... wie die des Mandelbaumes erinnern daran: Das Leben ist süß und bitter.
Rosa Pracht: Die Mandelblüte ist eine Augenweide, doch schon bald sind Blüten und Freude verflogen.
Die Blüte der Obstbäume geht in unserem Land in diesen Tagen zu Ende. Wir erleben vielerorts gerade den Übergang von den Blüten zu den Blättern. Die Dichterin Hilde Domin (1909-2006) erinnert an die Mandelblüte. Ihr wird dabei – wie auch mir – das Land Israel in allen Sinnen sein:
Die Zweige müssen die Blüten verlieren, damit die Bäume grünen: das Rosa und das Weiß der süßen und bitteren Mandel mischt sich am Boden.
War das Süße ins Bittre oder das Bittre ins Süße gepfropft? Alle Blüten sind voller Honig, leichte Schmetterlingswiegen, alles Blühen ist süß.
Doch wenn erst das Laub die doppelte Krone vereint, unter dem blauesten Himmel, im sanftesten Wind, wird dann das Bittere bitter.
Mandelblütenfeste werden in Deutschland vor allem in der Pfalz sehr gerne besucht. In anderen Regionen der einen Erde sind die Zeiten anders. In manchen Ländern ist die erste Mandelblüte bereits ab Ende Januar zu sehen und zu riechen. Mallorca lädt im frühen Jahr anlässlich der Mandelblüte zu einem Besuch ein. Mit allen Sinnen lässt sich wahrnehmen, dass der Winter vergangen ist. Die Hoffnung auf eine leichtere Phase des Lebens erwacht. Hilde Domin versteht den blühenden Mandelbaum als ein Sinnbild des Lebens: Die Blüten bringen für kurze Zeit Freude; es ist schön, sie anzuschauen; doch sie sind nicht lange am Baum, sie verfliegen bald schon; sie weichen den Blättern; am Boden mischen sich die Farben der bitteren und der süßen Mandel rosa und weiß; zuvor kommen die Schmetterlinge sowie die fleißigen Bienen und sammeln den kostbaren Mandelblütenhonig.
Mit allen Sinnen wahrnehmen: Der Winter ist vergangen
„... damit die Bäume grünen“ –, und dann: Rosa und Weiß mischen sich am Boden. Die Dichterin ernüchtert mit ihrer Wahrnehmung. Sie spricht an, dass es im Leben immer Süßes und Bitteres gibt. In frühen Zeiten des Lebens erscheint manches stärker „süß“ zu sein. Die Erfahrungen der Älteren sind anders: Niemand entkommt im Lauf der Zeit dem Bitteren. Wichtig wäre es, beides zu verbinden – in den Bildworten des Gedichts: die „doppelte Krone“ des Baums im Blick zu behalten. Am Ende des Lebens wird der Anteil des Bitteren höher – auch wenn immer wieder in Zeiten der Freude der Himmel blau ist und der Wind nur sanft weht.
Der blühende Mandelzweig ist aus der biblischen Tradition gut vertraut. Offenkundig ist es nicht immer so, dass Mandelzweige Blüten haben und Zweige austreiben. Gott hat den Stab des Aaron, den Ast von einem Mandelbaum, zum Blühen gebracht (Numeri 17, 23); nicht nur Blüten und grüne Zweige, sogar Mandeln gibt es an diesem Zweig – ein Sinnbild für das von Gott geschenkte Leben für die, die sich an seine Weisung halten. Wer Gutes tut, bringt reiche Frucht.
Die Kochkunst bringt Gegensätze zusammen. Es gilt, auch von dem Bitteren im Leben zu lernen
Bei der Berufung des Propheten Jeremia wird der Mandelzweig zu einem Hinweis auf die Entschiedenheit in Gottes Handeln (Jeremia 1, 11): Gott wacht über sein Wort und führt es aus; Gott kann den Mandelzweig zum Blühen bringen; er kann jedoch auch verdorren. Gott ruft durch den Mund der Propheten zur Umkehr. Auch die Weisheitslehrer in Israel haben die frühe Mandelblüte nicht vergessen: Kohelet beobachtet die nur scheinbar Jahr für Jahr selbstverständlich wiederkehrende Entwicklung der Gaben in der Natur und erinnert daran, dass der Mensch sterblich ist: „Der Mandelbaum blüht, die Heuschrecke schleppt sich dahin, die Frucht der Kaper platzt, doch ein Mensch geht zu seinem ewigen Haus“ (Kohelet 12, 5). Kohelet ruft dazu auf, in den frühen Jahren an den Schöpfer zu denken, bevor die Tage der Krankheit kommen und der Tod bevorsteht.
Beobachtungen in der Natur – Bäume, die blühen, Laub ausbilden und es wieder verlieren – sind ein Lernort für das Leben: Bäume blühen und ergrünen ohne den Zugriff des Menschen; wundersam formt sich das Leben. Der Mandelbaum ist nicht irgendein Baum: Er bringt süße und bittere Früchte hervor. (Nur scheinbar ein Gegensatz.) Die Kochkunst der Menschen ist so weit gereift, mit beiden Früchten köstliche Speisen zu bereiten. Es gilt, auch von dem Bitteren im Leben zu lernen.
Entscheidend für die Zukunft nicht nur der Bäume ist es, wer sie zum Blühen bringt. Die biblische Idee eines Gottesentscheids mag seltsam erscheinen. Diese Tradition erinnert gleichwohl daran, dass die Gabe des Lebens nicht von Menschen bewirkt wird. Wer von uns könnte einen Baum zum Blühen bringen?
Dorothea Sattler ist Professorin für Dogmatik und Ökumenische Theologie in Münster.