Wie früher und doch anders

08.11.2023 |

Vor gut zwei Jahren verließen die Dominikanerinnen von Neusatzeck ihr Kloster. Nach dem Erwerb des Areals durch die Genossenschaft Kloster-Oase ist eine Wohngemeinschaft eingezogen, die versucht, das christliche Erbe und die Spiritualität des Yoga zu verbinden.

Das Areal und die Gebäude des ehemaligen Dominikanerinnenklosters in Neusatzeck, eingebettet in die beschauliche Schwarzwaldlandschaft. Rein äußerlich hat sich hier fast nichts verändert.
 
Erst mal ist alles s o wie früher. Der Weg führt uns von der Rheinebene über Bühl stetig bergauf nach Bühlertal. Dort geht es irgendwann rechts noch ein paar Kilometer weiter aufwärts, bevor wir in Neusatzeck in die leicht talwärts führende Schwarzwaldstraße einbiegen. In der Ferne öffnet sich das wunderbare Panorama des Rheintals. Die Bushaltestelle heißt hier immer noch „Kloster“. So wie sich auch das ganze Areal noch ganz so präsentiert wie vor gut zwei Jahren – mit der Kirche, dem Klostergebäude der Dominikanerinnen und dem Gästehaus.
 
Damals, im Sommer 2021 verließen die letzten Ordensfrauen ihre klösterliche Heimat im Nordschwarzwald. Nach vielen Jahren ohne Nachwuchs war die Gemeinschaft zu alt geworden, um das Leben und die anstehenden Aufgaben zu bewältigen. Die lange, großartige Geschichte der Dominikanerinnen von Neusatzeck war zu Ende. Die Schwestern fanden bei den Benediktinerinnen von der heiligen Lioba in Freiburg-Günterstal Aufnahme und ein neues Zuhause. 
 
„Gehe mit anderen so um, wie du möchtest, dass sie mit dir umgehen.“ Mitglieder der Wohngemeinschaft der Kloster-Oase Neusatzeck, die am Ende 27 Bewohnerinnen und Bewohner umfassen soll.
Ein Areal mit einer Fläche von rund 25.000 Quadratmetern
 
Das änderte nichts daran, dass die Verantwortlichen um Priorin Schwester Birgitta Dorn auch in Freiburg noch von einer äußerst gewichtigen und schwierigen Frage umgetrieben wurden: Was sollte aus den Gebäuden in Neusatzeck werden, die sich ja nach wie vor im Besitz des Ordens befanden? Gebäude, die zwar größtenteils über 150 Jahre alt und denkmalgeschützt sind, im Blick auf die Bausubstanz, die Räumlichkeiten und die Ausstattung aber in einem hervorragenden Zustand waren? Die letzte grundlegende Sanierung des Haupthauses liegt gerade mal gute zehn Jahre zurück. Die 22 Gästezimmer und die 29 ehemaligen Schwesternzimmer verfügten allesamt über Dusche und WC. Dazu großzügige Seminarräume, Abstell- und Büroräume, eine voll funktionsfähige Küche. Und selbst die alte Klosterkirche aus dem Jahr 1859 präsentierte sich in einem befriedigenden Zustand. Nicht weniger als 25 000 Quadratmeter groß war das Areal, das zur Veräußerung anstand.
 
Wenn Joachim Bär die zum Teil dramatische Geschichte von seinem ersten Gedanken an den Kauf der Klosteranlage bis zur symbolischen Schlüsselübergabe erzählt, dann wird er immer noch von Emotionen überwältigt. Zuweilen stockt ihm der Atem und er muss vorübergehend mit den Tränen kämpfen. Es sind Tränen der Rührung und der Freude darüber, dass es der von ihm initiierten Genossenschaft Kloster-Oase tatsächlich gelungen ist, die Gebäude und das Areal der Ordensfrauen zu erwerben. Und dass das Konzept aufzugehen scheint, im ehemaligen Dominikanerinnenkloster eine Wohngemeinschaft zu gründen und mit eigenen Kräften den florierenden Gäste- und Seminarbetrieb weiterzuführen.
 
Es ist ein Vormittag im Oktober. Joachim Bär sitzt im Speisesaal des Klosters. Das Frühstück ist abgeräumt. Die Gruppe von angehenden Yoga-Lehrerinnen des Roten Kreuzes, die während der Woche im Haus zu Gast ist, hat sich wieder in ihren Seminarraum begeben. Mit seinem Bart und langen dunklen Haaren wirkt Bär keineswegs wie ein gewiefter Geschäftsmann, der in Immobilien investiert. Aber erstens verfügt der 59-Jährige über eine gute Portion Lebenserfahrung. Er arbeitete zunächst als Bankkaufmann, dann als Polizist, bevor er als Gründer und Leiter der Yoga-Akademie Baden mit Sitz in seinem Heimatort Achern-Önsbach unternehmerisch und damit tatsächlich auch als Geschäftsmann tätig wurde. Und offensichtlich bringt er weitere Eigenschaften mit, die für ein solches Projekt wichtig sind: Mut, Freude, Ausdauer und Leidenschaft. Vor allem aber fand er Mitstreiter, die seine Vision teilten und bereit waren, sich dafür finanziell und ideell zu engagieren. „Wir waren uns bewusst darüber, dass ein solches Projekt auch schiefgehen kann“, sagt Joachim Bär. „Aber wir haben uns auch gesagt: Wenn wir es nicht wenigstens versuchen, dann machen wir uns für den Rest unserer Atemzüge Vorwürfe.“ 
 
Gemeinschaftlich leben und den Seminarbetrieb weiterführen
 
Wenn Joachim Bär „wir“ sagt, dann hat er zunächst diejenigen im Blick, die ihm schon früh die Bereitschaft zur Mitgliedschaft in einer Genossenschaft signalisierten, mit 1080 Euro pro Anteil. Die Summe, die insgesamt für den Erwerb des Areals und der Immobilien der Dominikanerinnen notwendig war, betrug fast drei Millionen Euro. Aus Sicht des sogenannten gesunden Menschenverstands erschien es als unrealistisch und utopisch, dass eine spontan gegründete Genossenschaft in Neusatzeck ins Spiel kommen könnte. Zumal die Bank als Voraussetzung für einen Kredit ein Eigenkapital von nicht weniger als 1,2 Millionen Euro verlangte. 
 
Gäste und Bewohner beim Tischgebet im Speisesaal der Kloster-Oase.
 
Allerdings: Die Dominikanerinnen konnten sich nach anfänglichem Zögern mit der Zeit immer besser mit dem Gedanken anfreunden, ihre Gebäude tatsächlich an die Leute von der Kloster-Oase zu veräußern. Schließlich kannte man sich. Bereits seit 2016 gehörte die Yoga-Akademie zu den Kunden der Dominikanerinnen. Immer wieder hatte sie die Gästezimmer und Seminarräume des Klosters angemietet, um dort Kurse anzubieten. Zudem versicherten die Genossen, die bestehenden Gebäude zu erhalten. Und sie konnten vermitteln, dass sie manches genau so machen wollten wie die Schwestern, vor allem: „gemeinschaftlich leben und den Seminarbetrieb weiterführen“, so Joachim Bär. 
 
Die Initiatoren der Kloster-Oase schafften das scheinbar Unmögliche. Schneller und einfacher als gedacht gelang es, das erforderliche Eigenkapital von 1,2 Millionen Euro aufzubringen. Nach Gewährung des notwendigen Kredits überwies die Genossenschaft den Schwestern den gesamten Kaufpreis. Im Dezember 2022 fand die symbolische Schlüsselübergabe statt. Inzwischen gibt es über 250 Genossinnen und Genossen. 
 
Joachim Bär ist zuversichtlich, dass die Genossenschaft bis Ende 2025 schuldenfrei ist.

Quelle: Winter

Kern des Projekts Kloster-Oase war von Anfang an die Bildung einer festen Wohngemeinschaft in den Räumlichkeiten des ehemaligen Klosters. 27 Mitglieder soll diese Gemeinschaft letztendlich umfassen, 17 Plätze sind belegt. „Angesichts der Zahl der Interessenten könnten wir schon voll sein, aber es muss ja auch passen“, sagt Joachim Bär. Passen – das heißt, dass diejenigen, die fest in der Kloster-Oase wohnen, an einem Strang ziehen müssen. Im Blick auf die Aufgaben und Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt, aber auch hinsichtlich der Werte, die dort gelebt werden.
 
„Gehe mit anderen so um, wie du willst, dass sie mit dir umgehen“
 
Gepasst hat es beispielsweise bei Hedwig Rohr, die auf der Suche nach einer gemeinschaftlichen Lebensform zufällig auf die Internetseite der Kloster-Oase stieß. Es folgte der Besuch einer Infoveranstaltung und eine Woche zum Kennenlernen. „Ich bin ein eher rational-vorsichtiger Mensch und habe mich immer wieder gefragt, was dagegensprechen könnte, hierher zu kommen, aber ich habe nichts gefunden“, sagt sie. Hedwig Rohr war zuletzt bei der Agentur für Arbeit in Kassel tätig. Inzwischen ist sie Rentnerin. In Neusatzeck unterhält sie eine Praxis als Heilpraktikerin für Psychotherapie. Ansonsten hilft sie, den Gästebetrieb, die Haupteinnahmequelle der Kloster-Oase, am Laufen zu halten. „Es ist schön, zu erleben, wie das Gemeinsame Kraft gibt und mehr trägt als alleine zu wohnen“, so Hedwig Rohr. Neusatzeck ist für sie ein „Kraftort“. Er trage das Christliche in sich, sei aber gleichzeitig durch Yoga und Weltoffenheit geprägt. „In dieser Haltung leben wir.“
 
Eine gemeinsame Kasse gibt es in der Kloster-Oase nicht. Allerdings zahlen alle festen Bewohner regulär ihre Miete. Diese Mieteinnahmen bilden neben dem Seminarbetrieb die zweite Säule zur Deckung der laufenden Kosten, immerhin monatlich 25 000 Euro. Eine hohe Summe, die aber bisher durchgehend erwirtschaftet werden konnte. Mehr noch: Mit den Einnahmen konnte auch schon ein Teil des Bankkredits getilgt werden. Joachim Bär ist zuversichtlich: „Bis Ende 2025 wollen wir schuldenfrei sein“, sagt er.
 
Die Werte, auf die sich die Mitglieder verpflichten, decken sich in vielerlei Hinsicht mit den Werten des christlichen Glaubens oder gar einer Ordensgemeinschaft: Nächstenliebe, gegenseitige Wertschätzung, Einfachheit und ein sorgsamer Umgang mit Ressourcen, Teilen, Gemeinschaft, Vertrauen, Offenheit, Zufriedenheit, Wahrhaftigkeit und auch Gebet und Stille. An der Wand im Speisesaal haben die neuen Bewohner des Klosters nach ihrem Einzug in geschwungener großer Schrift die sogenannte „Goldene Regel“ angebracht, die in vielen Religionen als Schlüssel für ein gedeihliches Zusammenleben der Menschen gilt und die in ähnlicher Form auch in der Bergpredigt Jesu formuliert wird: „Gehe mit anderen so um wie du möchtest, dass sie mit dir umgehen.“ 
 
Den Betrieb am Laufen zu halten ist eine Herausforderung, vor allem im Garten ...
 
Dass die Mitbewohner auch so etwas wie Weltverbesserer sein wollen, liegt auf der Hand. Joachim Bär beklagt, dass der Gesellschaft die positiven Vorbilder ausgegangen seien. „Wir entwickeln uns weg von der erhabenen Spezies Mensch hin zu dummen Konsumenten“, stellt er fest. Es brauche dringend eine nachhaltige Lebensweise, auch und gerade im Umgang mit Gebrauchsgegenständen. „Wir benutzen weiterhin die Stühle und Tische der Schwestern und wir saugen mit ihren Staubsaugern“, so der Leiter der Kloster-Oase. Auch der Gemüseanbau der Schwestern wird intensiv weiter betrieben. Vieles von dem, was im Speisesaal auf den Tisch kommt, wächst im Klostergarten. Und es gibt Tabus: Kein Fleisch, kein Alkohol und kein WLAN.
 
Das Bemühen der Kloster-Oase um das Erbe der Dominikanerinen zeigt sich auch darin, dass sie die Klosterkirche lebendig halten will. Zum einen durch die Veranstaltung von Konzerten, zum anderen durch eine monatliche Eucharistiefeier, die von Pfarrer Sascha Doninger geleitet wird. Doninger, derzeit im Dreisamtal bei Freiburg tätig, stammt aus Lauf bei Bühl und war zeitlebens eng mit dem Kloster verbunden. Dass es der Kloster-Oase gelungen ist, das Anwesen der Dominikanerinnen zu erwerben, empfindet er als „kleines Wunder“. Die Gottesdienste würden sehr gut angenommen. „Die Verantwortlichen bohren tief in der Ursprungsgeschichte dieses Ortes“ so der 46-Jähriuge, der selbst Genossenschaftsanteile erworben hat. „Sie wollen, dass der christliche Geist bewahrt wird.“
 
... und in der Küche. Aber durch das Gemeinsame werden Kräfte freigesetzt.
 
Dementspricht auch die Auseinandersetzung der Wohngemeinschaft mit Pfarrer Josef Bäder, der Mitte des 19. Jahrhunderts den Anstoß zur Klostergründung gab. Sein Porträt hängt an der Wand im Speisesaal der Kloster-Oase. Bäder setzte sich in aufopferungsvoller Weise für das leibliche und seelische Wohl der größtenteils in bitterer Armut lebenden Menschen in der Gegend ein. Unter seiner geistlichen Leitung gründeten acht junge Frauen im Jahr 1855 in Neusatzeck eine Gemeinschaft – die Keimzelle des späteren Klosters. Zur täglichen „Morgenpraxis“ der Wohngemeinschaft gehört neben Körperübungen und stillem Sitzen auch die Lektüre von Texten Josef Bäders. 
 
In kirchlichen Kreisen sind auch skeptische Stimmen zu hören
 
Gleichzeitig machen sowohl das Programm der Kloster-Oase als auch die Bildmotive, die in den Räumen begegnen und nicht zuletzt die Gruppen, die dort zu Gast sind, deutlich, dass auch die Spiritualität des Yoga zu einem prägenden Merkmal von Neusatzeck geworden ist. Für die Kloster-Oase ist das kein Widerspruch, sondern eine gegenseitige Ergänzung und Bereicherung. Manche kirchlichen Kreise und Akteure betrachten das Projekt skeptischer und verweisen auf synkretistische Tendenzen. Zumal auf der Hintergrundfolie des vergangenen, genuin christlichen und kirchlichen Ordenslebens der Dominikanerinnen. „Leider waren diese Leute bisher noch nie hier“, beklagt Joachim Bär.
 
Schwester Birgitta Dorn, die Priorin der Dominikanerinnen, möchte sich zum Verkauf des Klosters nicht mehr näher äußern, macht aber deutlich, dass sie mit sich im Reinen ist. „Ich stehe zu dieser Entscheidung und wünsche der Kloster-Oase eine gute, gesegnete Zukunft“, schrieb sie auf Anfrage. Wobei die Unterstützung, die der Kloster-Oase von Menschen aus der Umgebung zuteil wird, offenbar weit größer ist als die Skepsis. Zahlreiche Freiwillige bieten bei Engpässen ihre Hilfe an. 
 
Es ist Mittag geworden. Die Frauen vom Roten Kreuz kommen nach und nach in den Speisesaal. Das von der Wohngemeinschaft zubereitete Essen steht auf dem Tisch. Alles bio und regional. Joachim Bär lädt ein, einen Kreis zu bilden und sich an den Händen zu fassen. Dann spricht er ein Tischgebet: „Ewiger Vater, wir danken dir für unser Zusammensein. Lass uns in deinen Gaben deine Liebe erkennen.“ Nach dem Essen lädt er die Gäste zu einem Rundgang durch die Gebäude – bis hin zur Klosterkirche. Staunend betrachten die Frauen dort das Grab von Josef Bäder, ebenso das moderne Mosaik an der Chorwand. „Wir haben weder die Absicht, noch die Ressourcen, in dieser Kirche etwas zu verändern“, sagt Joachim Bär. 
 
Zurück zum Parkplatz. Noch ein Blick von der gegenüberliegenden Seite der Schwarzwaldstraße auf Kirche und Klostergebäude, dann geht es wieder abwärts Richtung Bühlertal, Bühl und die Rheinebene. Fest steht: Die Geschichte von Neusatzeck geht weiter. Wie früher, und doch anders.
 
Michael Winter
 
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Genaue Infos über Werte, Vorstellungen und Praxis der Kloster-Oase finden sich unter: www.kloster-oase.de