Gleich zu Beginn seines Aufenthalts in Todtmoos musste Michael Winter gestehen, dass er den beliebten Wallfahrts-und Kurort bis dato noch nie besucht hatte. Am Ende des Tages stand für ihn fest: Besser spät als nie.
Heilsame Umgebung: In Todtmoos erfahren Menschen körperliche und spirituelle Stärkung.
Pater Roman Brud ist geradezu entsetzt. „Nein!“, sagt er „Das kann doch nicht wahr sein!“ Eher nebenbei habe ich ihm zuvor gestanden, dass ich bis dato noch nie in Todtmoos gewesen bin. Unfassbar für den Ordensmann im weißen Gewand der Pauliner, der erst vor Kurzem sein 40-jähriges Priesterjubiläum feiern konnte. „Todtmoos, das ist doch ein Wallfahrtsort, ein Gnadenort und noch dazu ein staatlich anerkannter Luftkurort!“, erklärt er.
Weiter ausholen kann Pater Roman zunächst nicht. Denn er wird immer wieder unterbrochen. Von Menschen, die an diesem späten Vormittag rund um die Wallfahrtskirche Unserer Lieben Frau in Todtmoos unterwegs sind und ihn freundlich grüßen. Worauf Pater Roman ihnen ein ebenso freundliches „Hallo“ oder „Guten Tag“ zuruft. Alle kennen Pater Roman, so scheint es. Und umgekehrt kennt er sie.
Roman Brud, vor dem historischen Pfarrhaus und der Wallfahrtskirche. Alle kennen den Paulinerpater, so scheint es. Und umgekehrt.
Das liegt sicher zuerst an der Persönlichkeit des aus Polen stammenden Priesters und Ordensmanns, der immer ein offenes Ohr hat und den Menschen stets zugewandt und freundlich begegnet. Es liegt aber auch am Ort. Die Wallfahrtskirche und damit verbunden das kleine Kloster der Pauliner ist für viele Menschen aus der Region und weit darüber hinaus eine wichtige spirituelle Tankstelle, ein Raum der Einkehr, des Gebets und des Trostes, den sie immer wieder aufsuchen. Dazu kommt das Dorf selbst, einschließlich seiner 13 kleinen Ortsteile: Todtmoos ist ein Ort zum Aufatmen. Nicht nur wegen seiner staatlich geprüften guten Luft, sondern auch wegen seiner malerischen Lage auf etwa 700 Metern Höhe, umgeben von der Bergwelt des Hochschwarzwalds. In Kilometern gemessen, sind weder der Rhein noch größere Städte wie Freiburg und Basel sonderlich weit entfernt. Was Landschaft, Klima und Atmosphäre angeht, liegen allerdings Welten zwischen den Ballungsgebieten in der Ebene und dem beschaulichen Dorf mit seinen gerade mal 2000 Einwohnern. Kein Wunder, dass sich in Todtmoos auch große Reha-Kliniken befinden, die insbesondere auf Atemwegserkrankungen und psychosomatische Symptome spezialisiert sind. Im besten Fall ergänzen sich medizinische Maßnahmen und die Stärkung, die Menschen durch Gebet und Gespräche im Umfeld der Wallfahrtskirche erfahren.
Ausgangspunkt und Mittelpunkt des Dorfes: die Wallfahrtskirche Unserer Lieben Frau.
Wobei die Kirche und der Ort auch rein historisch betrachtet gar nicht zu trennen sind. Das zeigt die Gründungslegende der Wallfahrt. Dort, wo die Muttergottes im Jahr 1255 dem frommen Priester Dietrich von Rickenbach erschien, war damals nichts weiter als „totes Moos“. Dietrich von Rickenbach folgte der Überlieferung nach der Aufforderung der Gottesmutter, eine Tanne zu fällen und eine Kapelle zu errichten. Diese wurde alsbald durch ein Kirchlein aus Stein ersetzt, das wiederum bereits 1268 zur Pfarrkirche erhoben wurde. Um diese herum und im Zuge der schnell aufblühenden Wallfahrt entwickelte sich dann auch das Dorf Todtmoos. Der heutige Kirchenbau geht im Wesentlichen auf das frühe 17. Jahrhundert zurück und beeindruckt durch seine barocke Ausstattung. Zuletzt erfuhr die Kirche im Jahr 1927 eine Vergrößerung.
Rund um die Wallfahrt entwickelte sich mit der Zeit auch der Ort Todtmoos
Ein Besuch der Wallfahrtskirche sollte auch für religiös unmusikalische Zeitgenossen auf dem Programm eines Aufenthaltes in Todtmoos stehen. Abgesehen von zahlreichen wertvollen Kunstwerken lohnt allein schon das Gnadenbild über dem Hochaltar einen längeren und intensiveren Blick. Es handelt sich dabei um eine Pietà aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Trauer und Schmerz angesichts des toten Sohnes auf ihrem Schoß prägen die Gesichtszüge der gekrönten Madonna. Die Holzskulptur wurde offenbar schon früh durch einen Brand stark zerstört. Seit Jahrhunderten bedecken Gewänder die beschädigten Stellen. Nur die Köpfe und Gesichter von Maria und Jesus sind sichtbar. Umso interessanter war es vor einiger Zeit für die angestammten Besucher der Kirche, die Skulptur im Anschluss an Konservierungsarbeiten vorübergehend ohne Ummantelung zu betrachten. Viele waren beeindruckt. „Wir überlegen, ob wir das Gnadenbild künftig nicht zeitweise ohne Gewand zeigen, zum Beispiel während der Fastenzeit“, sagt Roman Brud.
„Maria von Todtmoos lässt niemanden hilflos.“ Für diese Erfahrung steht die 2018 errichtete Statue über dem Dorf.
Der Ordensmann ist sowohl Leiter der Seelsorgeeinheit Todtmoos-Bernau als auch Prior des kleinen Klosters der Pauliner, das er selbst im Jahr 1987 in Todtmoos gegründet hat. Zwischenzeitlich war Roman Brud Pfarrer in Dauchingen bei Villingen, in St. Märgen und im Dreisamtal, bevor er 2016 wieder nach Todtmoos kam. „Ich wollte zu Maria zurück“, sagt er. Und kaum hatte sich dieser Wunsch erfüllt, machte er sich daran, mithilfe von Spenden und eines Fördervereins in dem Kurort einen weiteren sichtbaren marianischen Akzent zu setzen. 2018 konnte auf der Kälberweid hoch über dem Dorf eine über drei Meter hohe Marienstatue aufgestellt werden, die inzwischen als weiteres Wahrzeichen von Todtmoos gilt. Die Sandsteinskulptur zeigt eine betende Maria, deren Gesicht Zuversicht und Kraft ausstrahlt und die als „Mutter der Hoffnung“ Nähe und Beistand verspricht. Ganz so wie es den alten Pilgerbüchern zufolge unzählige Menschen in Not über die Jahrhunderte hindurch erfahren haben. Eben dieser Erfahrung entspricht auch der im Volksmund bekannte, tröstende und ermutigende Spruch, der über einer Nische unterhalb der Statue angebracht wurde und der auch auf verschiedenen Devotionalien zu lesen ist: „Maria von Todtmoos lässt niemanden hilflos.“ Es sind nur 800 Meter Fußweg von der Wallfahrtskirche hinauf zur „Mutter von Todtmoos“ auf der Kälberweid. Für viele Pilgerinnen und Pilger gehört diese kurze Wanderung inzwischen schon selbstverständlich zu ihrem Todtmoos-Programm.
Roman Brud bildet zusammen mit zwei weiteren Patres die kleine Kommunität der Pauliner in Todtmoos. Ihr Kloster ist das Pfarrhaus. Wobei die Frage ist, ob für das direkt bei der Kirche gelegene Gebäude der Begriff „Pfarrhaus“ noch passend ist. Eher nicht. Allein schon seine Dimension und seine Architektur und dann erst recht die fast unverändert erhaltene Innenausstattung macht dieses 1733 errichtete Gebäude zu einer weiteren historischen Sehenswürdigkeit, die sich Besucher von Todtmoos nicht entgehen lassen sollten. Nachdem dort angesichts der Bedeutung der Wallfahrt bereits Anfang des 16. Jahrhunderts ein Priorat der nahe gelegenen Abtei St. Blasien eingerichtet wurde, erfolgte 1737 die Erhebung des Neubaus zur Sommerresidenz der Fürstäbte von St. Blasien. Wer heute das Haus betritt, findet sich in einem fast spektakulär anmutenden Foyer wieder, das ebenso original erhalten ist wie das ehemalige Refektorium, das die Pauliner als Ausstellungsraum eingerichtet haben. Ausladende Treppenaufgänge führen ins Obergeschoss, wiederum mit einem großen Foyer und den angrenzenden Wohnräumen der Patres.
Auch regnerische Tage lassen sich in Todtmoos problemlos gestalten
Das Gnadenbild der Wallfahrtskirche. Seit Jahrhunderten bedecken Gewänder die durch einen Brand beschädigten Teile der Pietà.
Auf dem Weg vom Dorf zur Wallfahrtskirche und zurück passieren Todtmoos-Besucher auch mehrere historische Wallfahrtsstände, die den Pilgern in der Vergangenheit als Verpflegungsstationen dienten. Hier bekamen sie das sogenannte „Pilgerbrot“, ein Lebkuchengebäck, das bis heute als ganz besondere Spezialität und kulinarisches Markenzeichen des Dorfes gilt. Bis dahin, dass die Todtmooser im Volksmund „Lebküchler“ genannt werden. Das nehmen sie gerne in Kauf. Denn das süße „Pilgerbrot“ verkauft sich immer noch gut. Auch und gerade als Proviant für diejenigen, die in erster Linie als Wanderer nach Todtmoos kommen. Denn bei aller religiösen Bedeutung darf die Attraktivität des Dorfes als Ausgangspunkt für eine ganze Reihe herausragender Wanderwege unterschiedlicher Länge und Schwierigkeitsgrade nicht unerwähnt bleiben. Allen voran der „Lebküchlerweg“, der am Schwimmbadparkplatz beginnt und über gut zwölf Kilometer vorbei am Hochkopf, an den bekannten Todtmooser Wasserfällen und an der wunderschön gelegenen, 1828 erbauten Josefskapelle im Ortsteil Strick zurück zum Ausgangspunkt führt.
Übrigens lassen sich in Todtmoos auch regnerische Tage problemlos gestalten. Ein im Jahr 1810 erbautes und original erhaltenes Schwarzwaldhaus beherbergt das Heimatmuseum, in dem sich die Ortsgeschichte und die Lebensverhältnisse der Menschen anhand von historisch eingerichteten Räumen, Alltagsgegenständen, Fotos, Landkarten und religiösen Kunstwerken nachvollziehen lässt.
Zum Alltag der Bevölkerung in Todtmoos gehörte kurzzeitig auch der Bergbau. Zwar blieb trotz ebenso zahlreicher wie mühsamer Grabungen der wirtschaftliche Erfolg aus. Immerhin konnte aber in den vorhandenen Schächten im Jahr 2000 ein Schaubergwerk eröffnen: der „Hoffnungssstollen“. Er ermöglicht gerade auch Kindern spannende Einblicke in ein hartes Geschäft und erzählt auch von Vergeblichkeit und enttäuschten Hoffnungen.
Die Todtmooser Wasserfälle sind ein beliebtes Ziel für Wanderer.
Erfahrungen, die auch den frömmsten Pilgerinnen und Pilgern im Leben nicht erspart bleiben. Aber angesichts der „Mutter der Hoffnung“ gehen sie einher mit der gläubigen Zuversicht, dass sich vieles zum Guten wenden kann und sich immer wieder neue Perspektiven auftun. Am Ende des Tages in Todtmoos steht auf jeden Fall die Hoffnung, dass dieser erste Besuch nicht der letzte gewesen ist.