Eine Weltanschauung, die verändert

13.09.2024 |

Die Kunstinstallation Gaia zeigt einen Blick über den Globus, wie ihn sonst nur Astronauten haben. Jetzt wird sich Gaia auf ihrer einzigen Station in Baden-Württemberg drei Wochen lang über dem Altar der Stadtkirche Karlsruhe drehen. Eine Einladung, über die Verletzlichkeit der Welt nachzudenken.

Eine Weltanschauung, die verändert: GAIA
 
Ganze sieben Meter im Durchmesser ist sie groß, leuchtet blau und dreht sich um sich selbst – so schwebt sie im September drei Wochen über dem Altarbereich der evangelischen Stadtkirche in Karlsruhe. Gaia – so hat sie ihr Schöpfer, der britische Installationskünstler Luke Jerram, genannt – nach der griechischen Gottheit. Gaia ist eine detailgetreue Abbildung unseres blauen Planeten und stammt aus einer Serie von Bildern der NASA „Visible Earth“.
 
Luke Jerram hat sie geschaffen, damit „die Besuchenden die Erde wie aus dem Weltraum sehen können: als einen unglaublich schönen und wertvollen Ort. Ein Ökosystem, um das wir uns dringend kümmern müssen – unser einziges Zuhause“. Und tatsächlich lässt uns Gaia einen Schritt zurücktreten. Heraustreten – aus der Welt heraus. Aus der Enge der eigenen Zusammenhänge heraus. Und Gaia lässt uns anders auf die Welt blicken.
 
Auf diesem Fleck ist alles, was uns wichtig ist: Geschichte, Musik, Poesie, Kunst, Tod und Geburt, Liebe, Tränen ...
 
Der Blick, den Luke Jerram uns schenkt, ist der Blick, der sonst Astronauten und Astronautinnen vorbehalten ist, die unseren Planeten bereits aus dem Weltall heraus bestaunen durften und dabei den sogenannten „Overview-Effekt“ erlebten. Diese Raumfahrer berichten übereinstimmend davon, dass dieser Anblick atemberaubend und unvergesslich war und dass ihnen in diesem Moment bewusst wurde, dass unser Planet im wahrsten Sinne des Wortes einmalig ist – und gleichzeitig sehr verletzlich. Und sie berichten davon, dass dieser Augenblick, als sie die Erde „von außen und als Ganzes“ wahrnehmen konnten, ihr Leben verändert hat.
 
„Die Erde ist so klein“, so beschreibt der Astronaut Russell L. Schweickart den Anblick der Erde aus dem Weltraum, „dass man sie mit dem Daumen zudecken kann – ein so kostbarer Fleck im Universum. Und man erkennt: Auf jenem kleinen, blau-weißen Ding befindet sich alles, was uns wichtig ist – Geschichte, Musik, Poesie, Kunst, Tod und Geburt, Liebe, Tränen, Freude, Spielen. Aus dieser Perspektive wird dir klar, dass du dich in diesem Augenblick verändert hast, dass da etwas Neues ist.“
Luke Jerrams Anliegen ist es, diesen einmaligen und atemberaubenden Anblick, der ja nur einem sehr geringen Anteil der Menschheit vorbehalten ist, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Auch, um uns die Verletzlichkeit und die unbedingte Schutzwürdigkeit unseres Planeten vor Augen zu führen.
 
Neben der unvergleichlichen Schönheit ist die Verletzlichkeit ein Merkmal des blauen Planeten, dessen sich die Astronauten bei seinem Anblick bewusst werden. „Beim ersten Blick zum Horizont der Erde stockte mir der Atem. Nicht dass mich die Krümmung der Horizontlinie überrascht hätte, es war vielmehr die königsblaue Farbe der Atmosphäre, die mich verzauberte. Doch wie dünn war die lebenserhaltende Schicht! Hier war der Moment, von dem alle Astronauten erzählt hatten, die vor mir geflogen waren. Die Erde lag ausgebreitet unter uns. Ihre Schönheit war hinreißend – keine Sprache kann es beschreiben –, doch wie verletzlich sah sie aus“, so sah es Ulf Merbold, der deutsche Wissenschaftsastronaut, nach seinem Flug mit der Raumfähre Columbia im November 1983.
 
Zum Greifen nah und doch so fern.
 
Verletzlichkeit ist zugleich ein Thema, das sich unmittelbar mit dem Kirchengebäude verbindet, in dem Gaia in Karlsruhe zu sehen ist. Die evangelische Stadtkirche am Marktplatz wurde im Jahr 1944 bei einem Fliegerangriff getroffen und bis auf die Grundmauern zerstört. Erschütternde Bilder und Berichte zeugen davon. Der „Friedensengel“, der oben auf dem Kirchturm den Wind anzeigt und dabei mit seinem ausgestreckten Ölzweig der Stadt Frieden bringen soll, – übrigens steht er auf einer goldenen Kugel (der Erde?) – stürzte bei jenem Angriff 72 Meter in die Tiefe und zerbarst. Ein Schock für Karlsruhe. Die Stadtkirche trägt die Signatur der Zerbrechlichkeit, wenngleich sie – 80 Jahre nach ihrer Zerstörung – natürlich längst wieder aufgebaut ist und der „Friedensengel“ hoch oben längst wieder in alle Himmelsrichtungen weist, die Windrichtung anzeigt und – wer weiß – vielleicht auch Frieden über die Stadt bringt. 
 
„Der Blick in die Unendlichkeit führt deutlich die eigene Endlichkeit vor Augen“
 
Mich bewegt der Gedanke, dass dort, wo noch die wenigen originalen Überreste der ursprünglichen Stadtkirche stehen, nun im September 2024 Gaia schwebt. Die Angreifbarkeit und Verletzlichkeit sowohl des Gebäudes als auch der darin befindlichen Kunstinstallation – auch das ist für mich ein bewegender Gedanke. Bei der Betrachtung von Gaia wird deutlich: Unsere menschlichen und menschengemachten Grenzen und Begrenzungen, die das weltpolitische Geschehen und unser Miteinander auf dem Planeten Erde tagtäglich so sehr bestimmen – vom All aus gesehen, gibt es sie nicht. Allenfalls topografische und damit naturgegebene Begrenzungen, seien es Gebirgszüge, Flüsse, Wüsten oder Meere, sind erkennbar. Eine Einteilung in Nationen und Mächte und, weiter gedacht, in Hautfarbe, Geschlecht, Herkunft – aus der Distanz des Weltalls heraus betrachtet, gibt es das alles nicht. Auch das eine Erkenntnis, die es zu bedenken wert sein wird.
 
Wir haben „Gaia – Erlebe das blaue Wunder“ bewusst eingebettet in die Fairen Wochen Karlsruhe, um den Impuls des Künstlers Luke Jerrams aufzugreifen, mit der Kunstinstallation einen Beitrag zu Nachhaltigkeit und Klimaschutz zu leisten. Für mich bekommt der Begriff „Weltanschauung“ im Zusammenhang mit Gaia eine ganz neue Bedeutung – eine neue Weite. Und es wird mir bewusst, dass bei der „Weltanschauung“, dem Blick auf Gaia, die „Weltanschauungen“ zurücktreten, kleiner und weniger bedeutend werden. Ungeachtet der Tatsache, dass ich selbst ehrfürchtig werde vor dem Geschenk der wundervollen Schöpfung und der Tatsache, wie fein und kunstvoll alles miteinander verwoben ist und ich selbst Teil des großen Ganzen sein darf, ist mir bewusst, dass dies meine ganz persönliche Perspektive als Christin und Pfarrerin ist.
 
Der traditionelle, kirchliche Dreiklang „Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung“ wird in unserem Projekt Gaia in einen größeren Zusammenhang gestellt. Auch das mag uns Gaia lehren: Der Blick aus der Unendlichkeit des Universums mag die eigene Begrenztheit und Endlichkeit vor Augen führen und vielleicht auch das Gefühl provozieren, sich selbst klein und unbedeutend zu fühlen. Für Themen der Nachhaltigkeit und des Klimaschutzes mag dieses Gefühl zunächst kontraproduktiv erscheinen. Gleichzeitig zeigt der Blick von außen auf die Welt, wie dann doch alles Leben miteinander zusammenhängt. Wie sehr alles Leben voneinander abhängt. Und so ist „Gaia-Erlebe das blaue Wunder“ bewusst nicht als innerkirchliches Projekt konzipiert, sondern es lebt davon, dass viele mitmachen und mitgestalten. In dem Bewusstsein, dass wir es nur gemeinsam schaffen können, den Blauen Planeten zu bewahren und so für nachfolgende Generationen als wertvollen Schatz und Lebensgrundlage zu erhalten. Ich bin gespannt und freue mich darauf, gemeinsam mit vielen anderen in unserer Stadtkirche über das Blaue Wunder zu staunen und über seine Verletzlichkeit nachdenken zu dürfen.
 
Claudia Rauch