Die Fotografin Andrea Fabry hat über 40 Frauen porträtiert und mit ihnen Gespräche über das Leben und den Tod geführt. Für sie ein „Herzensprojekt“. Herausgekommen ist so eine eindringliche multimediale Ausstellung, die in Karlsruhe zu sehen sein wird.
Fotokünstlerin Andrea Fabry mit ihren Porträts in St. Stephan.
„Also, ich möchte nicht alt werden“, sagt Doris Lott. Die Autorin ist 84 Jahre alt. „Ich fürchte mich davor, ein Pflegefall zu werden und das wäre gegen meine Natur, die die Freiheit will und die Unabhängigkeit“, sagt sie. „Ich bin eben satt, obwohl ich mich für das Leben interessiere und auch für das, was passiert. Aber wenn der Tod heute käme, dann wäre ich einverstanden.“
Annette Postel ist 55. „Ich möchte alt werden und würde gern noch vieles erleben“, sagt die Chansonsängerin, Entertainerin und Musikkabarettistin. „Angst vor dem Tod habe ich nicht. Der Tod selbst ist für mich ein Vergehen, vielleicht wieder ein Eingehen in die Natur.“ „Ich bin gesegnet mit Energie“, sagt die 66-jährige Heidrun Händle. „Das Leben hat mich bereichert, inspiriert, mir immer wieder neue Aufgaben gestellt, wenig Sorgen bereitet, wenig Leid. Ich lebe mit großer Zuversicht auf dieser Welt.“ Es sind solche Aussagen über das Leben und den Tod, die die Fotografin Andrea Fabry in einem bemerkenswerten Projekt zusammengetragen hat. „Guten Tag du Schöne“ ist ihr multimediales Kunstprojekt überschrieben.
„Ich mag die Begegnung mit Menschen“, sagt Andrea Fabry. Sie sitzt in einem Café in Karlsruhe. Von ihrem Fensterplatz aus hat sie einen wunderbaren Blick auf die Kirche St. Stephan, wo die multimediale Ausstellung vom 9. bis zum 11. November zu sehen sein wird. Auch aus dieser Freude am sich begegnen, sich kennenzulernen, ist ihr besonderes Kunstprojekt entstanden. Wenn Andrea Fabry davon spricht, dann spürt man ihre Begeisterung für das Projekt in jedem Wort. Oder genauer gesagt, in der Begeisterung für die Protagonistinnen ihres Projekts. Das sind 40 Frauen im Alter zwischen 15 bis 90 Jahren. Mit allen hat sie ein Gespräch geführt. Acht Fragen hat sie ihnen gestellt. Vier über das Leben, vier über das Sterben und den Tod. Zudem hat sie ein Porträtfoto von ihnen gemacht. Ganz reduziert. Weißer Hintergrund. „Ich wollte nichts, das von der Person ablenken könnte, der Blick soll nur auf den Menschen gehen“, sagt sie.
„Ich freu mich auch auf meinen Tod. Mein Verhältnis zum Tod ist ein gutes Verhältnis. Ja, ich stell mir ein Leben danach vor. Ich bin eine gläubige Katholikin.“ Doris Lott, 84, Autorin
„Ich lebe mit großer Zuversicht auf dieser Welt. Meine Energie ist gefühlt nicht weniger geworden, je älter ich werde. Es gibt weniger Irrwege oder Ablenkungen.“ Heidrun Händle, 66, Rentnerin
Diese Bilder entfalten nun eine besondere Wirkung im Zusammenspiel mit den Aussagen der Frauen, die neben den Porträts als Textcollagen mit abgebildet sind. Die Reduziertheit steckt nicht nur in den Fotografien. Auch in den kurzen Textpassagen befindet sich viel mehr als die wenigen Zeilen vermuten lassen. Hinter ihnen stecken zum einen ganze Biografien und ein lebenslanges Lernen, und gleichzeitig wunderbare Betrachtungen und Reflektionen über das Leben.
„Auch wenn es auch viel um das Sterben und den Tod geht, ist es eine Hommage an das Leben“, sagt Andrea Fabry. Sie ist vor allem begeistert von der Kraft, die sich in den Aussagen und Biografien der Frauen verbergen. Aussagen wie die der 60-jährigen Ute Risché: „Ich habe meinem Krebs auch einen Brief geschrieben. Das machen ja viele. Ich habe geschrieben: ‚Sehr geehrtes Arschloch ...“. Und habe ihn dann beschimpft. Und habe gemerkt, wenn ich ihn beschimpfe, dass das Lebensgeister in mir weckt.“
„Der Tod ist für mich ein Übergang, alles wird gut“
50 Frauen hatte Andrea Fabry angeschrieben. 43 sagten: „Ja, ich mache mit.“ Eine bemerkenswerte Quote bei so einem sensiblen Thema. Denn wer spricht schon gerne in der Öffentlichkeit über seine Ängste, seine Visionen, sein Sterben. „Ich vertraue dir“, haben die Frauen damit Andrea Fabry gesagt.
So unterschiedlich die Biografien der Frauen sind, einige Themen finden sich bei vielen von ihnen: Wie die Eltern sie geprägt haben, wie sie Angst vor dem Verlust der Selbstständigkeit im Alter haben, oder dass sie sterben wollen, ohne lange darniederliegen zu müssen. Andrea Fabry wünscht sich, dass die Besucherinnen und Besucher beim Besuch der Ausstellung zur Selbstreflexion eingeladen werden. Sorgen machen braucht sie sich da eigentlich nicht, denn Sätze wie die von Christiane Dietz wirken ganz automatisch, wenn man die Person dann auch noch groß auf einem Foto sieht. „Der Tod ist für mich ein Übergang. Ich glaube fest daran, dass dann noch etwas kommt. Das, was mich erwartet ist Liebe, Frieden, Schmerzfreiheit (…) Alles wird gut. Ich darf in Gottes Nähe sein.“
Die meisten der Frauen hat Andrea Fabry zu Hause besucht. Schon nach dem dritten Gespräch war der Fotografin klar. „Ich muss die auch filmen“, so begeistert war sie von der Mimik und Gestik ihrer Protagonistinnen. So begann sie, die Antworten und Aussagen der Frauen auch zu filmen. Diese Aufnahmen werden nun in einer Videocollage in die Kuppel der klassizistischen Säulenhallenkirche projiziert. „Das hat doch etwas Himmlisches, wenn die Visionen, Ängste und die Liebe der Frauen in die Kuppel emporkommen“, sagt Fabry.
Aber nicht nur das erwartet Besucherinnen und Besucher bei der Ausstellung. Die Tochter von Andrea Fabry, die Künstlerin Pauline Fabry, wird jeden Abend zu Beginn der multimedialen Ausstellung ein Meteoriten-Gong-Konzert spielen. Die junge Künstlerin baut die Gongs selbst und verwendet dabei unter anderem auch Meteoritenstaub. „Der Kirchenraum wird durch die Meteoriten-Gongklänge geflutet“, erklärt Andrea Fabry und blickt vom Fenster des Cafés auf St. Stephan.
Daniel Gerber
Info
Die Ausstellung „Guten Tag du Schöne“ von Andrea Fabry mit einem Meteoriten-Gong-Konzert von Pauline Fabry ist vom 8. bis 10. November in der Kirche St. Stephan in Karlsruhe zu sehen und hören. Freitag und Samstag ab 19 Uhr, sonntags ab 14.30 Uhr.