Wenn Kirche und Kunst sich neu begegnen

20.02.2024 |

Die Installation „BerührungsMomente“ in der frisch sanierten Stiftskirche Baden-Baden eröffnet ungewohnte Perspektiven. Dazu setzen die Kunstschaffenden Matthias Koffler und Anja Schwarz-Düser verspiegelte Figuren und inspirierende Texte ein.

Verspiegelte Figuren bilden sich wechselseitig ab und nehmen architektonische Elemente des Kirchenraums auf.
 
Beim Aschermittwoch der Künstlerinnen und Künstler treten Kirche und Kunst in einen Dialog auf Augenhöhe. Besucherinnen und Besucher der Stiftskirche in Baden-Baden dürften den Blick in diesen Tagen allerdings zuerst nach oben richten – auf die schwebenden verspiegelten Silhouetten, die sich sanft im Luftzug drehen und dabei Elemente des Kirchenraums aufnehmen: die farbigen Glasfenster mit Marienzyklus, die Orgel mit Strahlenmadonna.

Die in der Baden-Badener Altstadt gelegene katholische Stiftskirche Liebfrauen, 987 erstmals urkundlich erwähnt, vereint in ihrer Architektur Romanik, Gotik und Barock. Nach dreijähriger Sanierung ist der Innenraum erst seit einigen Monaten wieder zugänglich. Daher wählte die Erzdiözese die Kirche als Begegnungsort für den diesjährigen Aschermittwoch der Künstlerinnen und Künstler. Katharina Seifert, Leiterin des Referats Kunst, Kultur, Kirche im Erzbischöflichen Ordinariat, berichtete von einer jahrzehntelangen Tradition: Der französische Dichter und Diplomat Paul Claudel begründete sie 1945 in Paris. Kardinal Josef Frings griff die Idee 1950 für das Erzbistum Köln auf. Seit 2005 empfängt die Erzdiözese Freiburg zu Beginn der Fastenzeit Kunstschaffende verschiedener Sparten. 


Vergänglichkeit und Vollendung


In diesem Jahr fiel der Aschermittwoch kalendarisch mit dem Valentinstag zusammen, was selten vorkommt und manchen Christen ins Grübeln bringen dürfte. Tag der Buße und Tag der Liebe, Aschekreuz und Schokoladenherz. Doch gerade diese Spannung hat die Kunstschaffenden Matthias Koffler und Anja Schwarz-Düser zu ihrer Installation „BerührungsMomente“ inspiriert. 
 
„Der Aschermittwoch erinnert uns an unsere Vergänglichkeit, der Valentinstag verspricht Vollendung“, sagt Pfarradministrator Matthias Koffler, Leiter der Seelsorgeeinheit Baden-Baden. Eine Ahnung von beidem vermittle das „Hohelied der Liebe“ aus dem 13. Kapitel des 1. Korintherbriefs: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht.“ 
 


Für ihre Installation haben Matthias Koffler und Anja Schwarz-Düser, Kunsthistorikerin und Ausstellungsgestalterin aus Karlsruhe, die drei im „Hohelied der Liebe“ erwähnten christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe um „Leben“ ergänzt. Zu jedem der vier Begriffe gibt es eine Stele mit Schlagworten, Lyrik und Prosa aus verschiedenen Epochen sowie ein schwebendes verspiegeltes Silhouettenpaar: die Schöpfung, Mutter und Kind, ein Kuss, zwei Trapezartisten. Beim längeren Betrachten eröffnen sich immer neue Perspektiven – die Figuren wenden sich einander zu oder voneinander ab, reflektieren sich wechselseitig, nehmen architektonische Elemente des Kirchenraums auf. So treten Sakralbau und moderne Kunst in einen lebendigen Austausch.

Zugleich fängt die Installation Momente des Berührens und Berührtwerdens ein. „Dabei geht es nicht um neurologische oder psychologische Erklärungen, sondern um Assoziationen auf verschiedenen Ebenen“, erklärt Anja Schwarz-Düser. Bei der Vorstellung der Installation zeigten die beiden Kunstschaffenden in einer Performance, was Berührung bedeuten kann: Bewegung, Nähe, Vertrauen und Geborgenheit, gelegentlich aber auch Bedrohung. Auch die Stelen sparen das Problem unwillkommener Berührung nicht aus. Grafisch und literarisch vergegenwärtigen sie unterschiedliche Aspekte der Berührung – körperliche, geistige, seelische und spirituelle. An die Vorstellung der Installation in der Stiftskirche Baden-Baden schloss sich eine Wort-Gottes-Feier mit Weihbischof Christian Würtz an. Abschließend spielten die Pianistin Meri Tschabaschwili und der Cellist Roger Morelló Ros unter der künstlerischen Leitung von Martin Králik Werke verschiedener Komponisten von Robert Schumann bis Manuel de Falla. Die Installation „Berührungs-Momente“ wird von der Erzbischof Hermann Stiftung der Erzdiözese Freiburg gefördert und ist noch bis Palmsonntag zu besichtigen.
 
Sibylle Orgeldinger
Besichtigung
Installation „BerührungsMomente“ bis 24. März in der Stiftskirche Baden-Baden, geöffnet Montag bis Sonntag 9 bis 17 Uhr; City-Messe mit Bezug zur Installation donnerstags 12.15 Uhr. Mehr Informationen unter www.kath-baden-baden.de