„Sie spüren, was Antisemitismus ist“

27.11.2023 |

Ist der Israel-Gaza-Krieg nicht schon schrecklich genug, hat er auch noch hierzulande traurige Nebenwirkungen. Allen voran einen wachsenden und offen gezeigten Antisemitismus. Wie gehen jüdische Jugendliche in Baden damit um?

Die Kette, die Sophie normalerweise trägt, hängt seit Wochen bei ihr im Zimmer an der Wand. Nicht weil sie sie nicht mehr schön findet, sondern weil sie sich ohne derzeit sicherer fühlt. Sophie ist Jüdin, die Kette hat einen Davidstern als Anhänger. „Ich möchte zurzeit nicht, dass man gleich erkennt, dass ich Jüdin bin“, sagt die 14-Jährige. 
 
Ihre Kette mit dem Davidstern trägt die 14-jährige Sophie zurzeit nicht. Seit dem Angriff der Hamas auf Israel möchte sie lieber nicht als Jüdin erkannt werden. 
Die Kette ist nur ein kleines Zeichen dafür, wie sich das Leben für viele Juden in Deutschland seit dem grausamen Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober geändert hat. Nicht in ihren äußeren Rahmenbedingungen, sondern in ihrem Innenleben. In der schlichten Frage wie sicher und wie wohl sie sich in einem Land fühlen, in dem die Zahl antisemitischer Übergriffe und antisemitischer Parolen nicht nur auf propalästinensischen Kundgebungen auf der Straße oder auch im Netz erschreckend angewachsen sind. 
 
Sophie ist engagiert in der Jüdischen Jugend Baden, kurz JuJuBa. Mit ihren Freundinnen und Freunden hat sie viel über die Ereignisse der verganenen Wochen geredet. „Die Jungen und Mädchen gehen sehr gut und entspannt mit allem um“, sagt Susanne Benizri. Seit über 20 Jahren ist sie Religionslehrerin für die Israelitische Religionsgemeinschaft Baden, gibt wöchentlich Unterricht in Pforzheim, Karlsruhe und Mannheim. Gleichzeitig arbeitet sie in vielen Gremien und Räten des Landes mit, beispielsweise im Expertenrat der Landesregierung gegen Antisemitismus. Zudem ist sie als Leiterin des Erziehungsreferats des IRG auch mit großer Leidenschaft in der JuJuBa für die Jugendlichen im Einsatz. „Die Jugendlichen sind enger zusammengerückt, auch weil sie vermehrt spüren, was Antisemitismus ist.“
 
„Dieser Tag hat mir Angst gemacht“
 
Für die Herbstferien war für die Jugendlichen eine große Reise geplant gewesen. Es sollte nach Israel gehen. Viele Monate an Vorbereitung steckten in der Reise, und noch mehr Vorfreude bei den Jungen und Mädchen. Mit dem Angriff der Hamas war sofort klar, dass die Reise nicht stattfinden können würde. Schlussendlich gelang es Susanne Benizri und ihren Mitstreitern noch eine Alternative zu finden. Ein abgeschiedenes Haus in der Provence. „Mitten im Nigendwo“, sagt Susanne Benizri und erklärt, dass sie schon lange nicht mehr mit der Gruppe in französische Großstädte reisen würde: zu gefährlich. Als sie jetzt bei der Freizeit einen Ausflug nach Avignon machten, sagte sie zu den Jugendlichen: „Bitte tragt keinen Davidstern, und sprecht kein Ivrit, wenn wir dort sind.“ Aber sie ergänzte noch: „ Ich werde alles dafür tun, dass ich so etwas nicht noch einmal zu euch sagen muss.“  
 
Zwar kam es in vielen Städten zu Solidaritätskundgebungen für Israel nach dem Angriff der Hamas, aber gleichzeitig nahmen auch in ganz Deutschland antisemitische Übergriffe zu, unter anderem auch auf den zahlreichen propalästinensischen Kundgebungen.
Auch für Susanne Benizri war der 7. Oktober ein Schock. „Jede jüdische Familie in Deutschland hat auch Verwandte und Bekannte in Israel und von denen ist jeder durch den Angriff in irgendeiner Weise betroffen“, sagt sie. Der Freitag danach, der 13. Oktober, an dem die Hamas zu einem „globalen Tag des Dschihad“ aufgerufen hatte, und an dem es auch in Deutschland zu zahlreichen propalästinensischen Kundgebungen gekommen ist, war ein großer Einschnitt für sie. „Dieser Tag hat mir Angst gemacht.“ Das erste Mal in ihrem Leben spürte sie Angst auf dem Weg zur Synagoge. Ein Gefühl, das sie bisher so nicht kannte. Auf die Frage, ob sie sich seitdem schon Gedanken gemacht hat, ihr Heimatland Deutschland zu verlassen, antwortet sie: „Wo können wir denn überhaupt hin?“ Und sie erinnert an die schwierige Situation der Juden in vielen anderen europäischen Ländern, um dann hinzuzufügen: „Ich bin wirklich froh in Deutschland zu leben“, sagt sie. 
 
„Wir sind keine Opfer“ 
 
Trotz des zunehmenden Antisemitismus in Deutschland ist Susanne Benizri zuversichtlich. Schon alleine deshalb, um den Kindern und jugendlichen, mit denen sie täglich zusammenarbeitet, zu vermitteln: „Jüdisch zu sein hat nichts mit Schwäche zu tun. Wir sind keine Opfer.“ 
Umso mehr erhofft sie sich von der Politik, dass sie den Kampf gegen Antisemitismus forciert. Das bedeutet für sie auch, dass die muslimischen Verbände stärker in die Pflicht genommen werden, sich klar zum Grundgesetz zu positionieren. „Und es kann doch auch nicht sein, dass man in Deutschland türkisches Propagandafernsehen schauen kann, in dem israelfeindliches Programm läuft.“

Susanne Benizri selbst ist kämpferisch: „Ich werde mich mit jeder Faser für meine Jugendlichen einsetzen“, sagt sie. „Die sind toll, die haben es verdient.“ Trost und Kraft haben ihr in diesen Wochen auch Nachrichten wie die der muslimischen Kollegin gegeben, die nach dem Angriff der Hamas  ihr gleich geschrieben hat: „Wie es ihr geht?“ Solche echte Solidaritätsbekundungen hätte sie auch von anderen gewünscht. Sie hätten ihr und anderen jüdischen Mitbürgern und Mitbürgerinnen in diesen schwierigen Zeiten sicherlich geholfen. 
 
Von Daniel Gerber
 
Info
Um katholische Religionslehrkräfte bei ihrer Arbeit für den Frieden und gegen Antisemitismus zu unterstützen, hat das Institut für Religionspädagogik der Erzdiözese Freiburg seine neue Publikation des „irp-aktuell“ unter dieses Thema gestellt. Unter dem Titel „Klare Kante gegen Antisemitismus“ sind Unterrichtsvorschläge, Filmtipps und weitere Informationen und Hilfen versammelt. Die Ausgabe steht auf der Seite irp-freiburg.de kostenfrei zum Herunterladen bereit.