugehen.
 
"Erzählen Sie, wann der Glaube Sie getragen hat"
 
Vielleicht können Ihnen diese Gedanken eine Hilfe sein, Ihr persönliches Leben unter dem Leitwort des Katholikentags zu bedenken: „Zukunft hat der Mensch des Friedens.“ Ich möchte mit einem Abschnitt des Katholikentaggebets schließen: „Verleihe uns deine Zukunft, Gott, damit wir Menschen deiner Zukunft werden. Erneuere deine Kirche hier vor Ort, damit wir selbstbewusst Zeugnis von dir geben und Menschen von deiner Liebe in Jesus Christus erfahren. Durch ihn rufen wir zu dir, leben wir aus deiner Geistkraft und wollen wir als Kinder Gottes Menschen des Friedens sein.“
 
Bischof Ulrich Neymeyr, Bistum Erfurt
 
Ulrich Neymeyr ist seit 2014 Bischof von Erfurt.

Quelle: Bistum Erfurt