Ein Stadtteil findet seine Mitte

04.11.2025 |

Die Wurzeln des Konstanzer Stadtteils Petershausen sind zerstört. Ein Verein um Wolfgang Müller-Fehrenbach will sie wieder sichtbar machen.

Es ist gar nicht so einfach, dass man mit Wolfgang Müller-Fehrenbach einen gemeinsamen Termin findet. „Da muss ich erst in meinen Kalender schauen“, sagt dieser gute Mann, 84 Jahre alt. Man sollte meinen, dass man im Status der Pension viel Zeit für alles und jeden hat. Aber das ist bei dem Rektor außer Diensten eben nicht der Fall. Er eilt von einer gedanklichen oder realen Baustelle zur nächsten. Und wenn ein Projekt mit einem kirchlichen Hintergrund und mit Festklängen abgeschlossen ist, dann öffnet er ein neues. Dieser Katholik weiß: Im geschichtsträchtigen Konstanz tut sich stets eine neue Aufgabe auf, wenn man nur die Bodenplatten aufhebt und zu graben beginnt. 
 
Das Portal des untergegangenen Klosters Petershausen wurde durch  ein Eisengestänge sichtbar gemacht.

Der ehemalige Chef der Geschwister-Scholl-Schule ist ein Netzwerker von hohen Gnaden. Wenn etwas nicht läuft, haut er das nächste Mail heraus, verschickt Dokumente, hellt Zusammenhänge auf. Er wurde in Konstanz geboren und beherrscht das dortige Seealemannisch, bringt dieses sogar in Gedichtform. Er ist zudem Kommunalpolitiker der CDU, für die er über 50 Jahre im Konstanzer  Gemeinderat saß. Freund und Feind zollen ihm Respekt. Meistens fallen dann Worte wie Verlässlichkeit und Beharrlichkeit, wenn von ihm die Rede ist. Beide Tugenden, manchen scheinen sie altmodisch, benötigt er auch, um sein aktuelles Projekt zu einem guten Ende zu bringen. Dieses Projekt ist etwas sperrig, da es um die Rekonstruktion einer Kirche geht, die es längst nicht mehr gibt  und die – auch das gehört zur Wahrheit – niemand vermisst. Die Rede ist von der ehemaligen Klosterkirche im Stadtteil Petershausen. Nach der Säkularisation verfiel das Gotteshaus, für Gottesdienste wurde es nach dem Ende der Abtei nicht genutzt. 1831 wurde der romanische Bau dann abgerissen. Zuvor hatten der Großherzog von Baden noch die Schmuckstücke entfernen und nach Karlsruhe bringen lassen. Das romanische Portal steht bis heute im Landesmuseum im Karlsruher Schloss als Schaustück – herausgerissen aus seinem Ort, aus dem Zusammenhang. Als „Kulturschande“ bezeichnet der Historiker Arno Borst diesen Vorgang in seinem Standardwerk „Mönche am Bodensee“.
 
Nachbildung der Wände als Erinnerung an das historische Zentrum

Dieser Zustand hat den rührigen Mann gewurmt. Wo früher die Kirche „Sancti Gregori Petri domus“ (St.-Gregor-Kirche und Haus des Petrus) stand, wuchert heute Rasen oder es wachsen Bäume, darunter eine riesige Birke. Die großherzoglichen Beamten hatten vom alten Kloster nur jene Gebäude stehen lassen, die sie brauchen konnten. Sie sind bis heute erhalten und dienen als Musikschule, Stadtarchiv, Landesmuseum. Nur die alte Kirche musste weichen. Ausgerechnet das Herzstück wurde zerstört, das abgeräumte Gelände verwaiste. Müller-Fehrenbach wird leidenschaftlich, wenn er an die rigorose Praxis der neuen und evangelischen Herrschaft denkt. Konstanz zählte bis dahin zu Vorderösterreich, war also katholisch, habsburgtreu und kulturell dem schwäbischen Raum verbunden. Über die Kommissare aus Karlsruhe staunten die Konstanzer damals nicht schlecht, zumal sie auch ganz anders redeten. 

Am Ende seiner profunden Erklärungen kommt er auf die Gegenwart zu sprechen: Müller-Fehrenbach will und kann das alte Gotteshaus nicht wiederaufbauen. Doch will er die Umrisse kenntlich machen. Bereits vor Jahren begann er mit dem Orgelbauverein mit diesem Projekt, das auch die Erzbischof-Hermann-Stiftung unterstützt. Es ist nun abgeschlossen. Umrisse und alte Steinfiguren sind durch ein Stahlgerüst nachgezeichnet. Das Portal wurde bereits 2018 aufgestellt. Damit war ein Anfang gesetzt. Jeder, der über den Platz schlendert und zur Bushaltestelle eilt, kommt an dieser Rekonstruktion vorbei. Deren Standort ist authentisch. Durch Grabungen und Vermessung wurden die Mauern der alten Klosterkirche exakt ermittelt. 

Auch die Mauern sollten durch eine Metallschiene angedeutet werden, was inzwischen geschehen ist. Nach acht Jahren, in denen entworfen, verworfen und gebaut wurde, ist es abgeschlossen. Doch wozu das Ganze? Noch gehen die Menschen achtlos vorbei. Kinder kommen vom Bus, laufen über das alte Kloster­areal und streben der Musikschule zu. Wer schaut sich das an? „Das kommt alles noch“, ist sich Müller-Fehrenbach sicher. Die Eisenschienen sind mit hölzernen Sitzbänken ausgestattet. Das sei ein Angebot zur Ruhe, sagt Müller-Fehrenbach. Er wünscht sich, dass dieses Areal zu dem wird, was es einst war: ein Treffpunkt, eine Sitzgelegenheit, ein Zentrum.     

Denn darum geht es dem Kulturpolitiker vor allem: Er will die Konstanzer an die architektonische Mitte des ehemaligen Stadtteils erinnern. Das Kloster, das dem heiligen Gregor und Petrus geweiht war, gab Petershausen den Namen. Der Stadtteil ist die Henne, das Kloster das Ei. „Petrihusa“, wie der Ort in Urkunden auf Mittelhochdeutsch heißt, war die Keimzelle und die Kirche der Urkeim. Die Aufwertung des vergessenen Platzes soll diese Zusammenhänge ins Bewusstsein rücken. Der „Lost Place“ soll zum Geschichtsort aufgewertet werden, so hofft er. Die pädagogische Absicht dahinter ist unverkennbar. Der Oberstudiendirektor a. D. legt sich auch dieses Mal voll ins Zeug. 
 
Treibende Kraft hinter dem Projekt „Petershusa“: Wolfgang Müller-Fehrenbach.
 
(Noch) benötigt man viel Fantasie, um sich die Kirche vorzustellen

Doch legt die Gegenwart auch hier ihr Veto ein. Das Aufstellen des rekonstruierten alten Portals war noch einfach; es benötigt nur wenige Quadratmeter an Platz, da sich das Gestänge nach oben streckt. Als heikler erweist sich die Markierung der Umrisse der alten Kirche. Dicke Eisenschienen machen deutlich, wo die Grundmauern der Abteikirche lagen. Doch wirkt der Platz als Ganzes, weil er noch begrünt ist. Bäume stehen innerhalb der Markierungen,  wildes Gras. Von manchem Heimkehrer wird das Gelände zur Notdurft benutzt. Der aktuelle Zustand ist keine Augenweide. Vor allem: Die Sichtbarmachung des mittelalterlichen Grundrisses wird dadurch massiv behindert. Man benötigt schon sehr viel Fantasie, um das Areal die Kirche vor dem inneren Auge auferstehen zu lassen.

Am einfachsten wäre die Rodung von Unkraut und der Bäume. Doch ist das im grün-liberal gestimmten Konstanz sehr schwierig. Bäume gelten in den Augen manches wohlmeinenden Bürgers  als heilig; selbst morsche Pappeln können in Konstanz nur gegen Widerstände gerodet werden, wie die Vergangenheit mehrfach gezeigt hat. Dem ehemaligen Stadtrat Müller-Fehrenbach wurde bereits signalisiert, dass die Entfernung des Wildwuchses aus diesem Grund schwierig werde. Am auffälligsten ist dabei eine stämmige Birke, die den mittelalterlichen Plan neuzeitlich radiert.  

Doch auch das bisher Erreichte kann sich sehen lassen. Der Platz erinnert aktuell an den Ursprung des größten Stadtteils von Konstanz, in dem sichtbar gemacht wird, was einst die spirituelle Mitte bildete. Petershausen gilt als Beginn des rechtsrheinischen Teils der alten Bischofsstadt. Während die Altstadt mit Bischofs­pfalz (in Flußrichtung gesehen) links des Rheines liegt, wuchs Konstanz später rechts des Rheines. Erst Siedlungen wie Petershausen haben das Wachstum der Gemeinde und später die Ansiedlung von Industrie möglich gemacht. 
 
Uli Fricker