Gelassenheit, Hoffnung, Zuversicht

18.07.2024 |

Im Alter von 94 Jahren ist am 17. Juli im Seniorenzentrum in Gundelfingen der emeritierte Domkapitular Hermann Ritter gestorben. 

Domkapitular em. Hermann Ritter

Quelle: KBL

 
Die Nachricht vom Tod Hermann Ritters lässt innehalten und macht tief betroffen – trotz des gesegneten Alters, das ihm gegeben war und des überaus erfüllten Lebens, das hinter ihm lag. Hermann Ritter gehörte zweifellos zu den prägendsten Persönlichkeiten in der jüngeren Geschichte des Erzbistums Freiburg. Das lag keineswegs nur daran, dass ihm im Laufe der Jahrzehnte immer gewichtigere Aufgaben und damit immer mehr Verantwortung zufielen, sondern auch an seiner Persönlichkeit: an der ihm eigenen Haltung der Gelassenheit, Hoffnung und Zuversicht, die auf all diejenigen ausstrahlte, denen er begegnete. Und auch an seinem Humor, den er sich bis ins hohe Alter bewahrte. 
 
Hermann Ritter wurde am 2. Januar 1930 im Taunus geboren und wuchs in Hechingen auf. 1955 wurde er zum Priester geweiht. Zur zentralen Erfahrung des jungen Theologen wurde alsbald sein Wirken als Seelsorger in Sigmaringen. 1963 wurde er dort mit dem Aufbau der neuen Pfarrei St. Fidelis beauftragt. Eine Zeit, die ihn tief geprägt hat, wie er später immer wieder betonte. Was auch daran lag, dass diese jungen Priesterjahre Hermann Ritters auch mit der durch das Zweite Vatikanische Konzil ausgelösten Aufbruchstimmung in der Kirche zusammenfielen. Hermann Ritter erlebte diese Jahre nach eigenen Worten als „befreiende Weiterführung“ und als „unglaubliche Öffnung“, die ihn selbst, aber ebenso die Menschen in der jungen Gemeinde St. Fidelis in einer Weise begeisterten und motivierten, die heute kaum noch vorstellbar ist. Noch 2003, bei einem Treffen in seiner damaligen Wohnung am Freiburger Münsterplatz kurz vor seiner Verabschiedung als Domkapitular kam er auf diese Sigmaringer Zeit zu sprechen und setzte sich spontan ans Klavier, um einige Lieder und Psalmen vorzutragen, die damals in der Gemeinde gesungen wurden. Gesänge des Aufbruchs, die ihn auch noch 40 Jahre später sichtlich berührten. 
 
Immerhin rund 20 Jahre war Hermann Ritter verantwortlich in der Pfarrseelsorge tätig, bevor er 1983 nach Freiburg berufen wurde. Wohl deshalb hat er dann auch als Leiter der Abteilung Seelsorge im Erzbischöflichen Ordinariat, als Rektor des Seelsorgeamtes, als Beauftragter des Erzbischofs für den Diözesanrat und den Diözesanpastoralrat und als Domkapitular nie die Bodenhaftung verloren. Und mit dieser doppelten Erfahrung des langjährigen Gemeindepfarrers und späteren Domkapitulars wurde ihm die Verantwortung für die Vorbereitung und Organisation des Freiburger Diözesanforums in den Jahren 1991 und 1992 übertragen. Unter dem Leitwort der Pastoralen Initiative des damaligen Erzbischofs Oskar Saier „Miteinander Kirche sein für die Welt von heute“ trafen sich damals dreimal vier Tage lang rund 200 Frauen und Männer, um in offener und konstruktiver Atmosphäre über die Zukunft der Kirche von Freiburg zu beraten. Aber auch die Seligsprechung der Hegner Schwester Ulrika Nisch, der Katholikentag 1992 in Karlsruhe und die Feier des 175-jährigen Jubiläums der Erzdiözese Freiburg im Jahr 2003 fielen in die Amtszeit Hermann Ritters. All diese Ereignisse hat er intensiv mit vorbereitet und begleitet. 
 
Wie sehr sich Hermann Ritter ungeachtet aller wichtigen diözesanen Aufgaben die Nähe zu den Menschen, gerade zu den „einfachen Gläubigen“ bewahrt hat, wurde nicht zuletzt bei den zahlreichen Pilgerfahrten nach Lourdes deutlich, die er in einfühlsamer Weise begleitet hat – am liebsten im Pilgerzug, in dem sich kranke und gesunde Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeinsam auf den langen und durchaus auch anstrengenden Weg in die Pyrenäen machten. Angefangen von den Meditationen und Gebeten über den Lautsprecher im Zug, über die freundlichen und zugewandten Gespräche mit den Pilgern bis hin zu seinen theologisch klaren, fundierten und immer verständlichen Predigten bei den Gottesdiensten. 
 
In einer Dankeskarte kurz nach der Feier seines 80. Geburtstages zitierte Hermann Ritter ein Wort von John Henry Newman, auf das er schon lange zuvor, in der Zeit seines Abiturs gestoßen war: „Ex umbris et imaginibus in veritatem“ – „Aus Schatten und Bildern zur Wahrheit“, so lautete es. „Damals war ich zu jung, um zu verstehen“, so schrieb der Jubilar. „Heute beginne ich langsam, die Dimension der Wahrheit zu erahnen“. Möge ihm jetzt diese göttliche Wahrheit über das Erahnen hinaus in ihrer ganzen Tiefe aufgehen.
 
Michael Winter