Mit dem Herzenswunschwagen erfüllen die Malteser die letzten Wünsche von Sterbenden. Eine Geschichte über das Sterben, das Abschiednehmen und das Leben.
Lisa Schmitz und Felix Krieg bei einer Fahrt mit dem Herzenswunschwagen.
In dieser Geschichte geht es viel um das Sterben. Noch mehr geht es aber um das Lernen. Und um das Abschiednehmen. Um das würdige Abschiednehmen vom Leben, von den Dingen und Orten, die wir lieben, und vor allem von den Menschen, die wir lieben. Claudia Koch sitzt im Besprechungsraum in der Diözesangeschäftsstelle der Malteser in Freiburg. Die Sonne schickt erste Frühlingsstrahlen durch die Fenster. Wenn Claudia Koch vom Projekt Herzenswunschwagen erzählt, füllen sich die Augen manchmal mit Tränen. Manchmal strahlt man auch, weil es so schön ist, was sie erzählt. Weil es von Liebe geprägt ist. Von Freude. Von Trost. Aber auch von Schmerz. Und Leid. Dann spürt man, wie sich ein dicker Kloß im Hals bildet und sich die Augen wieder mit Tränen füllen.
Claudia Koch ist die ehrenamtliche Koordinatorin des Herzenswunschwagens des Malteser Hilfsdienstes für die Region Freiburg. Das ist ein besonderes Angebot für Menschen, die unheilbar krank sind. Mit dem Wagen, einem gut ausgestatteten Krankenwagen, der alles hat, um kranke Menschen – ob sitzend, liegend, mit Schmerzpumpen oder mit Beatmungsgerät – gut zu transportieren, können die Malteser die letzten Wünsche von Menschen erfüllen.
So wie jenen Wunsch für den sterbenskranken Fußballfan. Noch einmal wollte er ein Spiel seines heimischen Fußballclubs sehen. Mit dem Herzenswunschwagen wurde er zum Spiel gefahren. Der Wagen wurde an den Spielfeldrand gestellt, die Türen weit geöffnet und so schaute der Mann das Spiel an. „Das war wunderschön“, erinnert sich Claudia Koch. Der Stadionsprecher begrüßte ihn und die Malteser über den Lautsprecher. Viele der Zuschauer kamen daraufhin zum Wagen und plauderten mit dem Mann und seinen Angehörigen. Am Ende des Spiels kamen auch noch die Spieler der heimischen Mannschaft zu ihm. Es gab Bier und schließlich saßen sie auf dem Boden im Kreis vor dem Wagen, redeten, genossen die Sonne, das Bier und irgendwie auch noch einmal das Leben.
Für Claudia Koch war die Fahrt mit dem Fußballfan ihre erste Tour mit dem Herzenswunschwagen. Das Angebot der Malteser besteht dabei für die ganze Erzdiözese, finanziert durch Spenden. Alle Malteser, die mit dabei sind, machen die Fahrten ehrenamtlich. Die Anfragen gehen bei Matthias Ungermann in der Diözesanstelle der Malteser in Freiburg ein. Er leitet sie dann weiter an die jeweiligen Verantwortlichen in den verschiedenen Regionen. Für den Bereich Freiburg bis Basel ist das Claudia Koch.
Ein Foto von einer Fahrt, bei der ein Mann noch einmal ein Spiel seines heimischen Fußbalklubs sehen wollte.
Bis heute hat sie knapp über zehn Fahrten selbst mit begleitet, viele mehr organisiert. Immer zu zweit sind die Malteser bei einer Fahrt. Das Engagement und die Erlebnisse haben die gläubige Christin verändert. „Ich habe einen anderen Blick auf das Sterben und den Tod gewonnen.“ Und dann sagt sie nach einer kurzen Pause noch: „Und vor allem auf das Leben.“ Und dann formuliert sie es noch so: „Der Tod ist mir im Leben.“ Dankbarer sei sie für die vielen kleinen Dinge, feinfühliger, demütiger, zufriedener.
Was wünscht man sich eigentlich, wenn der Tod naht?
Aber was wünscht man sich eigentlich, wenn der Tod naht? „Man denkt immer, es sind die großen Wünsche, die die Menschen am Ende haben. Beispielsweise noch einmal das Meer sehen oder Ähnliches, aber so ist es nicht“, sagt Claudia Koch. Fast immer sind es die kleinen Wünsche. Noch einmal den eigenen Garten sehen, den eigenen Hund streicheln, im Wald sein, den Kölner Dom bewundern, die geliebte Kapelle in der Eifel besuchen, die Füße noch einmal im Wasser eines Sees baden, bei der Einschulung des Sohnes dabei sein. Dinge, die eben nicht mehr möglich sind, wenn man auf der Palliativstation liegt oder im Hospiz ist. Viele Wünsche sind sogar noch kleiner: noch ein letztes Mal den eigenen Mann oder die eigene Mutter sehen. Auch das ist manchmal nicht mehr möglich, wenn der Ehepartner selbst schon pflegebedürftig und bettlägerig ist oder die Mutter weit entfernt lebt.
Ein letztes Mal. Dieser Gedanke schwebt bei den Fahrten immer mit. Das letzte Mal, dass jemand bei der Fahrt die blühende Natur an sich vorbeiziehen sieht. Ein letztes Mal, dass die Mutter mit ihrer geliebten Familie einen gemeinsamen Ausflug erlebt. Das tut weh. Unfassbar weh. So, dass es im Innern schmerzt und Tränen fließen. Auch bei den Maltesern. Aber es ist auch schön. Denn noch ist es nicht vorbei. Noch wird einmal gelebt. Noch ist man einmal zusammen. „Viele der Leute lachen, wenn wir unterwegs sind, freuen sich, sind glücklich und genießen den Tag“, erzählt Claudia Koch. „Die blühen oft richtig auf.“ Auch bei der Fahrt mit Mutter und Tochter geschah das. Die Tochter hatte sich für ihre sterbenskranke Mutter an die Malteser gewandt, um ihr den Wunsch zu erfüllen, noch einmal an den See zu fahren, die Füße im Wasser zu haben. „Die hatten so ein tolles Verhältnis miteinander, das war so von Liebe geprägt“, erinnert sich Claudia Koch, die auch schon Fahrten zusammen mit ihrer Tochter begleitet hat. Irgendwann bekam die Frau großen Appetit auf einen Hamburger. Später saßen alle zusammen und aßen Burger von einer Fastfoodkette, die die Malteser kurzerhand geholt hatten. Leben, so einfach und banal wie es manchmal ist. Noch einmal. Ohnehin, nochmals ein Picknick zusammen, nochmals zusammen essen, nochmals sozusagen Abendmahl halten, das kommt in vielen der Erzählungen von Claudia Koch vor.
Bei den Fahrten des Herzenswunschwagens wird auch viel gelacht. Nochmal einen Tag voller Freude am See erlebten Mutter und Tochter. Später eine tröstende Erinnerung.
„Nach einer Fahrt brauche ich mindestens zwei Tage Ruhe“
„Alles ist erlaubt, alles darf sein bei den Fahrten“, betont sie auch. So wurde nicht nur Hamburger gegessen, sondern bei der Fahrt zwischen den Gästen (so werden die kranken Menschen und ihre Angehörigen respektvoll bei den Maltesern genannt) auch schon witzelnd über die Beerdigung gesprochen. In dieser für die Personen und ihre Angehörigen so schweren Zeit, die von Nöten, Ängsten, Trauer und Schmerzen, emotional und körperlich, geprägt sind, sind diese Fahrten kleine Oasen. In denen Kraft geschöpft und Trost erlebt wird. „Dieses Erlebnis hat uns in der Trauer nach dem Tod getragen“, sagen viele der Angehörigen später zu Claudia Koch. Das gemeinsame Erlebnis wird zur schönen Erinnerung, die die Lücke des Schmerzes ein bisschen füllt. Auch deshalb sagen die Malteser immer zu den Menschen: „Ihr kümmert euch um euch und wir machen gerne Bilder für sie, wenn sie möchten“. Für die Trauerarbeit der Hinterbliebenen sind die Bilder später ein großer Schatz.
Natürlich: Die Fahrten kosten auch die Malteser viel Kraft. „Nach einer Fahrt brauche ich mindestens zwei Tage Ruhe“, sagt Koch, die von Haus aus Ingenieurin ist und heute als Karrierecoach arbeitet. „Uns gehen diese Fahrten sehr nah.“ Ihr und den anderen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern kommt, neben der Versorgung der kranken Person, auch eine weitere wichtige Funktion zu: „Wir tragen das irgendwie auch seelisch für alle mit, sind in dieser schweren Situation so etwas wie Stützpfeiler“, sagt Claudia Koch. „Die haben ja schon so viel Gepäck zu tragen, da wollen wir es ihnen so leicht wie möglich machen.“ Bei einer Fahrt spürte Claudia Koch mal, wie zwischen den Angehörigen noch vieles unbesprochen war und so gut wie nicht miteinander geredet wurde. Auch wenn sie sich auf ihren Fahrten und in ihrem Leben von Gott getragen fühlt und sich im Frieden mit ihm fühlt („Was nicht heißt, dass ich zu anderen Zeiten manchmal nicht zweifle oder auch etwas anklage“), diese Fahrt hat Claudia Koch lange nicht losgelassen.
Die Malteser vor dem Herzenswunschwagen. Links hinten Claudia Koch, vorne Felix Krieg mit Lena Schmitz.
Worauf sie beim Herzenswunsch-wagen besonders stolz ist: Viele der Malteser, die beim Projekt mitmachen, sind noch sehr jung. So wie Lena Schmitz und Felix Krieg, sie 20 Jahre alt, er 21. Sie haben sich bei ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr bei den Maltesern kennengelernt. Mittlerweile sind sie ein Paar, beide arbeiten fest bei den Maltesern, sie macht gerade eine Ausbildung zur Notfallsanitäterin. Die beiden waren schon bei zwei Fahrten des Herzenswunschwagen mit dabei. Diese Fahrten und auch ihre tägliche Arbeit, in der das Leid, das Sterben und der Tod dazugehören, haben beide verändert. „Man reift sehr und bekommt eine andere Sicht auf das Leben“, sagt Felix Krieg und Lena Schmitz ergänzt: „Man setzt sich auch mehr mit dem Tod auseinander, wir Menschen schieben den ja gerne von uns weg.“ Sie hat die Fahrten mit dem Herzenswunschwagen als etwas ganz Besonderes erlebt. „Da herrscht eine ganz besondere Atmosphäre und die Menschen sind total dankbar.“ Aber für beide ist auch klar, dass sie solche Fahrten auch nicht sehr oft machen können, dafür ist die Belastung einfach zu groß.
Noch einmal Abschied nehmen, dann kann ich loslassen
Dass die beiden die Fahrten als Paar machen können, ist eine große Hilfe. So wissen sie immer eine emotionale Stütze mit sich. Und im Nachhinein können sie über das Erlebte und über die Schicksale der Menschen besser reden. „Das Sprechen darüber ist der Schlüssel“, betont auch Claudia Koch. „Das ist bei den Maltesern aber wirklich super, weil hier gibt es immer jemand, mit dem das möglich ist“, erklärt Lena Schmitz. Von ihrem Vater hat sie noch eine weitere Praxis gelernt, die ihr ebenfalls hilft. „Wenn mich etwas lange beschäftigt, dann zünde ich nach einer gewissen Zeit eine Kerze an und sage mir, das gebe ich jetzt ab.“ Das hilft.
Kommt eine Anfrage bei Matthias Ungermann in der Diözesanstelle rein, muss es meistens sehr schnell gehen. Manchmal liegen keine 24 Stunden zwischen Anfrage und Realisierung der Fahrt. Zusammen werden die Anfragen zunächst geprüft, ob sie umsetzbar sind, was fast immer geschieht, und dann meldet sich Claudia Koch bei den Angehörigen. „Hallo, hier ist Claudia Koch vom Herzenswunschwagen der Malteser. Sie haben eine Anfrage …“
„Die Menschen sind dann immer so glücklich und dankbar“, sagt Claudia Koch. Für sie beginnen dann meistens stressige Stunden oder Tage. Viele Dokumente und Formulare müssen ausgefüllt und hin- und hergeschickt werden, damit rechtlich alles abgesichert ist, die ehrenamtlichen Helfer bei den Maltesern müssen organisiert werden, je nach Wunsch müssen die Gegebenheiten vor Ort geklärt werden und vieles, vieles mehr.
Aber auch bei der besten Vorbereitung können sich die Dinge manchmal noch ändern. So wie bei dem Mann, dessen Wunsch es war, seine pflegebedürftige Frau noch einmal zu sehen. Da bekam Claudia Koch kurz vor der Fahrt den Anruf aus dem Hospiz. Der Mann habe sich mittlerweile in den Sterbeprozess begeben. Allein das Wissen darum, seine Frau noch einmal sehen zu können, habe ihm die Möglichkeit gegeben, vom Leben loszulassen. Bei einer anderen Fahrt wollte sich ein älteres Paar ebenfalls noch einmal sehen. Beide standen kurz vor dem Sterben, waren aber an unterschiedlichen Orten. Der Herzenswunschwagen brachte sie noch einmal zusammen. Claudia Koch legte die beiden Hände des Mannes und der Frau, die beide auf Liegen lagen, ineinander … Noch einmal Abschied nehmen, dann kann ich loslassen und den anderen ziehen lassen, auch das geschieht durch den Herzenswunschwagen.
„Ich empfinde das als Ehre, dass wir beim Herzenswunschwagen das Ende eines Menschen mitgestalten und begleiten dürfen“, sagt Claudia Koch und erzählt noch von einer anderen Fahrt. Mit dem Herzenswunschwagen brachten sie einen unheilbar kranken Mann nach Frankreich, damit er dort seine Mutter noch einmal sehen konnte. Vor der Rückfahrt erlebte Claudia Koch dann einen der schmerzvollsten Momente. Beim Abschied stand seine Mutter noch draußen, ihr Sohn lag wieder im Wagen. Claudia Koch musste dann die beiden hinteren Türen des Wagens schließen. „Das war schlimm, weil es sich so anfühlte, als ob ich diesen Abschied mit dem Schließen der Tür endgültig machte.“
Doch eine Geschichte über den Herzenswunschwagen muss mit einer schönen Erinnerung enden. So wie jene bei der Fahrt mit dem Fußballfan. Schon seit Tagen konnte der Mann nichts mehr essen, aber als er dann bei dem Spiel war, hatte er noch einmal Lust auf eine Currywurst, die er mit Genuss aß. Eine Erinnerung, die Claudia Koch strahlen lässt, wenn sie davon erzählt.