Eine gute Predigt ist eine Kunst – und Gabe des Geistes. Auf Einladung des Konradsblatts sprachen die evangelische Pfarrerin Claudia Rauch, der katholische Pfarrer Christian Heß und der freikirchliche Pastor Steffen Beck über das Predigen.
Fast eine Stunde lang tauschten sich Christian Heß, Claudia Rauch und Steffen Beck (von links) auf Einladung der Konradsblatt-Redaktion über ihren Dienst als Prediger und Predigerin aus.
Frau Rauch, Herr Heß, Herr Beck – ist die Predigt für Sie mehr Last oder mehr Lust?
Claudia Rauch: Am Samstagabend, wenn die Predigt noch nicht fertig ist, dann ist es Last. Dann wünsche ich mir manchmal, dass ich freitags schon fertig geworden wäre. Gleichzeitig denke ich: Der Heilige Geist wird mir schon helfen. Grundsätzlich ist die Predigt bei mir aber auf jeden Fall mehr Lust als Last.
Steffen Beck: Wenn ich predige, dann immer mit Freude und Lust. Aber wenn man vor einem leeren Blatt Papier sitzt, dann ist es auch Last. Insofern bin ich sehr froh, dass es bei uns ein Team gibt und ich nicht jeden Sonntag predigen muss. Im Blick auf die Vorbereitung und die notwendige innere Kraft, die es braucht, glaube ich nicht, dass ich die Leistung, die ich derzeit etwa alle vier Wochen bringe, jeden Sonntag bringen könnte.
Christian Heß: Ich versuche, frühzeitig anzufangen, am besten schon montags. Dies gilt umso mehr in den Wochen, in denen noch viele andere Aufgaben anstehen. Die Predigt funktioniert ja nicht so, dass ich einfach einige Minuten am Stück rede und am Schluss Amen sage. Ich habe einen Qualitätsanspruch. Und es soll ja auch von mir selbst, von meiner Person etwas rüberkommen. Wenn im pastoralen Alltag sehr viel los ist, kann die Predigtvorbereitung durchaus auch zur Last werden. Aber die Lust überwiegt. Ich kann das, was ich erkannt habe, auch mit anderen teilen. Das ist etwas Schönes.
Der Predigt kommt in den Konfessionen und Kirchen ein unterschiedlicher Stellenwert zu. So wie auch die liturgischen Formen verschieden sind. Welchen Stellenwert hat die Predigt bei Ihnen im Blick auf das Gesamt eines Gottesdienstes?
Beck: Im freikirchlichen Bereich und speziell im ICF (International Christian Fellowship), wo ich herkomme, hat die Predigt einen sehr hohen Stellenwert. Wir haben Umfragen gemacht, wie hoch die Leute bei uns die einzelnen Elemente des Gottesdienstes bewerten. Die meisten sagen, dass sie wegen der Predigt kommen. Und die halten wir deshalb auch hoch. Wir nehmen sie auf, stellen sie ins Internet, übertragen sie bei Baden-TV. Die Predigt ist der zentrale, der wichtigste Bestandteil unserer Gottesdienste.
Heß: Einerseits fügt sich die Predigt bei uns als eines von vielen Elementen in den Gottesdienst ein. Aber sie ist nicht einfach nur ein Bestandteil unter anderen. Laut dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist die wichtigste Aufgabe des Priesters die Verkündigung des Evangeliums. Von daher hat die Predigt eine sehr zentrale Stellung. Gerade bei Menschen, die nicht so oft in den Gottesdienst kommen, beispielsweise bei einer Erstkommunionfeier, nehme ich bei der Predigt oft eine sehr hohe Aufmerksamkeit wahr. Das bedeutet auch mehr Verantwortung für mich. Mir ist in diesen Momenten bewusst, dass ich für viele sozusagen der Prediger des Jahres bin. Das sollte einen nicht erstarren lassen, aber man sollte mit Respekt drangehen.
Wenn man eine Umfrage machen würde – glauben Sie, dass auch den katholischen Gottesdienstbesuchern die Predigt am wichtigsten ist?
Heß: Ja. Es gibt jetzt schon Untersuchungen, wonach auch bei uns im katholischen Raum die Bedeutung der Predigt massiv zugenommen hat. Seit dem Konzil hat ja auch die Predigtausbildung einen viel höheren Stellenwert. Trotzdem sollte man, wie gesagt, sollte den Gottesdienst als eine Art Gesamterlebnis sehen: Die Eucharistie ist wichtig, ebenso die Kirchenmusik, die ja auch Verkündigung ist. Von daher ist die Predigt immer auch Teil des Ganzen.
Rauch: Als Protestantin sagt man ja klassisch: Die Predigt ist die Hauptsache. Mein Vater war ebenfalls Pfarrer und vermittelte mir immer den Eindruck, dass es im Gottesdienst zwar noch einige andere Elemente gibt, die Predigt aber doch im Zentrum steht. Sie ist das, was sonntags zählt. Heute habe ich den Eindruck, dass es auch gegenläufige Bewegungen gibt, dass es auch um das Große und Ganze geht, in das die Predigt eingebettet ist. Zudem ist für mich die Verkündigung des Evangeliums nicht nur das, was ich von der Kanzel aus von mir gebe, sondern auch das Drumherum. Und das sind dann auch die ganz starken Momente eines Gottesdienstes: Wenn ich das Gefühl habe, dass die unterschiedlichen Elemente gut zusammengehen. Wenn beispielsweise ein Lied, das noch einmal trifft und vertieft, was ich zuvor gesagt habe.
Beck: Wenn man mich so verstanden hätte, dass die anderen Elemente wie Lobpreis und Musik lediglich der Warm-Up für die Predigt sind, dann würden meine Musiker jetzt protestieren. So ist das natürlich auch bei uns nicht. Wenn wir Anbetungslieder singen, ist das ein wesentliches Element, keine Vorstufe für das Eigentliche. Zudem muss ich sagen, dass sich in der neuen Generation unserer Freikirchen, in der „Generation Z“, etwas verändert. Wir feiern sonntags drei Gottesdienste, zwei morgens, einen abends. Die Verantwortung für den Abendgottesdienst haben wir an die jüngere Generation gegeben. Da gibt es die Tendenz, die Predigt zu kürzen zugunsten eines Elements, das wir „Experience“ nennen. Dabei erhalten die Menschen die Möglichkeit, durch eine Aktion oder Interaktion das, was gepredigt wurde, auch zu erfahren.
Das bringt uns zu der grundsätzlichen Frage: Wie lang sollte eine Predigt eigentlich idealerweise dauern?
Heß: Wenn ich höre, dass Sie, Herr Beck, 30 Minuten predigen, dann kann ich nur sagen: Respekt. Ich habe mal von einer evangelischen Kollegin gehört, dass bei ihr eine Beschwerde aus der Gemeinde einging, weil sie zu kurz gepredigt habe. Das ist mir noch nie passiert. Aber im Ernst: Das Wichtigste bei einer Predigt kann natürlich nicht die Frage sein, wann sie endlich vorbei ist. Wenn jemand die Qualität eines Gottesdienstes daran misst, dass er möglichst kurz ist, dann frage ich mich, warum er überhaupt gekommen ist. Kürze kann nicht das Entscheidende sein.
Beck: Ich schreibe meine Predigten wörtlich auf. Interessant ist: Wenn ich sie dann für mich zuhause vortrage, brauche ich 15 Minuten. Auf der Bühne aber doppelt so lange. Das hat mich selber überrascht. Das heißt, es gibt die Momente, in denen du vom Manuskript hochguckst, die Menschen anschaust und so etwas wie eine dialogische Situation entsteht. Das sind dann oft die besten Momente, weil dann vielleicht wie ein Blitz noch ein neuer Gedanke einfließt und es in anderer Weise authentisch und persönlich wird. Ich merke dann, dass ich einen Satz, der sich zuhause gut angefühlt hat, im Angesicht der Leute nochmal anders sagen muss. Insofern ist in meinen Predigten nicht alles vorprogrammiert.
Kommt es vor, dass Sie beim Schreiben der Predigt merken: Jetzt muss ich zum Ende kommen?
Rauch: Ich achte nicht bewusst darauf, habe aber beim Schreiben mitunter schon das Gefühl, das jetzt alles gesagt ist. Wenn ich 15 Minuten predige, dann ist das schon viel.
Beck: Das Predigen und die Vorbereitung sind auch etwas sehr Persönliches. Ich selbst habe beispielsweise noch keine Predigt nach neun Uhr morgens geschrieben. Ich kann das viel besser am frühen Morgen, wenn ich ungestört bin. Deshalb stehe ich um vier oder halb fünf auf und arbeite, wenn sich mein Hirn noch konzentrieren kann. Danach ist die Gefahr zu groß, dass ich mich verliere, weil ich so einen belebten Alltag habe. Zudem bin ich ein „Schreibdenker“. Das heißt, ich setze mich hin, fange an zu schreiben und dabei kommen mir dann auch die Gedanken.
Da kommt Ihnen dann wahrscheinlich zugute, dass Sie nur alle vier Wochen predigen?
Beck: Genau. Wir planen die Predigten allerdings länger im Voraus, weil wir keine Einzelpredigten, sondern Predigtserien haben, die sich möglicherweise über mehrere Wochen erstrecken und sich auf ein übergeordnetes Thema beziehen. Das entwickeln wir im Team. Zuletzt lautete der Titel einer solchen Serie „Echt jetzt, Jesus?“ Da haben wir knackige Jesusstellen behandelt, wie beispielsweise die Tempelreinigung oder dass er seine Spucke mit Erde vermischt und damit Menschen heilt. Lauter Dinge, bei denen man sich fragen kann: „Echt jetzt? Hat er das wirklich gesagt oder getan?“ Ich selbst muss dann einen Sonntag übernehmen. Wir haben allerdings auch noch ein „Research-Team“, das aus theologisch begabten und belesenen Menschen besteht, die dann recherchieren, was andere dazu schon gepredigt oder geschrieben haben. Die Ergebnisse liegen mir dann vor. Insofern ist die Predigt bei uns immer auch eine Teamleistung.
Rauch: Bei mir ist das vielleicht ein bisschen vergleichbar. Auch wir haben Abendgottesdienste, die in einer der Stadtkirche benachbarten kleinen Kirche stattfinden und zu denen andere Leute kommen als vormittags. Dabei predigen wir ebenfalls thematisch und überlegen in einem Team, welches Thema interessant wäre und welcher Text dazu passen könnte. Zuweilen bauen wir ebenfalls Aktionen ein. Dann ist die Predigt entsprechend kürzer.
Heß: Dieses Teamwork wäre für uns im katholischen Raum sicher auch mal eine Anregung. Homiletik heißt ja übersetzt: Die Kunst der vertrauten Unterhaltung. Das heißt, es geht eigentlich darum, Menschen miteinander in ein vertrautes Gespräch zu bringen. Da ist ein Team hilfreich. Das habe ich nicht immer. Aber bei bestimmten Gottesdiensten für eine konkrete Zielgruppe wie beispielsweise Jugendliche arbeiten wir ebenfalls in Vorbereitungsteams. Zudem treffe ich mich regelmäßig mit einer Gruppe von Pfarrern. Dabei reden wir auch immer über Schrifttexte. Was da entsteht, nehme ich auch mit nach Hause. Ich muss dann natürlich schon selbst meine Worte formulieren – mit Hilfe des Heiligen Geistes. Aber ich lasse mich auch von anderen inspirieren. Und ich stelle fest: Wenn du mit anderen im Gespräch bist, dann ist das nochmal intensiver, als wenn du alleine da sitzt.
Ganz offensichtlich haben Sie alle drei einen sehr weit gefassten Predigtbegriff. Landläufig würden viele sagen: Predigt, das ist der Teil des Gottesdienstes, bei dem der Pfarrer oder die Pfarrerin vorne spricht. Jetzt hören wir von Aktionen, von „Experience“, auch die Musik als Predigt wird erwähnt.
Beck: Das stimmt. Aber ehrlicherweise muss ich für uns beim ICF auch sagen: Morgens gibt es in den Gottesdiensten eine klassische 30-Minuten-Predigt. Sicher nicht immer in der gleichen Form. Wir haben auch schon zu zweit gepredigt. Oder in eine Predigt Zeugnisse eingebaut, die wir allerdings vorher auf Video aufnehmen und einspielen – nach dem Motto: das, was ich grade gesagt habe, hat Maria erlebt. Dann kommt das Video mit Marias Zeugnis. Das ist dann fast wie eine Flanke in den Strafraum und du kannst als Prediger das Tor schießen, weil so ein authentisches Zeugnis immer auch ein Momentum schafft. Überhaupt: In der Predigt geschieht ein großes Moment an Dingen, die nicht im Manuskript stehen. Blitzgedanken, die einem kommen oder Zwischenfragen, die einem einfallen. Das ist für mich als Prediger eine sehr wertvolle Erkenntnis und Erfahrung.
Heß: Ich finde auch, du hast als Prediger nicht alles in der Hand. Die Predigt, die du hältst, ist ab dem Moment, in dem du sie sprichst, nicht mehr verfügbar. Ich stelle immer wieder bei Reaktionen auf meine Predigten fest, dass sie von etwas besonders angetan oder berührt waren, was für mich gar nicht das Entscheidende war. Da erlebe ich dann: Ah, da geschieht mehr. Da ist noch jemand am Werk. Ich durfte dann dazu beitragen, dass jemand mit Gott eine Erfahrung gemacht hat, obwohl das bei diesem inhaltlichen Punkt gar nicht meine Intention war.
Predigt ist ja auch Zeugnis geben. Riskieren Sie etwas bei ihren Predigten? Wieviel Persönliches fließt mit ein? Die Gefahr besteht ja stets, dass Aussagen im eigenen Sinne verwendet oder instrumentalisiert werden.
Heß: Du setzt dich natürlich immer aus, sobald du öffentlich sprichst. Und insofern ist jede Predigt auch politisch. Nicht parteipolitisch. Aber indem du dich in der Gesellschaft über die Gesellschaft äußerst. Umso wichtiger ist, dass wir so sprechen, dass klar ist, dass wir auf dem Boden des Bekenntnisses Christi sprechen, aber auch auf dem Boden unserer Demokratie. So dass niemand meine Aussagen für andere Zwecke benutzen kann. Wir haben das nie ganz in der Hand. Predigt ist dadurch immer riskant. Aber auch nur so kann Glauben geschehen, das Evangelium ins Gespräch kommen und weiter am Reich Gottes gearbeitet werden.
Beck: Ein Lehrer am Johanneum in Wuppertal, wo ich meine theologische Ausbildung absolviert habe und bei dem wir auch Probepredigten vortragen mussten, hat mich immer gefragt: Herr Beck, wo waren Sie in dieser Predigt? Gemeint war damit: Wo haben Sie gesagt, was Ihnen persönlich dieses Bibelwort bedeutet, wie sie in ihrem Leben damit umgehen? Wo haben Sie über Ihre Beziehung zu Gott gesprochen? Wo haben Sie sich verletzlich gemacht? Das hat mich geprägt. Ich bekenne in meinen Predigten, dass ich selbst auch nicht perfekt bin. Ich habe auch schon einmal gesagt: Die vergangenen Jahre waren auch für mich und meine Frau nicht die einfachsten Jahre in unserer Ehe. Das ist schon sehr persönlich. Aber ich habe dann auch gesagt, was uns geholfen hat und warum wir noch zusammen hier sind. Das wirkt natürlich sehr stark, ist aber auch nicht jedermanns Sache. Das muss zum eigenen Typ passen. Aber viele spiegeln mir, dass sie das gut finden.
Heß: Wenn du dich selber als Mensch zeigst, mit deiner Verletzlichkeit und deinen Schwächen, dann erlaubst du das im übertragenen Sinne ja auch den Zuhörenden.
Beck: Ja, das ist auch der Grund für mein Problem, das ich mit dem Talar habe. Weil er für mich ein Zeichen dafür ist, dass ich mich hinter dem Gewand verberge. Wo bin ich da selbst? Das wäre auch eine Frage von mir an euch. Ist das denn noch zeitgemäß?
Rauch: Also ganz am Anfang dachte ich auch: Komme ich mir nicht verkleidet vor, wenn ich dieses Gewand anziehe? Mittlerweile weiß ich, dass es mir total hilft, in diese Aufgabe zu finden. Und ich habe überhaupt nicht das Gefühl, dass ich mich hinter dem Gewand verstecke oder verberge. Ich glaube auch nicht, dass die Menschen nicht erkennen, was für ein Mensch in dem Gewand steckt. Und ganz pragmatisch: Wenn ich jetzt sonntagmorgens noch überlegen müsste, was ich anziehen soll, das würde mich fertigmachen.
Welche Bedeutung spielt denn der Vortrag selbst für Sie bei einer Predigt? Also die Gestik, die Mimik, die Betonung, die Bewegung?
Rauch: Bei meinen Predigtmanuskripten steht immer drüber: Langsam sprechen. Ich muss mich immer selbst bremsen, auch weil die Akustik in der Stadtkirche in Karlsruhe durch den Hall sehr herausfordernd ist. Aber ich würde jetzt nie reinschreiben, dass ich irgendwo eine Gestik machen oder irgendwo hinschauen soll.
Beck: Das ist bei mir anders. Bei uns sind vier Kameras auf uns gerichtet, wir haben eine Bühne und mehrere Standorte, wo wir sprechen. Und so gibt es bei jeder Predigt fünf bis sechs Regieanweisungen. Dann schreibe ich beispielsweise für den Kameramann: „Hier gehe ich zum Flat-Screen.“ Der Vortrag ist durch die Kameraaufzeichnung einfach noch einmal anders geprägt, aber es dürfen auch nicht zu viele Anweisungen sein, sonst schränkt mich das ein.
Heß: Ich selbst übe nicht vor dem Spiegel, aber ich mache mir schon Gedanken vorab, was wann kommt. Dennoch ist der Vortrag tatsächlich sehr intuitiv. Ich merke auch oft, wie mich die Reaktionen der Gläubigen dann noch einmal beeinflussen und tragen. Beispielsweise macht es mir großen Spaß, wenn ich bei einem Erstkommuniongottesdienst mit dem Handmikro in der Bewegung und im Vortrag viel freier bin. Intuition setzt jedoch immer eine gründliche Vorbereitung voraus, sonst besteht die Gefahr ins Labern zu kommen.
Nochmals zu den Predigtinhalten. In der Regel sind es ja vorgegebene Perikopen. Da haben wir es mit Texten zu tun, die sehr alt sind. Wie wichtig ist es Ihnen, vielleicht gerade am Anfang der Predigt, den Zuhörenden zu erklären, wo der Sitz des Lebens des ursprünglichen Textes ist?
Rauch: Bei mir ist das abhängig von der Frage, ob das für die Bedeutung des Textes wichtig ist oder nicht. Wenn ich das Gefühl habe, das ist wichtig, weil mir diese Einordnung in den damaligen Kontext selbst etwas sagt und erklärt, dann nehme ich das auch in meine Predigt auf. Aber ich würde jetzt keinen historischen Exkurs machen, nur um ihn gemacht zu haben und die Leute zu belehren.
Heß: Mir ist wichtig, sperrige Bibeltexte nicht einfach glattzubügeln. Wir sind ja auch häufiger mit Texten aus der Bibel konfrontiert, die wir gerne zur Seite schieben würden, weil sie so schwierig sind. Da gilt es dann zu sagen: Ich tue mir mit dem Text auch schwer, habe auch mit ihm gerungen. Klar ist natürlich, dass Predigten keine Vorlesungen sind. Sie sollen den Menschen helfen, die frohe Botschaft und deren Bedeutung für ihr eigenes Leben zu verstehen.
Rauch: Also ich selbst sehe mich nicht als jemand, der anderen hilft, irgendetwas zu verstehen. Ich sehe mich eher als jemand, der sich auf eine Suchbewegung begibt und der sozusagen einen Vorsprung hat, weil er sich zuvor mit dem Text auseinandergesetzt hat. Ich sehe mich eher als Suchende unter Suchenden und Hoffende unter Hoffenden. Wir haben ja auch gegenüber den Gläubigen eine große Verantwortung. Gerade weil wir in der evangelischen Kirche ja auch in dieser herausgestellten räumlichen Position auf der Kanzel stehen, ist die Gefahr von oben herab belehrend und mit erhobenem Zeigefinger zu predigen schon groß. Und das war früher ja weit verbreitet.
Beck: Auch in diesem Punkt spüre ich bei den Freikirchen und im evangelikalen Bereich eine Veränderung. Meine Generation hat sich von solchen direkt textbezogenen Predigten gelöst zugunsten von Themenpredigten. Erstaunlicherweise wollen die jungen Menschen, die nach uns kommen, aber nicht nur Erfahrung, sondern auch Wissen vermittelt bekommen. Die jungen Gläubigen lieben und schätzen auch die Exegese, deswegen spielt die theologische Bildung und Vermittlung in der Predigt bei uns auch eine zunehmend wichtige Rolle. Wenn es uns gelingt, in einfachen Worten dieses theologische Wissen und die Zusammenhänge zu erklären und die Dinge nicht noch komplizierter zu machen, dann haben wir viel erreicht ...
Eine letzte Frage: Was ist für Sie das Wichtigste in einer Predigt?
Heß: Da fällt mir der Spruch ein, den ich zu meiner Priesterweihe gewählt habe: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.“ Und dann kommt aber noch ein selten zitierter Zusatz: „Aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig.“ Also von der Hoffnung sprechen und sie teilen, nicht belehren, und bescheiden und ehrfürchtig darangehen.
Beck: Ich bin immer etwas unsicher, wenn jemand zu mir sagt: „Heute hast du aber gut gepredigt.“ Dann frage ich mich: Habe ich es wirklich gut gemacht? Aber wenn einer zu mir sagt: Gott hat zu mir gesprochen in deiner Predigt, und ich habe so etwas wie Vollmacht empfunden, dann bedeutet mir das viel. Ich wünsche mir, dass in meiner Predigt eine Kraft ist, die nicht aus meiner Rhetorik oder den Regieanweisungen entspringt, sondern aus dem Heiligen Geist kommt. Das sind die wertvollsten Momente einer Predigt. Diese Vollmacht ist ein Geschenk.
Rauch: Für mich wäre das Wichtigste, dass Gott und der Mensch in der Predigt vorkommen. Der Mensch, der hört und der Mensch, der spricht.