Wir sind die ersten Schritte in das Jahr 2024 gegangen. Was haben wir als Gepäck im neuen Jahr mitgenommen? Ich denke, es ist vor allem die Hoffnung, dass Menschen sich nicht weiter gegenseitig umbringen, dass Kinder nicht Hunger leiden müssen, dass die Klimakatastrophe doch noch zu stoppen ist. Ich selbst hoffe, dass der Krebs nicht wieder ausbricht ...
Doch wie unterscheidet sich Hoffnung von vagen Illusionen? Der Philosoph Josef Pieper beginnt sein Büchlein über die Hoffnung mit einem Einstieg, der zunächst wie ein unnötiger Umweg erscheint, nämlich mit Bemerkungen zum Begriff des status viatoris. Damit ist nichts anderes gemeint, als dass unser Leben vor-läufig ist, also auf ein Ziel zuläuft, das wir ersehnen, auf Gott. Ein altes Kirchenlied drückt es so aus: „Wir sind nur Gast auf Erden/ und wandern ohne Ruh'/ mit mancherlei Beschwerden/ der ewigen Heimat zu." Hoffnung ist unserem Menschsein als Unterwegssein zugeordnet. Wer erreicht hat, was er sich vorgenommen hat, braucht nicht mehr zu hoffen. „Der Zustand des Auf-dem- Wege-seins ... bezeichnet vielmehr die innere Seinsverfassung der Kreatur. Es ist das innere seinshafte ,Noch nicht' des Geschöpfes“, schreibt Josef Pieper.
Den Menschen so zu sehen, hat Konsequenzen für unser Lebensgefühl. Denn solange wir noch auf dem Weg sind, können wir die Orientierung verlieren und uns verirren. Wir haben nicht die Erfüllung, die uns vor Augen steht, sondern sind nur in der Richtung auf sie hin. Als Geschöpfe sind wir in der Gefahr, uns zu verfehlen, unsere Entscheidungsfreiheit zu missbrauchen, indem wir Vorläufiges als Erfüllung definieren und das Ziel aus den Augen verlieren.
Die andere Versuchung ist, an eine Erfüllung unserer Sehnsüchte nicht mehr zu glauben und in der Verzweiflung dem Leben ein Ende zu setzen. In beiden Fällen stirbt die Hoffnung, die unser Menschsein kennzeichnet.
Unsere Vergänglichkeit schließt in sich die Zeitlichkeit. Wir leben von Stunde zu Stunde, von Jahr zu Jahr. Erst mit unserem Tod endet die Zeit, treten wir ein in eine neue Daseinsweise. Hoffnung ist die Tugend des „Noch nicht". Sie ist aber zugleich „wie die Liebe eine der ganz einfachen Ur-Gebärden des Lebendigen. In der Hoffnung reckt der Mensch sich ,unruhigen Herzens' in vertrauend auslangender Erwartung empor ... nach dem steilen ,Noch nicht' der Erfüllung, der natürlichen wie der übernatürlichen." Josef Pieper, der so schreibt, nennt die Hoffnung deshalb auch eine „theologische Tugend". Denn letztlich kann nur Gott die Erfüllung unserer Sehnsüchte sein.
Das heißt aber nicht, dass wir nur nach dem Ziel schauen, und dem Weg weniger Aufmerksamkeit widmen. Im Gegenteil: Wie wir diesen Weg gehen, der vor uns liegt, ist von entscheidender Bedeutung, um das Ziel zu erreichen. Das Neue Testament stellt uns das Leben und Wirken Jesu als Weg dar, den ER, wissend, was ihn erwartet, von Galiläa nach Jerusalem ging (vergleiche Lukas 9, 51). Schon Johannes der Täufer fordert uns auf, den Weg des Herrn zu bereiten (Matthäus 3, 3). Dass dieser Weg zum LEBEN kein Spaziergang ist, sagt Jesus in der „Bergpredigt" (Matthäus 5-7): „Denn breit ist der Weg, der ins Verderben führt... Doch eng die Pforte und schmal der Weg, der ins Leben führt" (Matthäus 7, 13-14).
Das „Große“, das uns im Alltag begegnen kann, ist auf unserem Weg durch das Jahr die leise Stimme dessen, der selbst der Weg ist zu einem Leben in Fülle ...
Wir gehen diesen Weg oft mit Angst und Zweifeln und hoffen, dass Jesus sich zu uns gesellt und mitgeht. (Lukas 24, 13-32). Denn ER selbst ist der Weg, der zum himmlischen Vater führt, wie uns das Johannesevangelium belehrt: Als Jesus bei seinem Abschied von den Jüngern von seinem Weg zum VATER spricht, und Thomas einwendet, dass sie nicht wissen, wohin Jesus gehe, und deshalb auch den Weg nicht kennen, antwortet Jesus „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben" (Johannes 14, 6).
Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die ersten Christen „Anhänger des Weges" genannt werden, wie die Apostelgeschichte berichtet. Paulus spricht davon, dass er den „Weg" verfolgt habe, und meint Christus selbst (Apostelgeschichte 9, 4-5 und öfter).
Einer der bedeutendsten Philosophen des letzten Jahrhunderts, Martin Heidegger, schrieb vor siebzig Jahren eine kleine Betrachtung darüber, was uns der Feldweg lehren könnte, wenn wir auf seine Botschaft hörten. Denn dieser Weg lehrt das Einfache, das der Mensch gerne überhört: „Die Gefahr droht, dass die Heutigen schwerhörig für seine Sprache bleiben ...So wird der Mensch zerstreut und weglos", obwohl das Einfache „das Rätsel des Bleibenden und des Großen" in sich birgt.
Dieses „Große", das uns in den einfachen Dingen und Verrichtungen des Alltags begegnen kann, ist auf unserem Weg durch dieses Jahr 2024 die leise Stimme dessen, der selbst der Weg ist zu einem Leben in Fülle.