„Das Päckchen wird leichter“

21.11.2023 |

Der Kinzigtäler Jakobusweg hat sein Leben verändert, vielleicht sogar gerettet. Wie das geschah, erzählt Elmar Langenbacher anschaulich, erfrischend und tiefgründig in seinem Buch „Mein Licht. Meine Stille. Der Kinzigtäler Jakobusweg“. Kirsten Zimmerer hat den Autor an dem Ort getroffen, der vor zehn Jahren für den damals erfolgreichen Inhaber einer Werbeagentur die Wende brachte ...

Der weiche Waldboden ist noch nass vom Regen, feuchter Nebel steigt auf. Zaghaft brechen erste Sonnenstrahlen durch die Zweige, tauchen den Wald in ein geradezu mystisches Licht. Mit jedem Windstoß geht vom Blätterdach ein kleiner nasser Schauer auf die Wanderer nieder. Vom Hausacher Käppelehof – im Herzen des Schwarzwaldes – sind wir aufgestiegen und erreichen nach einer Viertelstunde die kleine Lichtung, wo für Elmar Langenbacher alles begann. Hier steht seit 1889 ein steinernes weißes Kreuz, das knapp 125 Jahre später für ihn der Ausgangspunkt war, neu auf sein Leben zu schauen. Unter dem Korpus Christi hält eine kleine Madonnenfigur, die Schmerzensmutter, den Kopf gesenkt und lenkt den Blick auf die ins Kreuz eingravierten Zeilen: „Blick auf o Mensch / zum Kreuzesstamm / Es stirbt für dich / Das Gotteslamm / bereue deine Sünden / Dann wirst du Gnade finden.“ Davor laden zwei Holzbänke mit Tisch Wanderer zur Rast – und zum Nachdenken ein.
 
Bis heute kehrt Elmar Langenbacher zu dem steinernen Kreuz zurück, das ihn neu auf sein Leben schauen ließ.
 
Zimmerer: Herr Langenbacher, wir befinden uns an einem für Sie bedeutenden Platz ...

Langenbacher: Schauen Sie mal das Licht an auf der Madonna. Es fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Das ist einfach ein ganz besonderer Ort. Wenn man von Wolfach kommend in Richtung Hausach läuft, taucht plötzlich dieses Kreuz auf. Als ich damals dachte, zum Bereuen meiner Sünden fehlt mir die Zeit, da traf so ein Lichtstrahl die Madonna. Kann das Zufall sein? In diesem Moment begriff ich, dass ich den Weg ernster nehmen muss. Gleich mehrere Begegnungen noch am selben Tage ließen mich fragen: Wie viel Zeit bleibt mir noch und was mache ich mit ihr?
 
 
Wie kamen Sie überhaupt auf den Kinzigtäler Jakobusweg?

Ich hatte das Glück, dass ein Geschäftsfeld meiner Werbeagentur der Tourismus war. Da gab es dann diesen Schicksalsauftrag: Schreib‘ eine Reportage über den Kinzigtäler Jakobusweg. Ich habe also nicht gesagt, ich gehe jetzt pilgern und suche die Erleuchtung. Es hat jemand anderes oder das Schicksal für mich in die Hand genommen. Ob ich sonst mein Leben geändert oder der Arbeitsdruck mich irgendwann umgebracht hätte, das ist Spekulation, aber die Wahrscheinlichkeit ist groß.
 

Zur Person
Elmar Langenbacher, Jahrgang 1967, ist in Hornberg im Schwarzwald geboren und aufgewachsen, „behütet vom großen Kastanienbaum auf dem Minigolfplatz der Eltern“. Der Platz ist für Langenbacher ein „Ort des Glücks“ und für die Familie der Beginn des sozialen Aufstiegs. Weil die Eltern viel arbeiten, kümmert sich die Oma um die insgesamt vier Geschwister und lehrt sie „die Werte der Natur“.  Als die Mutter plötzlich stirbt, ist Elmar Langenbacher gerade elf Jahre alt. Die Familie zieht nach Offenburg, wo Langenbacher die Schule abschließt. Er beginnt Grafik-Design zu studieren und eröffnet schon im Studium ein erstes Grafikbüro, das sich zu einer Werbe-Agentur weiterentwickelt. Schließlich ist Langenbacher als Inhaber in der ganzen Welt unterwegs – bis der Kinzigtäler Jakobusweg seinem Leben eine Wende gibt. Inzwischen hat er seine Werbe-Agentur in andere Hände übergeben und arbeitet als Buchautor und Geschichtenerzähler im Schwarzwald.



Unterwegs waren Sie, wie Sie es schreiben, als „Komfortpilger“ …

Als ich los bin, war ich ja ein „Werbefuzzi“, der im Goldenen Hirschen isst – und zwar jeden Tag. Der nicht auf die Idee gekommen wäre, im Wald zu schlafen oder in einer Herberge mit zehn anderen – das hieß also Wellnesshotel. Wenn ich schon leide, dann will ich auch belohnt werden. Aber unterwegs ist dann das Umdenken entstanden. Vor allem bei einer Etappe hoch auf den Berg, wo mir das Wasser ausgegangen war. Da war klar: Eigentlich bin ich jetzt nur für ein Wasser dankbar, da können die schönsten Weine im Keller stehen. Diese Erkenntnis wuchs mit jedem Tag mehr, an dem ich mich einließ auf die Stille und auf mich selbst.

Auch in Ihrem Buch über den Jakobusweg sprechen Sie ironisch über sich selbst als „Werbefuzzi“. Wie schauen Sie heute auf Ihr „altes Leben“ zurück?

Immer der Muschel nach ...

Quelle: Elmar Langenbacher Verlag, Jakob Wolber

Es war nicht alles schlecht, es war alles für etwas gut. Und was ich jetzt habe, könnte ich ohne diese Vergangenheit nicht schätzen. Als „Werbefuzzi“ habe ich viel Geld verdient, heute muss ich den Gürtel enger schnallen. Ich habe auch keine schlimmen Sachen gemacht, höchstens für Dinge geworben, die kein Mensch braucht. Gleichzeitig habe ich auf Kosten meiner Gesundheit gelebt. Als Leiter einer Werbeagentur kommt der Kopf nicht zur Ruhe. Ich habe 70 Stunden in der Woche gearbeitet. Das hatte seinen Preis und seine Früchte. Es bringt auch nichts, wenn ich mich heute darüber aufrege. Das ist auch eine Essenz des Pilgerns: im Hier und Jetzt sein. Dieses Licht, das auf dieses Kreuz fällt, das ist jetzt schön, in diesem Moment. 

Ihr Buch ist sehr persönlich. Sie schreiben etwa auch über den frühen Tod Ihrer Mutter. Ist Ihnen das schwergefallen?

Das Buch war – wie der Weg – auch Teil der Verarbeitung. Man kommt dann an den Punkt, wo man sich fragt: Ist das jetzt für die Öffentlichkeit gedacht? Aber man kann anderen Menschen nur helfen, den Weg selbst zu gehen, wenn man ehrlich ist. Es war eine bewusste Entscheidung, wirklich über alles zu schreiben, auch als Botschaft an Andere. Ich will kein Lehrer sein, aber wenn nur einer mir folgt, hat sich das Buch rentiert. Vielleicht kommt da der alte Pfadfinder wieder durch. Deren Gründer Robert Baden-Powell hat ja gesagt, die Welt ein bisschen besser verlassen, als man sie vorgefunden hat … 
 

Service
Kinzigtäler Jakobusweg
Start: Loßburg, Ziel: Kehl (Straßburg)

Viele Informationen, der Pilgerausweis und der Pilgerführer „Der originale Kinzigtäler Jakobusweg im Schwarzwald“ sind über die Homepage der Kinzigtäler Jakobusfreunde erhältlich: www.jakobusweg.com
 
Die Tourist-Information Gengenbach bietet Wandern ohne Gepäck auf dem Kinzigtäler Jakobusweg an. Das Pauschalangebot umfasst auch sechs Übernachtungen mit Frühstück. 

Mehr Infos: Tel. (0 78 03) 93 01 43 
oder auf der Homepage:
www.gengenbach.info

 
Sind Sie heute versöhnter mit Ihrer Vergangenheit?

Ja. Ich habe gemerkt, dass Verdrängung Kraft kostet und beruflicher Erfolg ist auch eine Art Verdrängung, wenn man nur noch arbeitet, um sich vor anderen Dingen zu schützen oder um sich nicht mit ihnen auseinandersetzen zu müssen. Das ist auf dem Weg und in der Zeit danach passiert. Das Päckchen wird leichter. Aber natürlich gehört auch Mut dazu, sich mit sich selbst zu beschäftigen und sein Leben zu ändern, den kann ich niemandem schenken.
 
Vom Hausacher Käppelehof (rechts) bietet sich eine herrliche Sicht über den Mittleren Schwarzwald.
Sind Sie eigentlich ein gläubiger Mensch?

Ich glaube, dass es etwas gibt, das auf uns Acht gibt, wenn wir offen sind und Vertrauen haben – in Gott, in die Schöpfung, in uns selbst. Was das ist, muss jeder für sich selbst herausfinden. Nehmen Sie das Schlusskapitel meines Buches, das von einem Gottesdienst im Straßburger Münster erzählt. In so gewaltigen Kirchen steckt natürlich auch „Marketing“ der Kirchen. Aber so ein Kirchenbesuch bewegt eben anders, als wenn ich am Sonntagmorgen das Frühstücksfernsehen anmache. Die Menschen gehen besonnener in den Tag, mit einem warmen, guten, ehrfürchtigen Gefühl. Auf dem Schwarzwaldhof, wo ich meine Bücher schreibe, hängt gleich am Eingang ein Kreuz, Christus mit der Dornenkrone. Es gemahnt mich, demütig zu sein – vor was auch immer.
 

Das Buch
 
Elmar Langenbacher, „Mein Licht. Meine Stille. Der Kinzigtäler Jakobusweg“, Elmar Langenbacher Verlag Hornberg, Neuauflage 2020, 304 Seiten, 18,20 Euro.
 


Kürzlich ist ihr neues Buch „Als Oma noch lebte. Eine Kindheit im Schwarzwald“ erschienen. Worum geht es da?

Kurz gefasst: die Einfachheit wiederzuentdecken. Oma hatte nicht viel, aber sie war zufrieden. Auch das gelingt auf dem Jakobusweg sehr gut, weil man hier die kleinen Dinge schätzen lernt, sich etwa über das Wasser freut, wenn es einem ausging oder darüber, wenn die Natur einem etwas schenkt.  Mit der Oma bin ich immer Brombeeren pflücken gegangen. Auf dem Jakobusweg saß ich einmal da, hatte Durst und es war heiß, auf einmal waren da Brombeeren und ich dachte: „Danke Oma, die hast du mir jetzt geschickt.“ Nachdem die Oma bei mir vor lauter Arbeiten zwanzig Jahre in Vergessenheit geraten war, kam sie mir so wieder ins Bewusstsein – und ins Herz. 
 
Auch die von Weinbergen umgebene Stadt Gengenbach zählt zu den schönsten Orten auf dem Kinzigtäler Jakobusweg

Haben Sie einmal darüber nachgedacht, bis Santiago, zum Grab des heiligen Jakobus zu pilgern?

Ich hatte mal überlegt, ob ich von Santiago aus nach Hause laufe, zu den Wurzeln. Dann kämen mir viele Menschen entgegen. Aber man merkt auch, wie das Pilgern zum Trend verkommt. Wenn es nur die Jagd nach Stempeln ist, geht es am Sinn vorbei. Gleichzeitig ist der Pilgerweg-Trend natürlich auch gut, um Menschen anzustoßen, Gott zu suchen, zur Schöpfung und zu sich selbst zu finden. Aber muss es ein berühmter Pilgerweg wie Santiago sein? Ein Waldspaziergang zu Hause kann denselben Effekt haben. Komm, zieh‘ die alten Wanderschuhe an, jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt …