Von der Wiedervereinigung bis zur Überwindung der Finanzkrise: Wolfgang Schäuble gehörte zu den wichtigsten Lenkern der deutschen Politik. An Weihnachten ist der in Freiburg geborene CDU-Politiker im Kreis seiner Familie gestorben.
Trotz Alters und gesundheitlicher Probleme – Wolfgang Schäuble konnte nie von der Politik lassen. Während andere längst ihren Ruhestand genossen, trieb den CDU-Politiker weiter der politische Gestaltungswille an. Als «Parlamentarier aus Leidenschaft» bezeichnete er sich einst selbst. Am Dienstag, dem zweiten Weihnachtstag, ist der gebürtige Freiburger nun im Alter von 81 Jahren im Kreis seiner Familie gestorben.
Wolfgang Schäuble starb im Alter von 81 Jahren an einem Krebsleiden.
Von 2017 bis 2021 stand Schäuble noch als Bundestagspräsident für Ansehen und Würde des Parlaments ein, angesichts von rechtspopulistischen Ausfällen der AfD. Von 1972 bis 2023 war er 51 Jahre lang Mitglied des Bundestags und damit der am längsten amtierende Abgeordnete der deutschen Parlamentsgeschichte. Bei jeder Wahl konnte er das Direktmandat in seinem Heimatwahlkreis Offenburg in Baden-Württemberg erringen.
Seine steile Karriere war eng mit Helmut Kohl verbunden
Der zweite von drei Söhnen des CDU-Abgeordneten Karl Schäuble im Badischen Landtag begann seine eigene politisch Karriere 1961 mit dem Eintritt in die Junge Union. Während des Studiums der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften wurde er RCDS-Vorsitzender in Freiburg und Hamburg. Seine steile Parteikarriere war aufs engste mit Helmut Kohl verbunden, der ihm zum Schicksal werden sollte. Nach dessen Wahl zum Bundeskanzler am 1. Oktober 1982 wurde Schäuble Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion. Kohl berief ihn später zum Chef des Kanzleramts und im April 1989 zum Bundesinnenminister.
In dieser Funktion fiel ihm die Mammutaufgabe zu, den Einheitsvertrag mit der DDR auszuhandeln. Der junge Minister schrieb Geschichte – und empfahl sich für Höheres. Bei der Debatte um den Regierungsumzug von Bonn nach Berlin galt seine Rede als Wendepunkt für das Votum für Berlin als Hauptstadt der wiedervereinigten Bundesrepublik. Um sich den Rücken frei zu halten, erklärte ihn Kohl 1997 schließlich zum «Kronprinzen» – für 2002.
Als Angela Merkel an ihm vorbeizog
Aber das zunehmend gespannte Verhältnis zerbrach mit der Parteispendenaffäre. Sie besiegelte das Ende der Ära Kohl. Schäuble selbst musste im Februar 2000 den Partei- und Fraktionsvorsitz niederlegen und zuschauen, wie die junge Angela Merkel an ihm vorbeizog. Der Historiker Hans-Peter Schwarz bezeichnete Schäuble einst als «fähigste und zugleich tragischste Persönlichkeit in der neueren CDU-Geschichte». Stets blieben ihm die höchsten Staatsämter – Bundeskanzler ebenso wie Bundespräsident – verwehrt, für die er zweifellos geeignet gewesen wäre.
Als Ressortchef unter Merkel gestaltete der Ausnahmepolitiker maßgeblich weiter die Geschicke Deutschlands mit. Mit der Islamkonferenz legte er die Grundlage für eine bessere Integration von Millionen Muslimen, auch gegen Vorbehalte in den eigenen Reihen. Als Finanzminister navigierte er Deutschland durch die Finanzkrise. Zur Euro-Rettung kämpfte der überzeugte Europäer auch mit harten Bandagen. Für seine Verdienste um die «Wiedervereinigung und Neuordnung Europas» erhielt er 2012 den Aachener Karlspreis. Kritikern erschien Schäubles Pragmatismus bisweilen grenzenlos. Seine Sicherheitspolitik brachte ihm den negativen «Big Brother Award» ein. In der Bioethik plädierte er beim Embryonenschutz eher für Forschungsfreiheit und Einzelfallentscheidungen.
Politiker und Kirchenobere schätzten den überzeugten Christen, der das klare Wort nie scheute.
Wie groß sein Einfluss in der Partei bis zuletzt war, stellte er als Königsmacher von Friedrich Merz bei der Wahl zum CDU-Parteivorsitzenden im Frühjahr 2022 unter Beweis. Zu Schäubles Tod bezeichnete Merz ihn auf der Plattform X, ehemals Twitter, als «meinen engsten Freund und Ratgeber, den ich in der Politik je hatte».
In Bezug auf das Weltgeschehen drückte das christdemokratische Urgestein zuletzt jedoch Ernüchterung aus. In seinem am vergangenen Wochenende veröffentlichten und mutmaßlich letzten Interview in der «Welt» sagte Schäuble, dass er noch nie eine solche Krisenzeit wie aktuell erlebt habe. «Alle diese Krisen heute fallen zudem in eine Zeit, in der die Dominanz der westlichen Welt abnimmt, was die für uns ersichtlichen Gefahren nicht gerade kleiner macht.» Die deutsche Gesellschaft rief er dazu auf, wieder länger zu arbeiten; «das Bewusstsein von Anstrengung, Fleiß und Arbeit», müsse wieder stärker in Erziehung und Bildung verankert werden.
Schäubles christlicher Glaube
Trotz düsterer Aussichten dürfe die Hoffnung jedoch nicht aufgegeben werden, sagte Schäuble der «Welt». Darin manifestierte sich auch sein christlicher Glaube. Dass dieser ihm persönlich gerade in schwierigen Momenten Kraft gab, hat der überzeugte Protestant mehrfach bekannt – nicht zuletzt mit Blick auf das Attentat 1990, seit dem er querschnittgelähmt ist. Kirche stehe für ihn zuerst für «Halt, Geborgenheit und Gemeinschaft», so Schäuble einst.
Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, würdigte den früheren Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble als Ausnahmepolitiker. «Mit seiner Persönlichkeit hat er Deutschland geprägt mit unermüdlichem Einsatz, politischer Hingabe, visionärem Blick und mutigen Entscheidungen», erklärte Bätzing . In seinen 51 Jahren als Mitglied des Bundestags habe Schäuble «immer wohlwollend und konstruktiv-kritisch den Weg der katholischen Kirche in Deutschland begleitet», so der Limburger Bischof. «Dafür bin ich ihm zutiefst dankbar.»
Politiker aus Baden-Württemberg würdigen Wolfgang Schäuble
Auch zahlreiche Politiker in Baden-Württemberg würdigten Wolfgang Schäuble als Ausnahmepolitiker und großen Europäer. «Deutschland und Baden-Württemberg verlieren mit ihm einen engagierten Demokraten und überzeugten Parlamentarier, der entscheidende Jahre der Bundespolitik maßgeblich geprägt hat», sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Auch Baden-Württemberg verdanke Schäuble viel.
Der Vorsitzende der CDU in Baden-Württemberg, Manuel Hagel, nannte Schäuble einen Jahrhundertpolitiker. «Mit ihm verliert die CDU Baden-Württemberg einen feinen Menschen und großartigen Politiker.» Schäuble habe der Deutschen Einheit den Weg bereitet und «diese Einheit zum Pulsschlag für ein geeintes Europa gemacht». Er habe Deutschland gedient und unermüdlich für Demokratie gekämpft.
Der SPD-Landeschef Andreas Stoch beschrieb Schäuble als überzeugten Europäer und Baden-Württemberger. «Wolfgang Schäuble hat immer vorgelebt, was es heißt, in der Politik nicht die Meinung, aber die Grundwerte zu teilen. Unser Respekt gilt dem Lebenswerk eines großen Demokraten, unser Mitgefühl gilt seiner Familie.»