Kinder und Jugendliche mit verschiedenen Weltsichten wertschätzend ins gemeinsame Gespräch bringen: Das ist die Idee hinter dem Projekt „Sharing Worldviews“. An der Pädagogischen Hochschule Heidelberg können sich Lehrerinnen und Lehrer mit dem „Interreligiösen Begegnungslernen“ vertraut machen.
Intensive Kleingruppenarbeit: Lehramtsstudierende der PH Heidelberg befassen sich mit dem „Interreligiösen Begegnungslernen“.
„Wir haben einander Fragen gestellt, die wir uns vorher nie getraut hatten – obwohl wir uns jeden Tag auf dem Schulhof sehen.“ Solche Rückmeldungen erhalten Lehrkräfte von Schülerinnen und Schülern, die am „Interreligiösen Begegnungslernen von Weltsichten“ teilgenommen haben, wie Katja Boehme berichtet. Sie forscht und lehrt als Professorin für Katholische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule (PH) Heidelberg. Dort steht das Thema Interreligiosität hoch im Kurs, kreativ wird daran gearbeitet, Lehrkräfte des katholischen, evangelischen und islamischen Religionsunterrichts, des Ethik- beziehungsweise Philosophieunterrichts, aber auch Lehramtsstudierende mit einem Konzept vertraut zu machen, das auf Englisch „Sharing Worldviews“ heißt.
Katja Boehme, Professorin für Katholische Theologie und Religionspädagogik an der PH Heidelberg.
Warum in der Schule fächerübergreifend über verschiedene Weltsichten sprechen? Die westliche Gesellschaft wird pluraler: Um 1950 waren über 96 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung Christinnen und Christen, je zur Hälfte katholisch und evangelisch. Heute bezeichnen sich nur noch rund 50 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland als christlich, von den anderen Religionen ist der Islam am stärksten vertreten. Der Anteil der Konfessionslosen beträgt über 40 Prozent. Umso wichtiger ist es, Heranwachsende in Empathie, Respekt und Dialogkompetenz zu bilden. „Der Religionsunterricht hat die Aufgabe, Schülerinnen und Schüler mit ihren verschiedenen Weltsichten miteinander ins Gespräch zu bringen“, erklärt Katja Boehme. Die Religionspädagogin bevorzugt die Bezeichnung „Weltsicht“ gegenüber „Weltanschauung“, weil jenes Wort auch individuelle und subjektive Komponenten einschließe. „Sharing Worldviews“ zielt auch darauf, das zu vermitteln, was die Psychologie als „Ambiguitätstoleranz“ bezeichnet: die Fähigkeit, Unterschiede wahrzunehmen, Mehrdeutigkeiten zu ertragen und mit Widersprüchlichkeiten zu leben.
Eine Fähigkeit, die heute mehr denn je gefragt ist. Die multiplen Krisen, die derzeit die Welt erschüttern, wirken sich auch auf den Schulalltag aus, zumal viele Schülerinnen und Schüler einen Migrationshintergrund haben. „Vor allem Ukrainekrieg und Nahostkonflikt haben dazu geführt, dass Haltung und Ton unter den Schülerinnen und Schülern härter geworden sind. Im Unterricht prallen gegensätzliche politische Positionen aufeinander“, sagt der Schuldekan des katholischen Dekanats Heidelberg-Weinheim, Markus Bender.
Bei einigen Jugendlichen beförderten die Sehnsucht nach Sicherheit und der Wunsch nach einfachen Lösungen eine Tendenz zum Populismus. Markus Bender betont, dass er diese Beobachtung nicht pauschalisieren wolle. Er hebt aber den Auftrag der Schulen zur Demokratiebildung hervor. Dies erfordere einen Austausch auf Augenhöhe. Markus Bender ist auch Lehrer an der kaufmännischen Julius-Springer-Schule in Heidelberg, Lehrbeauftragter an der PH Heidelberg und Moderator auf der EU-geförderten Online-Plattform eTwinning, auf der sich Lehrkräfte aus 44 Ländern vernetzen und auch die Materialien zu „Sharing Worldviews“ austauschen können. Zusammen mit Katja Boehme und Michaela Maas vom Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung Baden-Württemberg (ZSL) leitete er zuletzt auch eine Lehrkräftefortbildung zum „Interreligiösen Begegnungslernen“ in Heidelberg.
„Schulen müssen ihren Beitrag zur Demokratiebildung leisten“
Markus Bender, Schuldekan des katholischen Dekanats Heidelberg-Weinheim.
Das Konzept eignet sich grundsätzlich für alle Schularten und wird getragen von verschiedenen Fächern: katholischer, evangelischer, orthodoxer, jüdischer und islamischer Religionsunterricht, Ethik bzw. Philosophie sowie weiteren Fächern wie Geschichte oder Kunst. Für die Grundschulen in Baden-Württemberg, an denen es keinen Ethikunterricht gibt, werde derzeit erprobt, das Fach Sachkunde einzubeziehen, um alle Kinder zu erreichen, berichtet Markus Bender. Idealerweise ist ein Tag im Schuljahr dem Begegnungslernen gewidmet. Vorab einigen sich die Lehrer der kooperierenden Fächer, möglichst zusammen mit den Schülern, auf ein Thema. Die Kooperation kann auch schulübergreifend und sogar länderübergreifend über Online-Plattformen wie eTwinning laufen. Damit trägt „Sharing Worldviews“ auch zur Digitalisierung bei und ermöglicht, internationale und interkulturelle Kompetenzen an der heimischen Schule bzw. Hochschule zu erwerben – die Pädagogik spricht von „Internationalisation@home“. Zunächst erarbeiten die Teilnehmenden das Thema fachunterrichtsintern, dann präsentieren sie den anderen Gruppen ihre Ergebnisse. Darauf folgen ein Austausch in gemischten Gruppen und abschließend eine fachunterrichtsinterne Reflexion.
Die behandelten Themen sollen bildungsplanrelevant sein und durch Unterschiede zum Perspektivenwechsel anregen, wie Katja Boehme erläutert. Erwachsenwerden, Menschenbilder, Gottesbilder, Vorstellungen vom Anfang der Welt, Hoffnung über den Tod hinaus und Auslegung von Texten seien beispielsweise als Themen geeignet. „Bemerkenswert finde ich, dass schon Fünftklässler Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Traditionen erkennen.“
In der Präsentationsphase fungieren die Gruppen abwechselnd als Gastgeber, zeigen ihren Gästen, was sie in einem Unterrichtsraum, an einer Präsentationswand oder in digitaler Form vorbereitet haben. „Sharing Worldviews“ funktioniert auch mithilfe von Videos, Spielen und Apps. Auch kleine Exkursionen, wie Besuche von Kirchen und Moscheen, können zum Begegnungstag gehören. Der Wechsel der Rollen zwischen Gast und Gastgeber erfordere von den Kindern und Jugendlichen Verantwortung zu übernehmen und sich wertschätzend zu verhalten, erläutert Boehme. Die Nachwirkung sei noch Jahre später erkennbar, wie Lehrkräfte ihr berichtet hätten: an einer höheren Bereitschaft zum vorurteilsfreien Gespräch, aber auch am Verständnis für Alltägliches, etwa „warum der eine Schüler Salami auf dem Schulbrot hat und der andere nicht“. Eine moderne Schule müsse Kindern und Jugendlichen verschiedene Perspektiven auf die Welt vermitteln, erklärt Professorin Katja Boehme und verweist auf den Bildungsforscher Professor Jürgen Baumert, bekannt durch seine Beiträge zur PISA-Studie, und die von ihm unterschiedenen vier Modi der Weltbegegnung: Neben der naturwissenschaftlichen, der wirtschaftlichen und der künstlerisch-musischen sei auch die religiöse und philosophische Weise der Weltbegegnung in der Schule unverzichtbar. Katja Boehme betont, dass gerade der bekenntnisorientierte Religionsunterricht sich ausführlich mit verschiedenen religiösen und säkularen Weltsichten befassen und Heranwachsende dazu anleiten könne, verschiedene Interpretationen der Welt differenziert zu betrachten und kritisch zu reflektieren, wenn er mit seinen Parallelfächern kooperiere und Schülerinnen und Schüler untereinander ins Gespräch bringe. „Wir besitzen eine hohe Relevanz in unserer Gesellschaft.“
Exkursionen gehören zum Konzept, wie hier der Besuch einer Moschee in Buggingen.
Davon ausgehend, ermögliche das Konzept des „Interreligiösen Begegnungslernens“ Schülerinnen und Schülern, in einer pluralen Gesellschaft über existenzielle Themen zu sprechen und könne so auch Radikalisierung und Diskriminierung entgegenwirken. Zudem könne es Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien und die Kommunikation über nationale Grenzen hinweg fördern. Dies hält Katja Boehme gerade als katholische Theologin für wichtig: „Wir Christinnen und Christen müssen auch ungewöhnliche Wege beschreiten, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben.“
An „Sharing Worldviews“ sind sieben Hochschulen in Deutschland, Österreich, Griechenland und der Türkei als Partner beteiligt, unterstützt von sieben Schulen und Hochschulen in fünf Ländern als assoziierten Partnern, unter ihnen das Gymnasium Bammental im Rhein-Neckar-Kreis. Professorin Katja Boehme gehört der Lenkungsgruppe an. Das Projekt wird im EU-Programm Erasmus+ gefördert und großzügig unterstützt von der Erzbischof Hermann Stiftung der Erzdiözese Freiburg.