„Gott sieht Dich, auch wenn Du nur ein Bettler bist“

09.04.2024 |

Tanja Kinkel hat sich zum Jubiläum der Reichenau intensiv mit der 1300-jährigen Geschichte der Klosterinsel befasst. Im Gespräch mit Klaus Gaßner stellt sie sympathische und düstere Äbte vor, spricht über einen genialen Denker und über brutale Streitigkeiten. Und über Botschaften, die die Jahrhunderte überdauern ...

Tanja Kinkel ist eine der erfolgreichsten deutschen Schriftstellerinnen. Für das Jubiläum der Reichenau hat sich die gebürtige Bambergerin tief in die Geschichte der Klosterinsel eingelesen. 
 
Frau Kinkel, in Ihren Romanen schildern Sie oft starke Charaktere: Welche Personen in der Reichenauer Geschichte haben Sie denn besonders beeindruckt?
Tanja Kinkel: Da muss ich zuallererst natürlich Hermann Contractus nennen, den körperlich schwer beeinträchtigten Mönch, dessen Geist so genial war, dass er gerne als Stephen Hawking des Mittelalters bezeichnet wird. Er ist ein Mensch, der so viel in seinem eigenen Körper gegen sich hatte, dabei zu einer außergewöhnlichen intellektuellen Brillanz imstande war, aber auch zu großer Menschlichkeit. Bei der Lektüre seiner großen „Weltchronik“ hat mich angerührt, dass es immer wieder Hinweise auf seine Familie gegeben hat. Und speziell auf seine Mutter, er hat sogar angemerkt, dass er einst neben ihr beerdigt sein möchte. Auch das macht ihn zu einer Gestalt, die über die Jahrhunderte zu uns spricht.

Dass ein  Mensch mit einer so schweren Behinderung überhaupt die Chance hatte, so zu brillieren, ist ja durchaus außergewöhnlich …
… in der Tat, es ist sicher der Aufmerksamkeit von Abt Berno zu verdanken, dass er die besonderen Anlagen Hermanns früh erkannte und förderte. Leicht hätte es anders ausgehen können, zumal Hermanns Vater zu jenen Adligen am Bodensee gehörte, die zuvor in einer Art Dauerfehde mit dem Kloster lagen. Es hätte sein können, dass sich die Eltern wegen der Behinderungen des Sohnes geschämt und ihn deshalb vernachlässigt hätten. Aber nein, es kam dazu, dass Hermann als Kind dem Kloster übergeben wurde und dort die Chance hatte, menschlich und intellektuell aufzublühen. Abt Berno war sicher eine der sympathischen Gestalten unter den Äbten der Reichenau.

Es gab auch unsympathische?
Ja, natürlich, durchaus. Ich denke an Markus von Knöringen, der sich von seinem adligen Mitbruder Januarius zum Abt „wählen“ ließ – die beiden versteiften sich darauf, nur sie, und nicht etwa die „bürgerlichen“ Mönche seien abstimmungsberechtigt –, und sich dann nicht nur ein, sondern zweimal dafür große Summen bezahlen ließ, von diesem „Recht“ zurückzutreten, und einen Nichtadligen als Abt zu akzeptieren. Als er das zum dritten – und letzten Mal tat, sabotierte er in seiner „Amtszeit“ nicht nur wichtige vorherige Reformen, sondern verschacherte das Kloster dann auch noch an den Bischof von Konstanz und ist letztendlich sogar mit dem Silber abgehauen. Er gehört zu den düsteren Gestalten. Umso mehr leuchtet die Person des Priors Georg Dietz hervor, der sich in derselben Zeit nicht von seinem Einsatz für das Kloster und die Mönche abbringen ließ und seinem christlichen Ideal folgte. Er hat wie Don Quichotte gegen Windmühlen gekämpft, aufopferungsvoll, obwohl alles schon verloren war.

Frau Kinkel, Sie leben in Bamberg und München, sind in recht kurzer Zeit zu einer außergewöhnlich guten Kennerin der Reichenau-Geschichte geworden. Wie haben Sie das geschafft?
Professor Köhne, der Direktor des Badischen Landesmuseums, hatte mich angefragt, ob ich mir vorstellen könnte, zum Jubiläum der Reichenau die Klostergeschichte schriftstellerisch zu bearbeiten. Ich ließ mich recht schnell faszinieren. Und dann habe ich gelesen: monatelang. Dokumente, Chroniken. Besonders gefallen hat mir die Chronik, die Gallus Oehem verfasst hat. Auch er ist eine spannende Gestalt: Sohn einer Hörigen, also einer unfreien Frau. Vielleicht ist die Herkunft aus sehr einfachen Verhältnissen der Grund, warum er die Klostergeschichte auf Deutsch verfasste, weil er möglichst viele Menschen erreichen wollte.
 
 
 Ihre Rechercheergebnisse hat Tanja Kinkel mit anderen Schriftstellerinnen geteilt und gemeinsam entstand das Buch „Reichenau – Insel der Geheimnisse“ – eine Sammlung von Kurzgeschichten. In Zusammenarbeit mit dem Badischen Landesmuseum hat Tanja Kinkel auch Texte für einen Audioguide erstellt, mit dem Besucher an verschiedenen Stellen der Insel in die Vergangenheit eintauchen können. In kurzen Dialogen werden Szenen aus der Klostergeschichte lebendig. Tanja Kinkel erhielt diverse Literaturpreise und internationale Stipendien. Mehrere ihrer Romane wurden verfilmt, viele in mehr als ein dutzend Sprachen übersetzt. 
 
Tanja Kinkel und andere Autorinnen erzählen in dem Buch auf Basis wahrer Begebenheiten von Äbten und Mönchen, Weinbauern und Fischern, Kaiserinnen und Nonnen, die ihre Spuren auf der Insel hinterlassen haben.
 
Tanja Kinkel u. a., „Reichenau. Insel der Geheimnisse. Historische Geschichten aus 1300 Jahren“, Bonifatius Verlag, 2024, 224 Seiten, 18 Euro. 

 
 
Viele Ihrer Bücher haben es in die Bestsellerlisten geschafft. Ihr Erfolg ist, dass Sie akribische Kenntnisse der Geschichte mit erzählerischer Kraft verbinden. Wie entstehen Ihre Ideen?
Wenn ich viel gelesen habe, mache ich oft auch lange Pausen. Die Ideen entstanden dann bei Spaziergängen, ich gehe sehr gerne spazieren. Entweder an der Isar. Aber ich war natürlich auch auf der Insel Reichenau. Es ist ja auch so: Manche Personen sind menschlich faszinierend, andere einfach schriftstellerisch ergiebig. Und wieder andere erzählen sich sozusagen von allein: etwa die Geschichte einer Auseinandersetzung wegen eines Streits um Fischereirechte im 15. Jahrhundert. In deren Zuge hatte der Cellerar des Klosters einen Fischer aus Konstanz bestraft, indem er ihn blenden ließ. Das empörte die Bürger von Konstanz so sehr, dass sie übersetzten und die Burg des Abtes abfackelten. Heute stehen an der Stelle der Insel noch ein paar Ruinen, gleich rechts nach dem Damm. 

Was hat Ihnen bei Ihrem ersten Besuch auf der Insel am besten gefallen?
Es war im November, damals war alles recht trübe und neblig, was der Insel einen besonderen Reiz gab. Das gegenüberliegende Ufer war kaum zu erkennen. Für meine von Bildern aus der Geschichte geprägte Vorstellung war das vielleicht der ideale Monat. 
Beeindruckend fand ich die Architektur aus der karolingischen Zeit. Und natürlich die Fresken in St. Georg, die ich zwar von Bildern kannte. Aber sie real zu sehen, das ist natürlich etwas völlig anderes. 

Die Klosterinsel steht als „herausragendes Zeugnis der religiösen und kulturellen Rolle eines Klosters auf der UNESCO-Welterbe-Liste, die Reichenauer Handschriften zählen zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Wie drückte sich damals die Strahlkraft aus?
Dass Walahfrid Strabo in der Loire ertrank, ist kein Zufall. Die Mönche waren damals europaweit unterwegs, sie waren im besten Sinne Europapolitiker. Reichenau hatte, in den Grenzen jener Zeit gedacht, Weltgeltung, die Bedeutung der Insel war gigantisch. Dass Hermann Contractus eine „Weltchronik“ verfasste, zeigt ja auch den eigenen Anspruch, von der Insel aus die ganze Weltgeschichte zu verstehen und sie vermitteln zu wollen. Mehr noch: Hermann war entscheidend verantwortlich, dass sich die christliche Zeitrechnung durchgesetzt hat. Das war eine ungeheure Leistung, mussten doch die antiken Zeitrechnungen in Einklang gebracht werden mit den Angaben aus den Evangelien. 
 
Für Strahlkraft sorgte natürlich auch die Klosterschule der Reichenau. Viele, die dort ihre Ausbildung durchlaufen hatten, prägten später andere Landstriche. Etwa Meinrad, der dann Sankt Gallen gründete …
… genau. Zwischen den Klöstern entstand übrigens eine große Rivalität. Die lässt sich in den Auseinandersetzungen des Hochmittelalters um die Vorherrschaft zwischen Kaiser und Papst ablesen: Damals stand Sankt Gallen auf der Seite des Kaisers, das Reichenauer Kloster an der Seite des Papstes. Die Rivalität trägt aber auch kuriose Züge, wie eine alte Anekdote beleuchtet. So behaupteten die Mönche von Sankt Gallen, im Januar bereits Morcheln zu haben, die Reichenauer hielten dagegen, dass sie Fische in der Größe eines Walfischs besäßen. Einmal sandten laut einer Legende die Sankt Gallener Morcheln im Januar auf die Insel und verlangten, die Gräten der Gigantofische zu sehen. Sie sehen, auch Humor gehört zum Christenalltag und hat seinen Niederschlag in den Klosterannalen gefunden. Und wichtig: Es wird mit den Mönchen und nicht über die Mönche geschmunzelt.
 
 
 
Die Klostergeschichte offenbart ein Auf und Nieder in der Entwicklung.
Das ist so. Das Kloster hatte eine überwältigende Bedeutung im hohen Mittelalter. Die machtvolle Stellung führte aber nicht nur zu einer spirituellen Stärkung, sondern ließ auch politische und wirtschaftliche Ansprüche wachsen. Hatto III. war sicher der mächtigste aller Äbte, er war Regent des Heiligen Römischen Reichs für den Kinderkaiser Ludwig IV. Mächtiger geht es nicht. Das war der absolute Höhepunkt der weltlichen Macht der Reichenau. Hatto brachte das Schädelstück des heiligen Georg auf die Reichenau und ließ Oberzell erweitern, um dort die Reliquie aufbewahren zu lassen. Aber ich lasse ihn in meiner Geschichte sich selbst fragen: „War es gut für mich und für die Abtei, dass ich und wir so mächtig geworden sind? Was bedeutet das für mich als Priester, dass ich Heere angeführt habe und dass ich Menschen habe hinrichten lassen: Andererseits: Was wäre aus dem Reich geworden, wenn ich es nicht gemacht hätte?“ So habe ich mich bemüht, Hatto vielschichtig zu schildern. Sein Beispiel zeigt: Geschichte ist grau – nie schwarz oder weiß.

Und wie lässt sich der Niedergang des Klosters erklären?
Als das Amt des Abtes nur noch an Adlige verliehen werden durfte, begann eine langsame Zeit des Niedergangs, durchbrochen immer wieder durch Reformbemühungen, die jedoch den Prozess nicht aufhalten konnten. Freilich veränderten sich auch wirtschaftliche und soziale Verhältnisse, dann kam mit der Reformation noch eine andere Herausforderung auf die kirchlichen Strukturen zu. Deutlich wird in der Klostergeschichte auch, wie entscheidend Wohl und Wehe des Klosters für die Bauern in den Siedlungen rund um den Bodensee waren. Und zum Niedergang gehören auch andere düstere Episoden: Gegenüber dem Hortulus von Walahfrid Strabo, der dort Heilkräuter kultivierte, stand das Spital des Klosters. Dort gab es viele segensreiche Heilungen, aber dort hauchte auch ein Abt sein Leben aus, der vergiftet worden war ...

Gibt es für Sie Lehren oder Botschaften, die Sie aus der Beschäftigung mit der Reichenauer Geschichte gezogen haben?
Mir hat schon imponiert, dass ich immer wieder auf Menschen gestoßen bin, die nicht aufgegeben haben. Die nicht die Hände in den Schoß gelegt haben, obwohl die Widerstände riesengroß waren. Es gibt ja auch heute Menschen, die sagen: „Lohnt sich eh nicht, alles geht bergab …“ Aber geht es uns heute nicht verdammt gut, verglichen mit den Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, die das Ende der Welt als Gewissheit empfunden haben und um ihre Existenz fast ständig bangen mussten? 

Sie sind aufgewachsen in Bamberg, gingen unweit des Doms zur Schule – und sind noch heute ihrer Geburtsstadt eng verbunden. Es gibt aber auch eine Verbindung von Bamberg zur Reichenau?
Das Bamberger Evangeliar ist ein Hauptwerk der Buchmalerei, es entstand um das Jahr 1000 auf der Reichenau. Da Bamberg 2024 das 1000. Todesjahr von Kaiser Heinrich II. feiert, wird das Evangeliar in Bamberg ausgestellt und kann leider nicht bei der Landesausstellung zur Reichenau gezeigt werden. 

Wie lautet Ihr Tipp für alle, die in diesem Jahr die Reichenau besuchen?
Auf jeden Fall muss man die wunderschönen Fresken in St. Georg in Ruhe auf sich wirken lassen. Mit ihnen wollten die Mönche ja ihre tiefe Überzeugung ausdrücken und sie denen vermitteln, die nicht lesen können. Den Menschen, die selbst nur eine kurze Zeitspanne lebten, gelang es, Menschen noch Jahrhunderte später anzusprechen. Das ist doch höchst faszinierend! Noch heute geben die Darstellungen der Heilungen das Versprechen: Gott sieht dich, auch wenn du kein Kaiser bist, sondern nur ein Bettler.