Tausche Glitzerwelt gegen Kloster

17.10.2023 |

Schwester Jovanna tauschte Leitungsfunktion gegen Armut

Schwester Jovanna tauschte einst Make-up gegen den Ordenshabit – und überzeugte in Freiburg Patricia Kelly, auch mal das Klosterleben auszuprobieren.
 
Genau das wollte auch SWR-Studioleiter Christoph Ebner von der libanesischen Ordensschwester Jovanna Abillama wissen: „Wie konnte das gelingen, die Glitzerwelt und den Reichtum zu verlassen?“ Darauf lächelt Schwester Jovanna schlicht und sagt ohne zu Zögern. „Reichtum? erst jetzt bin ich doch reich ...“ 

In ihrem zivilen Leben studierte die Frau aus Beirut zuerst Rechtswissenschaften, bevor sie in die Vereinten Arabischen Emirate zog, wo sie Hochzeiten, Messen und andere Veranstaltungen organisierte, sich um Inneneinrichtungen kümmerte und Mobiliar vermietete. Mit ziemlich viel Erfolg, denn sie trug zuletzt Verantwortung für 180 Angestellte. „Und Anfragen von Männern hatte ich auch genug, aber so richtig Lust hatte ich nicht dazu“, erzählt sie, als sie jetzt mit einer Delegation aus dem Libanon in Freiburg war, um den Monat der Weltmission zu eröffnen. 
 
„Reichtum? Jetzt bin ich doch erst richtig reich ...“

Schwester Jovanna Abbillama

„Nach zehn Jahren als Business- und Eventmanagerin in Dubai dachte ich, es reicht: 40 Jahre für die Menschen und 40 Jahre für mich“, sagte sie sich und machte einen tiefen Schnitt. Nach einer Nacht Zwischenstopp bei der Familie in der libanesischen Hauptstadt verordnete sie sich eine Klausur bei den Schwestern in Deir al-Ahmar – einem Ort, an den sie sich schon früher gelegentlich zu spirituellen Auszeiten zurückgezogen hatte. „Drei, vier Tage“, so lautete der Plan. Aus ihnen wurden zehn. Trotz 180 Angestellten in den Emiraten blieb Jovanas Mobiltelefon in diesen Tagen aus.

Als sie das nächste Mal nach Deir al-Ahmar kam, knapp zwei Monate nach ihrer Auszeit, kam Jovanna, um zu bleiben. „Meine Eltern konnten nicht verstehen, warum ich meine Arbeit aufgegeben habe. Ich sagte ihnen, ich werde heiraten, seid glücklich, aber kauft keine Kleidung“, lacht Jovanna. Auch die Ordensoberin begegnete der Eventmanagerin mit einer gewissen Skepsis. Ob sie nach Jahren der Unabhängigkeit dieses Leben leben könne? „Ich antwortete ihr, dass ich sie beeindrucken werde.“
 
Schwester Jovanna bei der Jugendarbeit in Deir al-Ahmar im Libanon.

„Hier bin ich frei“, sagt die Libanesin aus einer christlichen Familie. Für ihr Leben als „Schwester des verlassenen Jesus“, einem kleinen libanesischen Frauenorden in Deir al-Ahmar in der Bekaa-Ebene, hat Jovanna ihr Business-Kostüm gegen den blau-braunen Habit getauscht – und zu sich selbst gefunden.

Knapp vier Jahre später sitzt Jovanna im Habit auf dem Boden einer Betonkirche im Ortskern von Deir al-Ahmar. In der Hand hält sie einen gelben Wollfaden, an dessen Ende ein Knäuel wieder und wieder den Raum durchquert, bis sich ein spinnennetzartiges Gewebe im Sitzkreis aus Kindern und Ordensfrauen spannt. Jugendarbeit und Katechese sind elementarer Teil der Mission des jungen Ordens, der seinen Ursprung in den 1990er-Jahren in Deir al-Ahmar hat. Hilfe für junge Ehepaare und die Sorge um Kranke, Verzweifelte und Einsame gehören auch dazu.
 
„Ich dachte, jetzt reicht es: 40 Jahre für die Menschen und 40 Jahre für mich.“

Schwester Jovanna Abbillama

„Unsere wichtigste Regel“, sagt Schwester Jovanna, „ist zu lernen, alle Menschen zu lieben, auch in den härtesten Zeiten.“ Obwohl ihre Arbeit im Leben vor dem Kloster wesentlich härter und disziplinierter gewesen sei, nämlich „geradezu toxisch für mich“.
„Ich weiß nicht warum, aber ich fühle mich sicher und geborgen an diesem Ort“, sagt Schwester Jovanna. Sakrosankt ist ihr das kleine Kloster auf einem Hügel über den Feldern von Deir al-Ahmar trotzdem nicht: „Ich glaube, dass man ist, wer man ist, unabhängig davon, wo man ist. Ich bin mit Jesus gekommen und kann mit Jesus auch wieder gehen.“
 
Das Kloster der „Schwestern vom verlassenden Jesus“ im Libanon.
 
Nach Dubai oder in ihren früheren Beruf zurückzukehren, kann sich Jovanna Abillama nicht vorstellen. „Die Emirate müssten zu mir kommen. Ich habe ihnen gegeben, was sie brauchten, nicht umgekehrt“, ist sie überzeugt. Lieber bringt sie sich mit Organisationstalent und Managementerfahrung in der kleinen Gemeinschaft aus derzeit elf Schwestern ein. „Manchmal versteht man, warum Gott einen genau an diesem Ort will, aber ich weiß natürlich auch, dass ich meine Fähigkeiten nicht eins zu eins aus dem Business auf das Kloster anwenden kann.“ Manchmal sei ihre Erfahrung hilfreich, manchmal müsse aber auch der Heilige Geist für eine sanfte Umsetzung sorgen oder es sei schweigende Zurückhaltung angebracht.
 
Patricia Kelly verspricht, ins Kloster zu den „Schwestern des verlassenen Jesus“ zu reisen

Nicht der eigene, sondern Gottes Wille geschehe, sei das Lebensmotto der Schwestern, in Anlehnung an das biblisch überlieferte Gebet Jesu am Ölberg in der Nacht seiner Festnahme. Die Gemeinschaft glaube daran, dass jeder Mensch irgendwo ein vergessener Jesus sei, der in bestimmten Momenten zu Gott rufe, weil er sich verlassen fühle. „Unser Kloster hat deshalb keine geschlossenen Türen. Wir sind hier, um nach unseren Möglichkeiten mit jedem Jesus zu teilen, was er braucht.“ In diesem Sinne „richtig zu lieben“, sagt Schwester Jovanna, sei die eigentliche Herausforderung des Lebens der Gemeinschaft und gleichzeitig eine, die keine Klosterregel erreichen kann. „Ich hätte nicht gedacht, dass dies etwas ist, was ich leben kann und gerne lebe.“

Man merkt es ihr schnell an, welche Talente sie hat. Jovanna redet begeisternd, sie versteht es zuzuhören, aber auch beherzt das Wort zu ergreifen. So etwa bei der Soirée von Patricia Kelly: Die Gesprächsrunde, in der die Ordensschwester und der Popstar aus ihrem Leben und von ihrem Glauben erzählen, war eigentlich schon beendet. Gerade hatte Patricia Kelly ihren großen Respekt vor der Arbeit der Schwestern ausgedrückt und Hilfe angeboten, „wenn ich etwas tun kann ...“ Worauf beherzt die Schwester antwortet: „Ja. das können Sie! Kommen Sie zu uns ins Kloster: Eine Woche, einen Monat, ein Jahr. Wir stehen bereit, Sie setzen ein Zeichen und Sie lernen unser Leben kennen.“ Der Showstar war sichtlich überrumpelt. Ein Blick zum Ehemann, ein Blick zur Ordensschwester, eine kleine Pause – und dann das große Versprechen: „Ja, gut, ich komme.“ Patricia Kelly – aus der Glitzerwelt des Showbusiness ins karge Klosterleben der Bekaa-Ebene, Teil 2.
 
Andrea Krogmann und Klaus Gaßner